• The Wall Street Journal

Haben Anleger endlich den Stein der Weisen gefunden?

Christophe Vorlet

Glauben Sie es oder nicht, aber es könnte einen neuen heiligen Gral für Anleger geben. „Wirklich große Ideen gibt es nur alle 20 Jahre oder so", sagte David Booth, Präsident von Dimensional Fund Advisors, in der vergangenen Woche. Vor kurzem seien er und andere Investoren in Begeisterung ausgebrochen über eine neue Finanzkennziffer unter dem Namen „Gesamtrentabilität" oder auch „Qualität". Damit kann man offenbar Unternehmen identifizieren, die in der Zukunft noch mehr Geld verdienen werden. Derzeit werden einige neue Fonds aufgelegt, die zumindest teilweise darauf setzen. Was ist dran an dieser Methode?

Forschungsstudien, die schon bald in der angesehenen Zeitschrift Journal of Financial Economics von Robert Novy-Marx erscheinen sollen, zeigen, dass günstig bewertete „Qualitäts"-Aktien den Gesamtmarkt zwischen 1963 und 2011 um mehr als 4 Prozentpunkte jährlich geschlagen haben. Diese beeindruckende Marge fällt höher aus als bei traditionell gemessenen, günstigen „Value"-Aktien, und das mit weniger starken Verlusten bei Marktabschwüngen. „Qualitäts"-Aktien neigen dazu, sich auch dann gut zu entwickeln, wenn „Value"-Aktien nicht so gut laufen.

„Da steckt etwas Wahres drin, und ich denke nicht, dass man das ignorieren kann", sagt William Bernstein, Finanzmanager und Investment-Theoretiker bei Efficient Frontier Advisors. „Wir wissen nicht genau, warum es funktioniert, aber es funktioniert."

Fokus nicht nur auf Nettogewinn

Die meisten Investoren konzentrieren sich bei ihrer Aktienauswahl auf den Nettogewinn eines Unternehmens. Das neue Verfahren fokussiert etwas anderes: den Gesamtumsatz minus Grundkosten. Wenn die Waren und Dienstleistungen einer Firma viel mehr Geld einbringen, als es kostet, diese zu produzieren oder zu gewährleisten, dann ist die Bruttomarge sehr hoch – und ein starkes Signal für Qualität. „Man bekommt (auf diese Weise) viel mehr informative Signale über den Zustand eines Unternehmens", sagt Novy-Marx.

Das liegt zum Teil daran, dass hohe Investitionen, die eine Firma für das langfristige Wachstum tätigt, kurzfristig das Nettoergebnis belasten können. Ein Unternehmen zum Beispiel, das viel für Forschung und Entwicklung ausgibt, will mit Blick auf künftige Gewinne sicherstellen, dass es auch später noch attraktive Produkte im Angebot hat. Diese höheren Ausgaben mindern jedoch den Gewinn in diesem Jahr. Die Qualitäts-Kennziffer rechnet Unternehmen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung nicht als negativ an – und könnte so besser künftige Gewinnbringer identifizieren.

In den vergangenen vier Quartalen hat zum Beispiel Amazon einen Umsatz von 61,1 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet. Die Kosten für die verkauften Produkte beliefen sich auf 44,3 Milliarden Dollar, was einen Bruttogewinn von 16,8 Milliarden Dollar einbrachte bei einem Anlagevermögen von 32,6 Milliarden. Vor allem aufgrund der 14 Milliarden Dollar Investitionen in Forschung und Entwicklung wies es dennoch einen Nettoverlust von 39 Millionen aus.

Es kommen schon die ersten Fonds mit "Qualität"

Wer sich also zu sehr auf den Nettogewinn fokussiert, verliert die massiven Investitionen von Amazon aus dem Blick – die sich durchaus in den kommenden Jahren auszahlen dürften. Diesen Fehler macht die Qualitäts-Kennziffer nicht. Auch Warren Buffett hat mit seinen Aktieninvestments schon lange gezeigt, dass es darauf ankommt, wie wahrscheinlich künftiges Gewinnwachstum ist. Dann kann auch ein Unternehmen, das nach traditioneller Lesart eher etwas teuer bewertet scheint, immer noch ein Schnäppchen sein.

Cliff Asness, Manager bei AQR Capital Management, das mehr als 71 Milliarden Dollar verwaltet und Fonds auflegt, die diesen „Qualitäts"-Faktor berücksichtigen, hält diesen für einen „großartigen Weg, den Unternehmenswert genauer zu messen."

Auch andere Fondsgesellschaften sind darauf aufmerksam geworden. Im vergangenen Dezember hat Dimensional Fund Advisors vier Fonds aufgelegt, die „Qualität" mit teureren „Wachstums"-Werten verknüpfen. Noch in diesem Monat will AQR drei Fonds auflegen, die sich auf Qualität, günstige „Value"-Aktien und sehr volatile „Momentum"-Aktien stützen sollen.

Der Rechenweg zur "Qualität"

Fonds, die sich nur an Qualität orientieren, können nicht weit zurückfallen, sagen Bankanalysten, auch wenn es solche bisher noch nicht gibt. Aktien nach dieser Methode auszuwählen ist gleichwohl nichts, was man mal so eben an einem Morgen am Wochenende im Schlafanzug machen kann.

Für jedes potenzielle Investment müssen die Grundkosten vom Umsatz abgezogen werden und das dann durch das Anlagevermögen geteilt werden. Allgemein sollte das Ergebnis über 0,33 liegen, sagt Novy-Marx. Anschließend müsste man nach einem niedrigen Kurs-Buchwert-Verhältnis suchen, das man auf vielen Finanzseiten einsehen kann. Das sollte möglichst unter 1,7 liegen. Große Unternehmen sollten bevorzugt werden und die ausgewählten Unternehmen – mindestens ein Dutzend – sollten über mehrere Branchen verteilt sein.

Es besteht aber kein Grund zur Eile. Die Fonds sollen mal schön rauskommen und Sie achten darauf, welche sich gut schlagen. Dann warten Sie noch etwas, lassen den unvermeidlichen Popularitäts-Boom vorüberziehen. Dann dauert es nicht mehr lange, bis Anleger sich darüber beschweren, dass der Qualitäts-Ansatz überschätzt werde und andere Investment-Stile besser funktionierten. Das ist dann der Punkt, an dem Sie Qualität in rauen Mengen bekommen können.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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