Von PAUL SONNE
PRESTON – Wo vor einem Jahr noch historisch inspirierte Souvenirs das Schaufenster zierten, liegen heute nur noch Überreste von Regalen und ein Ladenschild am Boden. Vergangenes Jahr musste der Souvenirladen „Past Times" in Preston schließen, so wie auch viele andere Läden an britischen Einkaufsstraßen.
Geschlossen
Ein Gang über die Haupteinkaufsstraße von Preston bietet ein trauriges Bild.
Napoleon nannte England einmal das Land der Ladenbesitzer. Doch durch die wachsende Beliebtheit des Online-Shopping sowie die Rezession und andere Faktoren gehen immer mehr Geschäfte bankrott und fegen die Hauptstraßen vieler Orte leer.
An den Einkaufsstraßen von Preston stehen noch drei weitere große Ladenlokale leer, wo einmal britische Ketten ihre Waren anboten. Der Weinladen Oddbins, das Fotogeschäft Jessops und die Sportkette JJB Sports sind alle insolvent. 2012 gab es in Großbritannien im Einzelhandel insgesamt 194 Insolvenzen, sechs Prozent mehr als noch 2011 und 16 Prozent mehr als 2010, berichtet Deloitte. Sowohl der Musikhändler HMV und die DVD-Verleihsparte von Blockbuster sind auch bankrott.
Der Einzelhandel war einst für einen großen Teil des britischen Wachstums verantwortlich. Nach dem öffentlichen Sektor war der Einzelhandel der größte Arbeitgeber, und er machte über fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Doch seit 2008 stagnieren die Umsätze im Einzelhandel. Im Januar fiel die Menge der verkauften Güter um 0,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, während der Wert der verkaufen Waren gleich blieb, berichtet das staatliche britische Statistikamt. Die Anzahl der Besucher in britischen Geschäften war im Januar 4,6 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor, jedoch hat die Abnahme zum Teil auch mit Schneefällen zu tun.
Nach dem schlechten Weihnachtsgeschäft und dem schwachen Jahresstart erholte sich der Einzelhandel im Februar etwas. Die Umsätze auf bestehenden Verkaufsflächen stiegen um 2,7 Prozent, berichtet der britische Branchenverband für den Einzelhandel. Diese Wachstumsrate sei die höchste seit drei Jahren, jedoch ist noch unklar, ob der Trend von Dauer oder nur vorübergehend ist.
Doch Umsätze wie in der Blütezeit des britischen Einzelhandels sind derzeit nicht in Reichweite. Denn die Kaufkraft der Briten ist heute deutlich niedriger als vor der Rezession. Im Verhältnis zum Preis der Waren verdienten die Briten Ende vergangenen Jahres acht Prozent weniger als noch 2007, da die Inflation seit Jahren schneller steigt als die Gehälter.
Auch strukturell verändert sich an den Einkaufsstraßen einiges: Supermärkte haben in den vergangenen zehn Jahren tausende neuer Filialen eröffnet, darunter auch Kaufhäuser, wo es alles von Waschmaschinen bis hin zu Eiern gibt. Und Internethändler machen die Fahrt in die Stadt für den Einkäufer oft hinfällig.
„Alle Faktoren arbeiten gegen die Stadtzentren", sagt Alan Sharp, Besitzer des Juwelierladens Isis Jewellers, der seit 20 Jahren in Preston ansässig ist. Es sei beängstigend für ihn, darüber nachzudenken, wie die Einkaufsstraßen in fünf bis zehn Jahren aussehen werden, wenn sich der aktuelle Trend fortsetzt.
Den Kaufhäusern sollte man dafür aber nicht die Schuld geben, sagt Terry Leahy, ehemals der Geschäftsführer der größten britischen Supermarktkette Tesco . Die Verbraucher seien nicht gezwungen, dort einkaufen zu gehen. „Es ist ihre Wahl, dort einzukaufen", sagt er. „Einige Einkaufsstraßen sind mittelalterlich, und wir leben heute eben anders."
Kritiker sprechen von Augenwischerei
Die britische Regierung hat Shopping-Guru und Fernsehmoderatorin Mary Portas angeheuert, um eine Lösung für die britischen Einkaufsstraßen zu finden. Sie schlägt vor, dass rundherum das Parken kostenlos und die Steuern für kleine Läden niedriger sein sollten, um wieder mehr Käufer anzulocken. Doch sie glaubt auch, dass im Zeitalter des Online-Shoppings einfach nicht mehr so viele Läden gebraucht werden. Viele Einzelhändler seien an ihrer eigenen mangelnden Anpassungsfähigkeit gescheitert.
Vergangenes Jahr beauftragte Premierminister David Cameron Portas damit, ihre Ideen in Teststädten im ganzen Land auszuprobieren. Zehn Millionen Pfund hat er in einen Innovationsfonds für verfallene Stadtzentren investiert, 500.000 Pfund hat er für Kredite freigegeben, mit denen Einkaufsstraßen verbessert werden sollen, und ein weiterer Fonds mit einer Million Pfund soll Städte belohnen, die ihre Stadtzentren verschönert haben.
Kritiker sagen, dass diese Initiativen nichts weiter als Augenwischerei seien, während die britische Wirtschaft kurz vor der dritten Rezession in vier Jahren steht. „Es wird keinen Unterschied machen", sagt Matthew McEachran, Einzelhandelsanalyst bei Singer Capital Markets in London. „Die Hälfte seiner Ideen war nicht neu, und der Rest bringt nichts."
Preston hat sich als Teststadt für das Programm von Fernsehmoderatorin Mary Portas beworben, wurde jedoch nicht ausgewählt. Die Absage erreichte Preston wenige Monate, nachdem ein 700 Millionen Pfund schweres Umbauprojekt für die Innenstadt wegen der schlechten Konjunktur wieder abgesagt wurde.
John Crellin, Manager für Städteplanung in Preston, sagt, die Stadt verfolge jedoch einige andere Initiativen. Zum Beispiel sollen zwei Bauernmärkte wiederbelebt werden, die im 19. Jahrhundert entstanden waren.
In der ersten Jahreshälte 2012 standen in Preston 25 Prozent der Läden leer. 2008 waren es lediglich vier Prozent, berichtet die Analysefirma Local Data Co.
Das liegt auch daran, dass sich viele Läden nicht an die Moderne angepasst haben. Viele Geschäfte an der Haupteinkaufsstraße von Preston schließen schon vom 17.30 Uhr. Andrew Stringer, Manager des örtlichen St. George's Shopping Centre, leitet derzeit eine Initiative, die Ladenbesitzer überzeugen soll, ihre Geschäfte bis 19 Uhr zu öffnen. „Wir müssen uns anpassen", sagt er.
Die Stadt hat 100.000 Pfund von Camerons Innovationsfonds erhalten, hat jedoch noch nicht entschieden, wie das Geld verwendet werden soll.
Einige Stadt haben diese Gelder genutzt, um Ladenbesitzer von den Steuern zu befreien, die Online-Händler nicht zahlen müssen. Da diese Steuern an den britischen Einzelhandelspreisindex gebunden sind, sind die Steuersätze für Ladenbesitzer 2011 um 4,6 Prozent und 2012 um 5,6 Prozent gestiegen. Im April 2013 dürften sie um weitere 2,6 Prozent steigen.
„Die Stadtzentren sehen heute alle gleich aus", sagt Clarke Steele, Leiter eines 107 Jahre alten Herrenbekleiders in Preston, Hellewell Menswear. Die Initiativen der Stadt werden zwar womöglich etwas helfen, doch er bezweifelt, dass sich dadurch langfristig etwas ändert. „Die Stadt tapeziert nur über die Risse drüber", sagt er.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de















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