Von NICO SCHMIDT und ILKA KOPPLIN
Am 1. Januar 2003 begann eine neue Ära für die britische Luxuswagen-Schmiede Rolls-Royce. Der erste im damals nigelnagelneuen Werk im südenglischen Goodwood gefertigte Phantom wurde genau eine Minute nach Mitternacht an einen Kunden aus dem Vereinigten Königreich übergeben. Das Jahr der zehnten Wiedergeburt der Traditionsmarke unter dem Dach des weltgrößten Premiumautobauers BMW will Vorstandschef Torsten Müller-Ötvös mit einem weiteren Absatzrekord krönen – es wäre der vierte nacheinander und der achte seit dem Neustart der Marke. Auch den Einstieg in das boomende SUV-Segment schließt der Manager für die Zukunft nicht aus.
„Ich bin vorsichtig optimistisch, dass wir 2013 zumindest ein Auto mehr verkaufen werden als im vergangenen Jahr", sagte Müller-Ötvös in einem Interview mit dem Wall Street Journal Deutschland am Rande des Genfer Autosalons. Eine gewichtige Rolle spielen dürfte dabei der Wraith, die neue sportliche Fließhecklimousine von Rolls-Royce, die die Briten auf der ersten wichtigen europäischen Branchenmesse des Jahres vorstellen.
Themenspecial
Auch wenn das Modell laut Müller-Ötvös die Verkäufe erst ab 2014 merklich antreiben wird, da es erst ab Oktober beim Händler stehen und ab November ausgeliefert wird, seien die ersten Rückmeldungen sehr ermutigend. „Die Orderbank ist schon sehr gut". Weltweit 1.000 Kunden wurde der Wraith nach seiner Aussage bereits gezeigt. Einige hätten sich quasi vom Fleck weg entschieden, den Wagen zu bestellen.
Neue Standards sollen gesetzt werden
Der Wraith – zu Deutsch Gespenst – wird mit 632 Pferdestärken der kraftvollste Wagen aller Zeiten sein, der die weltberühmte geflügelte Kühlerfigur Spirit of Ecstasy trägt. In gerade einmal 4,6 Sekunden beschleunigt der Zwölfzylinder-Motor von null auf hundert Kilometer in der Stunde. Zudem soll der Wagen deutlich agiler sein als alle bisherigen Modelle. Kostenpunkt: 245.000 Euro. Zuzüglich Mehrwertsteuer.
Der Begriff Wraith ist - entsprechend der traditionellen Namensgebung der Briten - aus dem schottischen Dialekt abgeleitet und soll einen Bezug zum Übernatürlichen herstellen. „Er steht für einen wilderen, kraftvolleren Geist", sagte Müller-Ötvös. Es ist nicht zum ersten Mal, dass Rolls-Royce das Gespenst bemüht - erstmals gab es 1938 einen Rolls-Royce mit dem Namen Wraith. Dieser wurde zwar nur kurz produziert, nach dem zweiten Weltkrieg aber neu aufgelegt und ist Autoliebhabern bis heute ein Begriff.
Mit dem aktuellen Wraith will Rolls-Royce neue Standards setzen - und zwar nicht nur bei der schieren Kraft. Ein satellitengestütztes und ans Navigationssystem gekoppeltes Fahrwerk passt den Fahrstil des Wagens beispielsweise automatisch an die Streckenführung und die Straßenverhältnisse an. "Das Auto soll selber denken", sagte Müller-Ötvös. Außerdem wird in keinem Auto auf dieser Welt soviel Edelholz verbaut wie im neuen Wraith.
Zum Absatzpotenzial wollte sich der Rolls-Royce-Chef nicht konkret äußern. Es werde sich allerdings zwischen den Verkäufen der beiden bisherigen Baureihen Phantom und Ghost einpendeln. Das Flaggschiff Phantom verkaufte sich zuletzt etwa 800 bis 900 Mal jährlich.
Dabei soll der Wraith Rolls-Royce neue Kunden bringen. Der Ghost habe eine Eroberungsrate von 80 Prozent, auch der Wraith werde neue Käuferschichten erschließen, sagte Müller-Ötvös. So beispielsweise Sportwagenfahrer, für die ein Rolls-Royce bisher eher kein Thema gewesen sei. Nach seiner Aussage hat der Wraith bereits Interesse bei Ferrari- oder McLaren-Fahrern geweckt. Durch den Wagen soll außerdem die Kundschaft weiter verjüngt und der Anteil an weiblichen Kunden gesteigert werden. Die Eroberungsrate gibt dabei an, welcher Anteil der Kunden zuvor keinen Rolls-Royce hatten.
SUVs in Asien sehr gefragt
2009 hatte Rolls-Royce den Ghost als zweite Baureihe neben dem Flaggschiff Phantom auf den Markt gebracht. Das „Einstiegsmodell" hievte die Briten in neue Sphären und verhalf ihnen in den vergangenen drei Jahren zu drei aufeinanderfolgenden Bestmarken beim Absatz. Im Vergleich zu 2009 steigerte Rolls-Royce die Verkäufe um mehr als das Dreifache. Insgesamt wurden 2012 in mehr als 40 Ländern auf der Welt 3.575 Autos an die wohlhabende Kundschaft gebracht – ein Plus von gut einem Prozent und mehr als je zuvor in der insgesamt 108-jährigen Firmengeschichte.
Rolls-Royce geht mit neuen Modellen auf Rekordjagd
Mit dem Wraith hat Rolls-Royce nun sieben verschiedene Modelle im Angebot. Damit wird aber wohl noch nicht Schluss sein. Das Ziel sei es, Jahr für Jahr Neuheiten zu präsentieren, sagte Müller-Ötvös. Auch der Idee, zukünftig ein Rolls-Royce-SUV anzubieten, ist er nicht abgeneigt. Das Segment sportlicher Geländewagen entwickle sich auch in schlechteren Zeiten seit Jahren sehr robust und sei daher strategisch interessant.
Vor allem in Asien, wo die Oberschicht in Zukunft stark wachsen werde, seien sportliche Geländewagen sehr gefragt. „Ich denke, das Segment wird sich auch in der absoluten Luxusklasse entwickeln", sagte Müller-Ötvös. Für Rolls-Royce stellten sich allerdings zwei Fragen: Erstens, ob man ein solches Fahrzeug fertigen könne und zweitens, ob es zur Marke passe.
SUVs waren in den vergangenen Jahren einer der Erfolgsgaranten der Automobilindustrie, weshalb immer mehr Hersteller in den Bereich vorstoßen. Auch die absolute Oberklasse hat das lukrative Segment mittlerweile für sich entdeckt. So wird die Volkswagen -Tochter Bentley wohl bald ein SUV auf den Markt bringen; es fehlt lediglich noch das grüne Licht aus Wolfsburg. Auch Lamborghini hat entsprechende Pläne in der Schublade.
Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt
Rolls-Royce hat eine bewegte Geschichte hinter sich – Insolvenz Aufspaltung und mehrere Verkäufe inbegriffen. Seit 1998 gehört die britische Traditionsmarke nun allerdings bereits zum BMW-Konzern. Die Münchener spendierten ihrer Edel-Tochter, nachdem die Streitigkeiten mit dem Vorbesitzer Volkswagen über die Markennutzungsrechte aus dem Weg geräumt waren, Anfang des Jahrtausends ein neues Werk in Goodwood nahe Portsmouth. Zuletzt 2011 wurde die Manufaktur ausgebaut, um mit der rasant steigenden Nachfrage nach absoluten Luxusautos zu Preisen von über 200.000 Euro Schritt zu halten.
Mehr zum Autosalon in Genf
Seit dem Neustart vor zehn Jahren legte Rolls-Royce einen enormen Sprung hin: Wurde 2003 noch ein Auto pro Tag in Handarbeit gefertigt, sind es heute bis zu 20 Stück. Waren vor zehn Jahren noch rund 400 Menschen in Goodwood beschäftigt, stehen in der südenglischen Stadt mittlerweile mehr als 1.400 Menschen in Lohn und Brot. Alleine 2012 kamen mehr als 100 dazu. Mit der Produktion eines Wagens sind mehr als 60 von ihnen zwischen 450 und 650 Stunden beschäftigt - je nach Grad der Personalisierung.
Mit der Entwicklung des sogenannten „Bespoke"-Anteils – also des Anteils individuell gestalteter Autos - ist Müller-Ötvös sehr zufrieden. Beim Flaggschiff Phantom liegt die Quote mittlerweile bei 100 Prozent, beim Ghost bei rund drei Vierteln. Der Fantasie der Kunden sind nahezu keine Grenzen gesetzt: Der Renner waren im vergangenen Jahr beispielsweise in den Dachhimmel eingelassene Fiberglasfasern, die einen Sternenhimmel darstellen und auf Wunsch sogar das Sternzeichen des Besitzers abbilden. Gegen einen horrenden Aufpreis selbstredend. Die Bespoke-Modelle gelten als besonders teuer und damit gewinnträchtig.
Die Auto-Neuheiten aus Genf
Torsten Müller-Ötvös, der seit dem Frühjahr 2010 die Geschicke von Rolls-Royce lenkt, will weiter die Internationalisierung der Marke und den Ausbau des Händlernetzes vorantreiben. Neue Verkaufsläden seien unter anderem in afrikanischen Märkten wie Nigeria oder asiatischen Märkten wie Vietnam denkbar. „Aus heutiger Sicht ist das weltweite Potenzial mit 120 Händlern abzudecken", sagte er. 2012 hatte Rolls-Royce 107 Händler und knackte damit erstmals die dreistellige Marke.
Bei allen Bestrebungen zu wachsen, bleibt Müller-Ötvös jedoch bei seinem Mantra: Größe ist nicht alles. „Wir sind nicht interessiert an einer wilden Volumen-Jagd. Natürlich wollen wir wachsen – dabei aber klein und fein bleiben". Die Verkäufe sieht er deswegen auch dauerhaft nur im einstelligen Tausender-Bereich.
Auch nach dem Ausbau der Kapazitäten in Goodwood habe Rolls-Royce sowieso alle Hände voll damit zu tun, die bereits vorhandene Nachfrage zu bedienen. „Das Werk platzt aus allen Nähten", sagte er. Einen weiteren Ausbau wird es nach seiner Aussage aber nicht geben. Zumindest erstmal.
Kontakt zu den Autoren: nico.schmidt@dowjones.com und ilka.kopplin@dowjones.com

Agence France-Presse/Getty Images


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