• The Wall Street Journal

Alte Autos verpesten in China die Luft

SCHANGHAI – Seit Tagen liegt eine dichte Smogwolke über Peking und anderen chinesischen Städten. Das hat Fragen aufgeworfen, inwieweit Autos für die Luftverschmutzung verantwortlich sind. China ist inzwischen der größte Automarkt der Welt, seit 2009 die USA überholt wurden. Im vergangenen Jahr kauften die Chinesen 19.3 Millionen Fahrzeuge – und der chinesische Autoherstellerverband geht davon aus, dass es in diesem Jahr 7 Prozent mehr sein werden.

Seitdem die Smogwolke über weiten Teilen Chinas liegt, stehen die Branchen unter Beobachtung, die zur Luftverschmutzung im Land beitragen. Dazu gehören Autohersteller, Energieunternehmen, und Stahlproduzenten.

In China sind 92,7 Millionen Autos auf den Straßen unterwegs, das sind deutlich weniger als die rund 245 Millionen in den USA. Doch laut dem chinesischen Umweltschutzministerium erfüllen nur 5,7 Prozent der Fahrzeuge die höchsten Standards der Stufe IV, nach der giftige Emissionen wie Treibhausgase und Feinstaubpartikel unter einem bestimmten Wert liegen müssen. Auf die meisten Autos trifft das nicht zu. 10 Prozent der Fahrzeuge erfüllen nicht einmal die niedrigste Stufe I – und sie sind laut dem Ministerium für 40 Prozent der Emissionen verantwortlich.

„Um das Problem in den Griff zu bekommen, müssen wir alte Fahrzeuge loswerden und den Verkehrsfluss verbessern", sagt Janet Lewis, Analystin bei Macquarie Securities. Dabei könnte der öffentliche Aufschrei über die Verschmutzung helfen. Er könnte die Regierung dazu veranlassen, ihre Pläne für elektrische Fahrzeuge noch mal zu überprüfen -mit deren Umsetzung es zuletzt haperte.

China will mehr Elektro- und Hybridfahrzeuge

Langfristig könnte die aktuelle Krise dazu führen, dass Peking die Strategie in Sachen Elektrofahrzeuge noch einmal überdenkt, sagte Bill Russo, Gründer der Autoberatungsfirma Synergistics und ehemaliger Chrysler-Manager. „Wenn die Verschmutzung zu einem sichtbaren Problem wird, könnte das die Einstellung zu Alternativen verändern" – wie zu Diesel- und Hybridfahrzeugen.

Bis 2015 sollen in China 500.000 Elektro- und Hybridfahrzeuge verkauft sein, bis 2020 5 Millionen. Dieses Ziel hat der chinesische Staatsrat im vergangenen Jahr ausgegeben. Doch es geht nur langsam voran. China hat bereits zwei Mal die Einführung strengerer Abgasvorschriften verschoben, der Widerstand der Ölbranche ist groß.

Auch die Hersteller von Lkw-Motoren wehren sich dagegen. Pro Motor müssten die Hersteller 10.000 Yuan (rund 1.200 Euro) mehr zahlen, um die Standards zu erfüllen, schätzt der Unternehmensberater Stephen Dyer von A.T. Kearney. „Das sind zwar nur 5 Prozent der gesamten Kosten.Die Hersteller sagen aber, dass das die Verkaufszahlen deutlich beeinflussen könnte." Ab Juli 2013 sollen auch für Dieselfahrzeuge die höchsten Standards gelten – das kündigte das Umweltministerium vor einem Jahr an.

China hat aber noch andere Möglichkeiten, den Abgasausstoß zu reduzieren. So könnte die Regierung zum Beispiel das Verschrotten alter Autos fördern. In Peking hat man das im vergangenen Jahr bereits probiert. Jeder, der seinen alten Wagen entsorgte, bekam dafür Geld. Aber um große Summen handelte es sich dabei nicht. Wer ein großes Auto verschrotten ließ, erhielt dafür bis zu 16.000 Yuan (2.550 Euro).

Lin Huaibin vom Marktforschungsunternehmen IHS glaubt, dass auf diese Weise mehr alte Autos den Weg zum Schrottplatz finden könnten. Bisher werden nur 3 Prozent aller registrierten Fahrzeuge abgewrackt. Lin geht davon aus, dass andere Städte es Peking nachmachen werden.

Beschränkungen beim Autokauf im Gespräch

Nach dem Smog-Alarm könnten auch mehr Städte Beschränkungen für den Autokauf einführen. Peking und Schanghai fingen damit an, im vergangenen Jahr führten auch die Städte Guangzhou im Süden und Guiyang im Südwesten des Landes neue Regeln ein. Dadurch soll der Verkehr entlastet und die Luftverschmutzung reduziert werden. Ob solche Regelungen aber dafür sorgen, dass weniger Autos verkauft werden, ist nicht klar. Sie glaube nicht, dass es zu weiteren Beschränkungen beim Kauf von Neuwagen komme, sagt Lewis von Macquarie.

Ende 2011 waren auf den Straßen in Peking etwa 5 Millionen Fahrzeuge unterwegs – auf 1.000 Bewohner kamen 260. In Guangzhou waren es laut den Daten eines regierungsnahen Thinktanks zum gleichen Zeitpunkt 180 Fahrzeuge je 1.000 Einwohner. Auf jeden Straßenkilometer kommen in Peking 800 registrierte Autos, wie Zahlen der Regierung zeigen. In Hongkong sind es mit 306 und in Schanghai mit 520 Fahrzeugen deutlich weniger.

Weltweit würden etwa ein Drittel der Emissionen durch den Verkehr verursacht, sagt Dyer von A.T. Kearney. Davon ginge rund ein Drittel auf Autos zurück, ein Drittel auf Nutzfahrzeuge und der Rest auf Flugzeuge, Schiffe und andere Transportmittel. In Peking liege die Quote aber deutlich höher: Dort gehe die Hälfte der Emissionen auf den Verkehr zurück.

—Mitarbeit: Rose Yu

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