• The Wall Street Journal

Megavillen verdrängen Englands historische Häuser

[image] Knight Frank

"Hyale" nennt sich die Megavilla, die mit 871 Quadratmetern Wohnfläche fast doppelt so groß ist wie der historische Vorgängerbau.

Seit über einem Jahrhundert ist die Bishops Avenue nahe dem Londoner Hampstead Heath eine bevorzugte Adresse für die reichsten Immobilienkäufer in Europa. Doch seit neuestem tauchen an der „Billionaire's Row", wie die Straße scherzhaft genannt wird, immer mehr neue Megavillen mit eigenen Fitnessräumen und Kinos auf.

Trevor Abrahmsohn, Geschäftsführer bei Glentree International, der seit 38 Jahren Häuser an dieser Straße verkauft, schätzt, dass schon die Hälfte der ursprünglichen Häuser an dieser Straße abgerissen und mit neuen Gebäuden ersetzt worden sind.

Ein solches Gebäude, das verschwunden ist, hieß Jersey House. Diskrete Säulen standen um den Eingang, als es 1929 gebaut wurde. Vor kurzem wurde es abgerissen, um einem 1850 Quadratmeter großen Koloss Platz zu machen. Ein Makler schätzt das ursprüngliche Haus auf nur 600 Quadratmeter. Das neue Wohnhaus hat eine Lobby, die zwei Stockwerke hoch ist und von einer geteilten Treppe gesäumt wird. Überall sind Marmor, Holzvertäfelung und Seidentapeten zu sehen. Der neue Keller beherbergt einen Pool, einen Fitnessraum, eine Sauna und einen Massagesalon. Jetzt ist das Haus für fast 40 Millionen Pfund (knapp 50 Millionen Euro) auf dem Markt.

Eine ähnliche Entwicklung machen auch andere teure Gegenden in London durch, so wie St John's Wood, sowie ländliche Enklaven in der Umgebung von London und luxuriöse Seebäder wie Poole in Dorset. Auch Teile von Cheshire nahe Manchester werden auf diese Weise umgebaut, da einige örtliche Fußballstars Wert auf moderne Villen legen. Der Manchester-United-Spieler Wayne Rooney und seine Frau Coleen zum Beispiel haben ein kleineres Haus in Prestbury aus den Dreißigern mit einer neo-georgianischen Villa ersetzt. Das neue Haus hat ein privates Sportstadion und einen Garten voller Statuen.

Für Fußballstars und Königsfamilien

Dieser Trend war schon in den Neunzigern zu spüren, hat sich jedoch seit dem Beginn der Rezession beschleunigt, da viele ausländische Käufer sich auf Londoner Immobilien stürzen, um ihr Geld in Sicherheit zu bringen. Solche Käufer ziehen meist neue Immobilien vor und wollen vor allem viel Platz.

Dieser Trend macht Denkmalschützern sorgen. Doch die Bauvorschriften der Stadt schützen nicht alle historischen Häuser in London. Es wird geschätzt, dass English Heritage, eine Behörde, die die Regierung berät, 20.000 bis 30.000 Gebäude in London schützt. Bei so vielen geschützten Immobilien hat es bisher kaum zu Kontroversen geführt, dass einige weniger wichtige Immobilien abgerissen werden.

„Das Plansystem ist dazu da, um eine Weiterentwicklung zu ermöglichen", sagt Martin Bagshaw, Leiter bei der Immobilienberatung John Martin. „Wenn ein Gebäude nicht wichtig genug ist, um unter den Denkmalschutz zu fallen, kann der Gemeinderat nicht verhindern, dass es abgerissen wird." So lange das neu geplante Haus nicht höher ist als benachbarte Häuser und ihnen kein Licht wegnimmt, wird die Abrissgenehmigung wahrscheinlich erteilt, sagt Bagshaw.

Angus McQhae und seine Firma Octagon Developments haben sich darauf spezialisiert, solche Villen zu bauen. Er hat schon Häuser an Fußballstars, Mitglieder der Königsfamilien von Dubai und Abu Dhabi und an internationale Geschäftsmänner verkauft. Die Nachfrage sei in London und in den teureren umliegenden Grafschaften am größten, sagt er, so zum Beispiel in Surrey, Buckinghamshire und Berkshire. Vor kurzem habe er ein Haus in dem Dorf Windlesham in Surrey an einen Russen verkauft, für etwa 43 Millionen Dollar.

McQhae sagt, dass für diese Häuser maßgefertigte Möbel und „intelligente" programmierbare Lichtsysteme sehr beliebt seien. Umweltfreundliche Details wie Solarmodule seien auch gefragt.

Beliebtes Steuerparadies

"Was Käufer in dieser Gegend am meisten wollen sind riesige Apartments und neue Häuser. Das ist der Heilige Gral", sagt Ed Mead, Direktor der Maklerfirma Douglas & Gordon. Um das in der Londoner Innenstadt überhaupt möglich machen zu können, kaufen Bauunternehmer zwei oder drei angrenzende Grundstücke auf, belassen die historischen Fassaden so, wie sie sind, und reißen den Rest der Gebäude dahinter ab.

Neuer Luxus statt alter Gemäuer

Auch in Gegenden, wo die Steuern niedrig sind, wird so manches historische Haus abgerissen, so zum Beispiel auf der Isle of Man. Der unabhängige Status der Insel bedeutet für die Bewohner, dass sie keine Kapitalertragssteuer, Vermögenssteuer, Grunderwerbssteuer oder Erbschaftssteuer zahlen müssen. Die Einkommenssteuer beträgt währenddessen höchstens 20 Prozent, was die Gegend für Wohlhabende attraktiv macht.

Jim Brookman, Geschäftsführer der Baufirma Richmond Square, hat die letzten vier Jahre damit verbracht, Immobilien wie Oakhill Mansion 16 Meilen südlich von Douglas, der Haupstadt der Insel, zu verkaufen. Er habe das Sechs-Zimmer-Haus mit einem Nachtclub und Pferdeställen vergangenes Jahr für über 31 Millionen Dollar an einen gut 30-jährigen britischen Unternehmer verkauft.

„Es gibt nicht genug britische Käufer für diese Art von Immobilien"

„Ich glaube, dieser Sektor wird auch vom Aufkommen von Boutique-Hotels befeuert, die einst ganz einzigartig und luxuriös waren"; sagt Brookman. „Wer es sich leisten kann, so zu leben, denkt sich dann, dass er in diesem Ambiente auch jeden anderen Tag verbringen kann."

Oakhill Mansion hat ein Haus namens Ballacomish abgelöst, ein Inselfarmhaus, das Brookman als „schrecklich hässlich" bezeichnete. Die Farm plus 100.000 Quadratmeter Land kosteten ihn weniger als 4,8 Millionen Dollar.

Die große Frage ist: Was, wenn internationale Käufer das Interesse an Großbritannien verlieren und eine Reihe von Immobilien hinterlassen, die sich kaum jemand leisten kann? „Wenn sich internationale Käufer entschieden, dass sie nicht mehr nach London und in die Umgebung ziehen wollen, hätte das große Auswirkungen. Es gibt nicht genug britische Käufer für diese Art von Immobilien", sagt James Cleland, Direktor der Maklerfirma Knight Frank. „Doch derzeit gibt es absolut keine Anzeichen dafür, dass diese Käufer sich von London abwenden."

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