• The Wall Street Journal

Die Große Rotation in Aktien rollt noch nicht

Es wurde schon als der Start der lang ersehnten "Großen Rotation" bejubelt: US-Aktienfonds haben in der Vorwoche Nettozuflüsse von 19 Milliarden US-Dollar verbucht, so viel wie seit Juni 2008 nicht mehr, berichtet die Bank of America-Merrill Lynch. In Japan haben ausländische Investoren laut Nomura im Dezember Aktien für netto 1,5 Billionen Yen (12,7 Milliarden Euro) gekauft und verkauften dafür zum ersten Mal seit acht Monaten netto Anleihen im Wert von 1,1 Billionen Yen. Aber selbst wenn wir damit das Ende des 30 Jahre währenden Bullenmarktes am Bondmarkt sehen sollten, der die Renditen auf Rekordtiefs gebracht hat, dürfte die Wende alles andere als glatt laufen.

Sicher, Aktien haben eine Menge aufzuholen: 2011 und 2012 haben Anleger weltweit knapp eine Billion Dollar in Anleihefonds investiert und gleichzeitig netto neun Milliarden aus Aktienfonds abgezogen, sagt J.P. Morgan. In diesem Jahr sind bisher diejenigen die Gewinner, die an Aktien festgehalten haben. Große Indizes wie der S&P 500, der japanische Topix und der Stoxx Europe 600 notieren im Plus, während langlaufende Staatsanleihen unter Druck stehen. US-Treasurys mit einer Restlaufzeit von mehr als 25 Jahren stehen laut den Barclays-Indizes zwei Prozent im Minus.

Aber das ist noch kein Grund für voreiligen Jubel. Auch in den drei Vorjahren haben wir einen optimistischen Start erlebt, bevor Krisensorgen wieder die Oberhand gewannen. Der S&P 500 zum Beispiel hatte am 2. April 2012 seit Jahresanfang 12,8 Prozent gewonnen, aber in den folgenden zwei Monaten fiel er um ein Zehntel. Derzeit fließe das Geld noch nicht aus den globalen Anleihefonds ab, meint J.P. Morgan. Unternehmensanleihen erfreuen sich großer Nachfrage, was für eine anhaltende Suche nach ordentlichen Renditen spricht.

Anleger sind bei Aktien weiter vorsichtig

Anleger fürchten möglicherweise große Umschwünge am Aktienmarkt mehr als kleinere Verluste am Anleihemarkt. Und große Rückschläge mit Bonds erscheinen unwahrscheinlich, weil Zentralbanken die Zinsen weiter niedrig halten wollen. Nach den großen Kursgewinnen seit Mitte 2012 und mit der US-Schuldengrenze und den Wahlen in Italien am Horizont dürften sich vorsichtige Anleger bei Aktien noch zurückhalten.

Langfristig wird sich auch die Demographie am Markt niederschlagen: Wenn die Generation der Baby Boomer allmählich in Rente geht, werden sie wohl mehr Anleihen als Aktien in ihren Depots halten. Auch mit Blick auf die künftigen Wachstumsraten herrscht Unsicherheit, gerade angesichts der fehlenden Verschuldung, die vor der Krise noch die Gewinne getrieben hatte.

Und selbst wenn die Aussichten für Aktien deutlich besser wären als für die teuren Anleihen, bliebe der entscheidende Test, ob die zunehmend radikalere Politik der Zentralbanken tatsächlich nachhaltiges Wachstum generiert – oder Inflation. Wenn ersteres geschieht, könnte sich die "Große Rotation" wirklich vollziehen. Aber wenn letzteres zutage tritt, wird es noch mehr Chaos an den Märkten geben.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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