• The Wall Street Journal

Erpresserbanden verfolgen Flüchtlinge aus Eritrea auf der ganzen Welt

CAMPBELL—"Papa, ich bin in Sinai. Bitte ruf mich an", fleht die 14-jährige Samhar. Ein Anrufbeantworter im kalifornischen Campbell zeichnet ihre Stimme auf. Es ist der Apparat von Ande Zerasion.

Zerasion ist vor fünf Jahren aus Eritrea geflohen. Er hat sich in dem Vorort von San Jose niedergelassen und arbeitet dort in einem Pflegeheim. Damals war der heute 35-jährige Witwer gezwungen, seine Familie in dem nordostafrikanischen Land zurückzulassen.

Ande Zerasion floh vor fünf Jahren aus Eritrea in die USA. Im vergangenen Jahr wurden seine Tochter und sein Bruder bei ihrer Flucht entführt.

Im vergangenen Sommer hatten sich seine Tochter Samhar zusammen mit ihrem Onkel, Andes Bruder Yakob, ebenfalls zur Flucht entschlossen. Doch die beiden verschwanden im August. Entführerbanden hatten sie auf ihrem Weg in die Freiheit verschleppt. Die Kidnapper kontaktieren Zerasions Bruder in Tel Aviv. Sie verlangten 80.000 Dollar. Dann würden Samhar und ihr Onkel am Leben bleiben.

Ande Zerasions Kehle schnürt sich zu, während er den verhängnisvollen Anruf widergibt. Er hatte das Geld nicht, um seine Tochter und seinen Bruder frei zu kaufen.

Ed Giles for The Wall Street Jou

Samhar, die 14-jährige Tochter von Ande Zerasion betet in einer Kirche in Kairo. Dort lebt sie, seitdem sie aus ihrer Gefangenschaft freigelassen wurde.

Es war Anfang Oktober, als der Anrufbeantworter aufblinkte, und die Stimme seiner Tochter ihn in einen Abgrund der Angst riss. Eine albtraumhafte Welt tat sich vor ihm auf, in der Menschenräuberbanden regieren, deren Fänge vom Wüstensand bis in den letzten Winkel einer amerikanischen Vorstadt reichen.

Die Kidnapper, ein lose verbundenes Netz nordafrikanischer Nomadenstämme, haben dazu gelernt und sind raffinierter geworden. Und sie springen immer grausamer mit eritreischen Flüchtlingen um. Das wusste Zerasion. "Ich hatte Angst", erzählt er. "Viele Leute werden für vier oder fünf Monate in Sinai festgehalten. Wir sehen ihre Leichen im Internet. Es gibt kein Essen, keine Medikamente. Sie sterben."

Flüchtlinge werden abgefangen, wenn sie die Grenze überqueren

Für all die Glücklichen, die mit dieser Schreckenswelt nicht in Berührung kommen, ist Eritrea nur ein kleines Land am Roten Meer am Horn von Afrika. Diejenigen allerdings, die dem Einparteien-Regime Eritreas entkommen wollen, geraten ins Visier eines skrupellosen Entführer-Rings. Kaum eine andere Menschenhändlerbande auf der ganzen Welt gehe so erbarmungslos vor und sei so schwer dingfest zu machen wie die Nomaden-Clans, berichten Menschenrechtsgruppen.

Reuters

Flüchtlinge aus Eritrea am Grenzzaun zwischen Ägypten und Israel: Oftmals werden sie schon abgefangen, wenn sie Eritrea verlassen wollen.

Die Flüchtlinge werden in der Regel abgefangen, wenn sie die Grenze von Eritrea überqueren. Ihre Entführer verschleppen sie dann in Gegenden auf der Halbinsel Sinai in Ägypten, die sich dem Zugriff des Gesetzes entziehen. Die Opfer werden dort festgesetzt und in Schach gehalten, währen ihre Kidnapper unterdessen Familienmitglieder in Afrika, Europa und den USA erpressen.

Das Netz der Menschenhändler umspannt mittlerweile so viele Länder, dass kaum eine Strafverfolgungsbehörde in der Lage ist, seine Linien genau nachzuzeichnen. Auch deshalb ist die genaue Zahl der Eritreer nicht bekannt, die Entführern in die Hände gefallen sind. Allein in Israel sind allerdings in den vergangenen drei Jahren geschätzt 5.000 bis 7.000 eritreische Flüchtlinge angekommen, die von ihren Peinigern gefoltert wurden. Dies hat eine gemeinsame Studie der israelischen Wohltätigkeitsorganisationen Physicians for Human Rights und Hotline for Migrant Workers ergeben, die beide Kliniken betreiben, in denen Entführungsopfer behandelt werden. Weitere 4.000 Eritreer sind spurlos verschwunden. Bei vielen sei davon auszugehen, dass sie tot sind, heißt es in einem für die EU erstellten Bericht.

Die Kidnapper hätten sie gezwungen, während ihrer langen Gefangenschaft in Lagern mitten in der Wüste unzählige Male bei Verwandten anzurufen und um ihr Leben zu betteln, berichten Opfer. Sie seien geschlagen, vergewaltigt und grausam gefoltert worden.

Die Lage der eritreischen Flüchtlinge sei "herzzerreißend, besonders weil die Welt sich nicht darum kümmert", sagt Eric Schwartz, der bis 2011 als Unterstaatssekretär in der US-Regierung für Bevölkerung, Flüchtlinge und Migration zuständig war und jetzt als Dekan der Humphrey School of Public Affairs an der University of Minnesota arbeitet. Er beschäftige sich schon seit über 25 Jahren mit Menschenrechtsfragen. "Aber selten oder eigentlich nie sind mir derart entsetzliche Misshandlungen zu Ohren gekommen, wie sie diese Schmuggler gegen Migranten verüben."

Video auf wsj.com

WSJ reporter Joel Millman talks by phone with a young Eritrean refugee being held for ransom by kidnappers in Egypt's Sinai desert. Photo: Getty Images.

Offizielle Berichte über die Entführungen sind Mangelware. Das Wall Street Journal hat deshalb mehr als ein Jahr darauf verwendet, Opfer und ihre Angehörigen aufzuspüren, die bis nach Schweden und Texas ausgewandert sind. In Tel Aviv und Kairo haben wir Viertel aufgesucht, in denen Flüchtlinge zusammenfinden, die die Folter überlebt haben. Mit einigen Entführungsopfern, die sich noch in Geiselhaft befanden, konnten wir über Handy sprechen.

UN wirft dem Regime systematische Unterdrückung vor

Die Wurzel allen Übels findet sich in Eritrea selbst. Seitdem sich das Land vor zwei Jahrzehnten von Äthiopien abspaltete, hat eine stetige Abwanderungswelle eingesetzt. Seit seiner Unabhängigkeit wird Eritrea von demselben Regime geführt, dem UN-Vertreter systematische Unterdrückung vorwerfen. Flüchtlinge berichten von religiöser Verfolgung, die Verhängung der Todesstrafe sei an der Tagesordnung. Wer zum Militär eingezogen wird, sitzt oft Jahrzehnte fest und muss unter Bedingungen leben, die der Zwangsarbeit gleichkommen. In einem Bericht des US-Außenministeriums aus dem Jahr 2010 wird dem eritreischen Militär vorgeworfen, Soldaten im "unbefristeten" Dienst dazu einzusetzen, Bergwerke, Strandanlagen und andere Einrichtungen zu betreiben.

Meron Estefanos

Die Menschenrechtsaktivistin Meron Estafanos, die in Schweden lebt, zeigt die Wunden, die einem Entführungsopfer zugefügt wurden.

Die Regierung Eritreas weist die Anschuldigungen von sich. Tesfamariam Tekeste, der Botschafter des Landes in Israel, bezeichnet sie als "Propaganda" aus dem Ausland, die zu dem Exodus beitrage. Der verlängerte Militärdienst sei ein "vorübergehendes Problem". Man brauche die Soldaten, um die Grenzen von Eritrea zu verteidigen.

Nach Angaben des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen haben rund 250.000 Eritreer ihr Land verlassen. Rund die Hälfte von ihnen floh in den vergangenen zehn Jahren. Unter den zehn Ländern der Welt, aus denen die meisten Flüchtlinge stammen, nimmt Eritrea damit den neunten Rang ein. Als "einen Aderlass an Humankapital" bezeichnet die Anthropologin Tricia Hepner die Massenflucht. Hepner arbeitet an der University of Tennessee und hat sich auf die Länder am Horn von Afrika spezialisiert. "Das Ausmaß der Flüchtlingsströme lässt sich mit dem Niveau vergleichen, das man normalerweise bei einer Hungersnot oder einem Bürgerkrieg beobachten kann."

Ausgerechnet der Arabische Frühling hat den Eritreern die Fluchtwege versperrt

Es mag wie eine bittere Ironie des Schicksals erscheinen, dass ausgerechnet die Freiheitsbestrebungen des Arabischen Frühlings den meisten Eritreern ihrerseits den Weg in ein freies Leben abgeschnitten haben. Ihnen haben die politischen Umwälzungen in den nordafrikanischen Ländern in den vergangenen zwei Jahren die traditionellen Fluchtwege versperrt. Bis dahin hatten sich Eritreer, die es illegal außer Landes geschafft hatten, durch den Sudan nach Ägypten, Tunesien oder Libyen durchgeschlagen, um von Mittelmeerhäfen aus mit der Hilfe von Schmugglern nach Europa überzusetzen und dort Asyl zu beantragen. Dieser früher relativ sichere und billige Reiseweg ist mittlerweile gefährlich und teuer.

Nomadenstämme der Rashaida passen jetzt die Flüchtlinge ab und verwehren ihnen die Durchreise, berichten Diplomaten, die mit der Gegend um das Horn von Afrika vertraut sind. Der lose Bund von Jahrhunderte alten Familienclans ist zu beiden Seiten des Roten Meers zu finden. Die im Schmuggeln von Menschen und Waren erfahrenen Clans verkaufen die Flüchtlinge in der Regel an Beduinen-Stämme, die auf der Sinai-Halbinsel ihr Unwesen treiben. Die Beduinen machen dann eritreische Auswanderer ausfindig, die sich mittlerweile in Europa und Nordamerika etabliert haben. In vielen Fällen kennen diese Verwandten die Entführungsopfer kaum und haben sie zuhause in Eritrea selten oder nie zu Gesicht bekommen.

Joel Millman/The Wall Street Jou

Woldeyesus Wube zahlte 15.000 Dollar, um seinen Neffen aus den Fängen der Menschenhändler zu befreien.

"Die haben mich angerufen. Sie sagten, sie würden ihn umbringen", erzählt Woldeyesus Wube, ein Flugzeugmechaniker aus dem kalifornischen Fairfield. Sein 18-jähriger Neffe war vor zwei Jahren auf seiner Flucht aus Eritrea in die Gewalt der Menschenhändler geraten. Wube zahlte den Entführern schließlich 15.000 Dollar, und sein Neffe kam frei. "Ich konnte die Schreie hören. Er sagte, sie würden ihn schlagen."

Angehörige und Freunde, die nicht in der Lage sind, das Lösegeld aufzubringen, bleiben im Ungewissen über das Schicksal der Opfer. Oft hören sie nie wieder von ihnen und müssen davon ausgehen, dass sie tot sind. Nach Angaben einer ägyptischen Menschenrechtsorganisation wurden im vergangenen Jahr die Leichen von 100 Flüchtlingen gefunden, deren Spur sich in der Wüste verloren hatte. Sie wurden ins zentrale Leichenschauhaus in der Stadt El-Arish auf dem Sinai gebracht. Fast alle Toten waren Eritreer. Menschenrechtsaktivisten gehen davon aus, dass noch weit mehr Menschen getötet wurden. Auf Websites, die sich mit den Verschleppungen beschäftigen, sind oft Fotos von verstümmelten Leichen abgebildet, die in flüchtig ausgehobenen Gräbern gefunden wurden.

Die Berichte der Entführungsopfer, die mit dem Leben davongekommen sind, ähneln sich. Fast alle werden von einem Clan zum anderen weitergereicht, bevor sie in ein Lager gesperrt werden. Dort werden die Gefangenen dazu gezwungen, die Mobiltelefone ihrer Kidnapper zu benutzen, um in einer Art makabren Marketing-Kampagne möglichst breit zu streuen, unter welcher Nummer sie erreicht werden können. In eritreischen Gemeinden auf der ganzen Welt haben sich diese Telefonverbindungen wie ein Lauffeuer verbreitet.

"Die Entführer unterstützen das. Sie wollen, dass die Telefonnummern in Umlauf kommen", sagt Meron Estefanos, eine eritreische Menschenrechtsaktivistin, die in Stockholm lebt. Sie produziert eine Radiosendung, mit deren Hilfe sie Entführte wieder mit ihren Familien zusammenführt. Die Lösegeldforderungen der Schmuggler hätten mittlerweile Schwindel erregende Höhen erreicht, klagt sie. Hätten die Clans noch vor einigen Jahren 2.000 bis 3.000 Dollar pro Geisel verlangt, seien jetzt bis zu 40.000 Dollar an der Tagesordnung, berichten Angehörige, die Lösegeld gezahlt haben.

Während der Anrufe bei Verwandten sind Schmerzensschreie zu hören

Über eine der besagten Mobiltelefonnummern nahm das Wall Street Journal im vergangenen Jahr Kontakt zu einem Entführungsopfer in einem der Lager auf. Das Opfer identifizierte sich als Semhar Malke Tesfay, 18 Jahre alt, aus Eritrea. Ganze acht Mal sei sie von einem Clan zum anderen weiterverkauft worden, berichtete sie. Vor sechs Monaten sei sie zusammen mit weiteren acht Gefangenen in ein Lager auf dem Sinai gesperrt worden. Einer von ihnen sei später erschossen und ein weiterer erschlagen worden. Jedes der Opfer sei während der erzwungenen Anrufe bei Verwandten regelmäßig misshandelt worden, damit die Schmerzensschreie im Hintergrund die Angehörigen in Angst und Schrecken versetzten. Zu den grausamsten Foltermethoden gehöre, den Flüchtlingen Tüten mit geschmolzenem Kunststoff über den Rücken zu kippen. "Wenn deine Familie sagt, sie habe das Geld nicht, dann bedeutet das nur noch mehr Plastik aus den Tüten, noch mehr Folter. Das Schlimmste, was Sie sich überhaupt nur vorstellen können", sagte Tesfay.

Sie sei die Tochter eines Soldaten, erzählte die Gefangene. Sie sei auf dem Weg nach Sudan gewesen, als ihre Peiniger sie geschnappt hätten. In Sudan habe sie Arbeit suchen wollen, um ihre Mutter und ihre Schwester zu unterstützen. Um sie zu retten, und das Lösegeld von 10.000 Dollar zusammenzubekommen, habe ihre Familie ihre Kühe verkauft. Israelische Behörden berichteten, Tesfay sei im Juni in Israel angekommen. Wie genau sie freikam, ließ sich nicht feststellen, Tesfay war nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Joel Millman/The Wall Street Journal

Haben Akeza Mehari wurde monatelang festgehalten und gefoltert. Er wurde nur gerettet, weil seine Familie in den USA 33.000 Dollar Lösegeld zahlte.

Auch Haben Akeza Mehari hat die Folter seiner Kidnapper überlebt, die ihn 2011 monatelang festhielten und quälten. Der Eritreer, der jetzt in Israel lebt, zeigt auf eine rosafarbene Narbe am Kopf. Dort hatten ihm Entführer büschelweise Haare ausgerissen. Er sei nur gerettet worden, weil seine Familie in den USA 33.000 Dollar habe zahlen können. "Ich musste mit ansehen, wie sie einen Mann mit Elektroschocks umgebracht haben", berichtet der 20-Jährige. Zusammen mit sechs weiteren Entführungsopfern saß er in einem schmutzigen Kellergefängnis, meist im Dunklen. Araber mit Kalaschnikows im Anschlag schoben Wache. Er wisse nicht, wo genau er festgehalten wurde. Auf dem Sinai sei er mehrere Male verlegt worden, jedes Mal habe man ihm dabei die Augen verbunden. Wie andere Kidnapping-Opfer berichtet auch Mehari von der Drohung der Entführer, sie würden jeder Geisel Organe entnehmen, deren Angehörige nicht zahlen könnten.

Dass die Beduinen auf dem Sinai derart freie Hand haben, ließe sich zu einem gewissen Grad mit der lang anhaltenden Instabilität in einer kritischen Region des Nahen Ostens in Verbindung bringen, sagen Diplomaten. Nachdem Israel und Ägypten 1979 das Camp-David-Abkommen abschließend unterzeichnet hatten, einigten sich beide Seiten darauf, Teile des Sinai zu entmilitarisieren. Ägyptische Regierungsvertreter beteuern zwar, dass sie - auch im vergangenen Sommer - versucht haben, die Sicherheit dort zu erhöhen. Aber Sicherheitsexperten winken ab. Gegen Schmuggler, die sich dank der hohen Lösegeldzahlungen derart gut mit Waffen versorgen können, könne die Regierung nichts Ernsthaftes ausrichten.

Die Armee werde in Ägypten an ganz anderer Stelle gebraucht, deshalb stehe "der Sinai ganz unten auf der Prioritätenliste", urteilt Ehud Yaari, ein in Jerusalem ansässiger Analyst für die konservative Forschungsgruppe Washington Institute for Near East Policy, die sich mit israelischen Sicherheitsfragen befasst. "Die Beduinen können ungehindert und frei dem Schmuggeln und dem Menschenhandel nachgehen."

Allein in Israel sind 36.000 Flüchtlinge aus Eritrea

In die internationalen Strafverfolgungsbehörden wiederum ist jetzt Bewegung gekommen, wenn auch vorerst nur auf dem Gebiet der Diplomatie. Exil-Eritreer in Skandinavien konnten die politisch Verantwortlichen ihrer neuen Heimatländer dazu bewegen, Druck auf die ägyptischen Behörden auszuüben, die Menschenhändler auf dem Sinai zu verfolgen. Das hat dazu geführt, dass Olle Schmidt, ein schwedischer Abgeordneter des EU-Parlaments, sich dafür stark gemacht hat, eine EU-Sonderdelegation auf die Halbinsel zu entsenden. Der Bericht, den die EU-Vertreter nach ihrem Besuch erstatteten, klang allerdings alles andere als hoffnungsvoll. Ohne eine Reform des ägyptischen Sicherheitssektors sei "es unwahrscheinlich, dass sich die Situation verbessert".

Ähnlich dürftig waren die Ergebnisse, die Washington zustande gebracht hat. Der Etatposten des US-Außenministeriums für die Unterstützung von Ländern am Horn von Afrika ist mit einer Million Dollar ohnehin relativ gering. Und von diesen Mitteln floss in den vergangenen zwei Jahren zudem nur ein kleiner Anteil an "Gemeinschaftsteams", die Flüchtlingslager in der Region beobachten, in denen Eritreern aufgelauert werden kann. Um auf dem Sinai für Recht und Ordnung zu sorgen, seien keine US-Gelder bereitgestellt worden, sagt Catherine Wiesner, stellvertretende Unterstaatssekretärin für Bevölkerung, Flüchtlinge und Migration. "Mit der neuen Regierung werden allerdings verschiedene Programme besprochen."

In Israel halten sich jetzt rund 36.000 eritreische Flüchtlinge auf. Auch dort ist jetzt ein Ruck durch die Behörden gegangen. Vor Kurzem wurde in zehn Fällen gegen Kidnapper ermittelt, die innerhalb der israelischen Grenzen Lösegeld entgegengenommen hatten. In sechs Fällen führten die Untersuchungen zu Anklagen, die Gerichtsverfahren stehen noch aus. Berichten der israelischen Polizei zufolge hat etwa eine Hand voll Verdächtiger in nur wenigen Monaten Lösegeldzahlungen von fast 500.000 Dollar zusammengerafft. Trotzdem haben die Beamten ihre Zweifel. Mehr als an der Oberfläche zu kratzen, sei von israelischer Seite aus wohl nicht drin. "Die Verbrechen werden meistens außerhalb von Israel verübt", sagt Rahel Gershuni, die bis vor Kurzem als nationale Koordinatorin Israels gegen den Menschenhandel fungierte.

Einer wachsenden Zahl von eritreischen Einwanderern, die einem aggressiven Erpressungsfeldzug seitens der Entführer ausgesetzt sind, bleiben damit nur sehr wenige Optionen. In den USA leben fast 35.000 Eritreer, wie aus amtlichen Zahlen hervorgeht. Viele von ihnen sind schon lange genug im Land, um Arbeit gefunden und ein Haus gekauft zu haben. Sie bieten ein verlockendes Ziel für die Kidnapper. Einige Eritreer haben versucht, das Lösegeld im Schulterschluss aufzutreiben. Oder sie haben sich darauf eingelassen, mit den Entführern Zahlungspakete auszuhandeln, um mehrere Geiseln gleichzeitig frei zu kaufen.

Joel Millman/The Wall Street Journal

Amanuel Beyin gelang es, das Geld für die Freilassung seines Cousins aufzutreiben.

In den meisten Fällen führen die Erpressungen jedoch von einer finanziellen Notlage in die nächste. Amanuel Beyin, ein 35-jähriger College-Professor in Evansville im US-Bundesstaat Indiana, hatte gespart und gedarbt, um sein Studium abschließen zu können. Dann ergatterte er die Stelle am College. Doch kaum hatte er sich mit seiner Frau und seiner fünfjährigen Tochter in Evansville niedergelassen und seinen Posten an der Hochschule bezogen, wurde er erpresst. Um seinem 17-jährigen Cousin, den er noch nie zuvor getroffen hatte, das Leben zu retten, müsse er umgehend 25.000 Dollar zahlen. "Ich hatte noch nicht einmal ein Zehntel dieses Betrags", erzählt Beyin. Es gelang ihm, das Lösegeld mit Hilfe anderer Verwandter aufzutreiben, die alle etwas beisteuerten.

Im kalifornischen Campbell ging Ande Zerasion nach dem verzweifelten Anruf seiner Tochter zur lokalen Polizeidienstelle und erzählte den Beamten von den Lösegeldforderungen für Samhar und ihren Onkel, seinen Bruder Yakob. Sie verwiesen ihn weiter ans FBI. Dort füllte er ein Formular aus und hörte monatelang nichts mehr von den Bundesbeamten. "Sie sagten mir, sie könnten nichts für mich tun", berichtet er. "Natürlich bin ich wütend." Eine Sprecherin des FBI-Büros in San Francisco lehnte einen Kommentar zu seinem Fall ab.

Ganz auf sich allein gestellt und voller Panik wendete Zerasion sich an die orthodoxe eritreische Kirche in seinem Heimatort. Die Gemeindemitglieder legten zwar zusammen, aber mehr als 400 Dollar konnten sie nicht erübrigen. Er hob seine gesamten Ersparnisse von seinem Konto ab, lieh sich Geld von Freunden und suchte sich einen zweiten Job. Und schließlich gelang es ihm, das Lösegeld gerade noch rechtzeitig zu zahlen. Samhar ist frei. Derzeit wohnt sie in Kairo bei einer Familie aus Eritrea. Sie plant, zu ihrem Vater nach Kalifornien zu ziehen.

Sein Bruder Yakob hatte nicht so viel Glück. Er wurde zwar von seinen Peinigern auf freien Fuß gesetzt. Aber seine Entführer ließen ihn in der Nähe von El-Arish zurück, erzählt Ande Zerasion. Dort wurde er erneut in Haft genommen und seine Abschiebung in die Wege geleitet. In der vergangenen Woche wurde er aus Ägypten nach Äthiopien ausgewiesen. "Das ist wie ein zweites Gefängnis für ihn", sagt sein Bruder in Kalifornien. "Ich muss etwas unternehmen."

—Mitarbeit: Matt Bradley in Kairo und Joshua Mitnick in Tel Aviv

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