• The Wall Street Journal

Wie eine Öl-Pipeline Kanada spaltet

Die kanadische Regierung rund um Premierminister Stephen Harper hatte versprochen, neue Öl-Pipelines stärker zu fördern - schließlich sind sie das Tor zu den durstigen asiatischen Märkten. Der Ausbau ist wichtig.

Im vergangenen Jahr hatte sich schließlich die amerikanische Regierung in Washington geweigert, eine Pipeline weiter auszubauen, die kanadischen Exporten in die USA neuen Anschub gegeben hätte.

Reuters

Ein Protest gegen die Northern Gateway im Oktober vergangenen Jahres in Vancouver.

Doch die tragende Säule dieses Plans – eine 1.175 Kilometer lange Pipeline namens Northern Gateway, die Rohöl zwischen dem im Landesinneren liegenden Alberta zur pazifischen Hafenstadt Kitimat transportieren soll - versumpfte zuletzt in politischer und öffentlicher Gegenwehr, vor allem in der Provinz British Columbia. Das durchkreuzt die Pläne von Premierminister Harper, neue Märkte für Kanadas Rohöl zu öffnen.

Historisch gesehen ist British Columbia schon immer ein Nährboden für Umweltproteste in Kanada gewesen. Um die Chancen für den Bau der Pipeline zu erhöhen, optimiert die Regierung Umweltberichte großer Energieprojekte. Immerhin ist das vom Ölproduzenten Enbridge vorgeschlagene Projekt sechs Milliarden Dollar schwer. Außerdem veranlasste man, dass einige Gesetze auch rückwirkend gelten, sodass auch das Projekt Northern Gateway darunter fällt.

Doch jetzt scheinen die Chancen zu schwinden, sagen Branchenexperten und ehemalige Regierungsvertreter. „Von allen Pipelines ist diese die umstrittenste", sagt Steve Williams, Vorstandschef von Suncor Energy, absatzmäßig Kanadas größter Produzent von Ölsand.

Seit ein paar Monaten steht immer mehr auf dem Spiel. Der Preis, den kanadische Ölproduzenten bekommen, ist drastisch gefallen. Das liegt zum einen an begrenzten Pipeline-Kapazitäten von Alberta in nicht-amerikanische Märkte sowie häufig an einem Überangebot in den USA. Kanadisches Öl wird deshalb oft mit großem Rabatt verkauft.

Die Preisdifferenz für ein Barrel von West Texas Intermediate und kanadischem Öl kletterte in der vergangenen Woche auf ein 52-Wochen-Hoch von 32,84 US-Dollar, sagt Patricia Mohr, Expertin für Rohstoffmärkte bei der Bank von Nova Scotia. Sie erwartet, dass diese Lücke noch weiter aufklafft. Das betrifft nicht nur die Einnahmen von Alberta, sondern die gesamte kanadische Wirtschaft.

Durch ungenutzte Pipeline-Kapazitäten entgehen der kanadischen Wirtschaft monatlich rund 2,5 Milliarden kanadische Dollar (1,94 Milliarden Euro) an Einnahmen, schätzt Nomura Securitites in einer Studie. Das resultiere in einer „ansehnlichen" Summe.

Die USA, Abnehmer von 98 Prozent des kanadischen Öls, haben die eigene Produktion massiv gefördert, sodass kanadisches Öl zukünftig immer weniger attraktiv sein könnte, warnt Kanadas Energieminister Joe Oliver in einem Interview.

„Wir müssen unsere Abnehmermärkte diversifizieren. Das zeigt sich nun immer deutlicher", sagt er und verweist auf den Ausblick der internationalen Energieagentur, die die USA als größten Ölexporteur des vergangenen Jahres einordnet. Das Projekt Northern Gateway sei deshalb „ausschlaggebend" für Kanada, sagt Branchenexpertin Mohr.

Washington blockiert Pipelines

Im vergangenen Jahr hatte die kanadische Regierung die Untersuchungsberichte dieser Projekte optimiert. Denn zuvor hatte schon das Weiße Haus im Januar 2012 TransCanadas Antrag auf die Pipeline Keystone XL abgelehnt. Die hätte Öl aus Alberta an die Golf-Küste der USA transportiert.

Zwar hat die Regierung in Washington versprochen, sich das Projekt noch einmal anzuschauen. Einen Zeitpunkt dafür hat sie jedoch nicht genannt – obwohl das Projekt in der vergangenen Woche schon eine Mini-Hürde genommen hatte, als eine Umweltorganisation aus Nebraska die Pipeline als wenig risikoreich für die Umwelt beschrieben hatte. Dort sah sich Keystone XL zuvor mit viel Gegenwehr konfrontiert, weil die Pipeline ursprünglich durch die ökologisch wertvollen Sand Hills verlaufen sollte.

Vor allem die neue Pipeline Northern Gateway wäre in der Lage, potenzielle neue Märkte zu erschließen. Denn sie verläuft über die Rocky Mountains nach Kitimat in British Columbia, wo das schwarze Gold auf Tanker mit Zielhäfen in Asien verladen würde. Die Pipeline soll 525.000 Barrel Öl pro Tag transportieren. Sofern sie genehmigt wird, soll sie 2017 in Betrieb genommen werden.

Die Regierung in British Columbia und viele Einwohner wären bereit, die Umweltrisiken zu tragen. Sogar eine Ölpest und mehr Schiffsverkehr an den Küsten würden sie akzeptieren, um größere Einnahmen zu erzielen. Eine Umfrage durch Angus Reis Public Opinion hatte allerdings kürzlich gezeigt, dass 57 Prozent der Einwohner gegen die Pipeline sind.

„Dieses Projekt ist wahrscheinlich das umstrittenste in British Columbia, an das ich mich in den vergangenen 35 Jahren erinnern kann", sagt Tom Gunton, ein ehemaliger Regierungsvertreter. Gunton bezweifelt, dass das Projekt, wie es derzeit geplant ist, genehmigt wird. Seiner Meinung nach sollte Enbridge den Antrag zurückziehen und es später noch einmal probieren, wenn wichtige Ämter überzeugt worden sind.

Enbridge scheint jedoch vom Erfolg überzeugt zu sein. „Wir glauben, dass wir die Einwohner noch vom Mehrwert dieses Projektes überzeugen können", sagt Vorstandschefin Janet Holder. „Ansonsten würden wir nicht soviel Zeit und Geld in das Projekt stecken."

Gegenwehr kommt auch von einigen Eingeborenen-Stämmen, die teilweise die Kontrolle über die Ländereien haben. „Aus unserer Sicht ist das Projekt zum Scheitern verurteilt", sagt Terry Teegee, Chef des Carrier Sekani Tribal Council, einer Koalition aus acht Gruppen von Eingeborenen, die gemeinsam über etwa 7,9 Hektar an Land verfügen.

Holder sagt, Enbridge habe bereits individuell mit rund 30 Stämmen Deals geschlossen, die sie an den Erträgen mit der Pipeline beteiligen würden.

Die Regierung in British Columbia setzt für ihre Zustimmung voraus, dass sowohl Enbridge als auch die Region Alberta, die Hauptnutznießer der Pipeline ist, mehrere Garantien finanzieller und ökologischer Art übernehmen. Die Regierung in Alberta äußerte sich nicht dazu.

„Uns ist die Motivation von Alberta, das Öl zum Hafen zu bekommen, durchaus bewusst", sagt Terry Lake, Umweltminister von British Columbia. „Aber wir in British Columbia sind absolut leidenschaftlich und standfest, wenn es um den Umweltschutz geht."

Holder sagt hingegen, Enbridge werde sich verpflichten, die umweltschutztechnischen Auflagen zu erfüllen.

Es gibt jedoch auch Alternativen. So hat Kinder Morgan vorgeschlagen, die 900 Kilometer lange Pipeline Trans Mountain, die schon Öl an die Pazifikküste liefert, für 4,1 Milliarden Dollar auszubauen. Ein offizieller Antrag wird in diesem Jahr erwartet. Energiemanager und Politiker haben noch eine andere Route im Blick, um Albertas Ölreserven auf die weltweiten Märkte zu schicken – im Osten, zum Atlantik.

„Wir müssen die Infrastruktur haben", sagt Jim Prentice, ehemaliger Industrieminister und derzeitiger Vorstandschef der kanadischen Imperial Handelsbank. „Wenn nicht, dann müssen wir unseren derzeitigen Lebensstil herunterschrauben."

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