Von HANS BENTZIEN
Das Ifo-Institut steht normalerweise nicht in dem Verdacht, den Anteil Deutschlands an der Wohlfahrt Europas kleinzureden. Ifo-Chef Hans-Werner Sinn wird nicht müde, darauf hinzuweisen, welche Risiken Deutschland eingeht im Bemühen, die Eurozone zu retten. Immer wieder erinnert er daran, wie hoch der Anpassungsbedarf einiger südeuropäischer Länder ist, wollen sie wirtschaftlich zu Deutschland aufschließen.
Umso bemerkenswerter ist ein aktueller Diskussionsbeitrag des Ifo-Ökonomen Gabriel Felbermayr . Darin weist Sinns Mitarbeiter darauf hin, dass der Überschuss in der deutschen Handelsbilanz gegenüber anderen Ländern der Eurozone nicht so hoch ist, wie die offiziellen Daten das nahelegen. In seiner Argumentation macht sich Felbermayr ausgerechnet die „Basarökonomie"-These seines Chefs Sinn zunutze.
In seiner Studie hat Felbermayr untersucht, wie viele Güter und Dienstleistungen anderer Länder in Produkten stecken, die Deutschland ausführt und wie viel Güter und Dienstleistungen aus Drittstaaten umgekehrt in Produkten stecken, die Deutschland einführt. Sinn hat auf dieses Phänomen in seinem 2005 erschienen Buch über die „Die Basarökonomie" hingewiesen.
Die Studie kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Der Überschuss in der deutschen Handelsbilanz gegenüber Frankreich - 2012 mit knapp 40 Milliarden Euro das größte Ungleichgewicht innerhalb der Eurozone - ist vermutlich tatsächlich viel kleiner. Wieso nur vermutlich? Das ist der Haken an der Sache - die Daten, die Felbermayr ausgewertet hat, stammen von 2007. Aktuellere liegen noch nicht vor.
Gleichwohl sind die Ergebnisse dieses „Wertschöpfungsansatzes" von einiger Tragweite. Felbermayr zufolge stecken in einem deutschen Auto nämlich sehr viele Teile, die in der Slowakei aus Stahl gefertigt wurden. Der stammt seinerseits aus Österreich und wurde mit Kohle aus Polen geschmolzen.
Frankreich und Deutschland trennt weniger
Den Franzosen kommt dagegen zugute, dass in einem französischen Auto weniger ausländische Vorprodukte enthalten sind. Nach Felbermayr war der deutsche Exportüberschuss gegenüber Frankreich 2007 tatsächlich um 20 bis 25 Prozent geringer als offiziell angegeben.
Wen interessiert das? Zum Beispiel die EU-Kommission; die muss demnächst darüber entscheiden, ob sie Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss korrekturwürdig findet. Denn das hat die nach den neuen EU-Regeln erlaubten 6 Prozent der Wirtschaftsleistung 2012 mutmaßlich überschritten. Sollte dieser Grenzwert noch zwei Mal gerissen werden, könnte die EU-Kommission Deutschland zu Maßnahmen verdonnern, um die Binnennachfrage zu stärken und schlimmstenfalls Strafzahlungen verhängen.
Noch mehr hilft es Frankreich, wenn die offiziellen Daten der Leistungsbilanz relativiert werden. Der zweitgrößten Volkswirtschaft des Euroraums werden allenthalben zu hohe Lohnstückkosten attestiert, die Schuld am starken Rückgang des Weltmarktanteils der Grande Nation sein sollen. Was, wenn das Defizit, das Anlass für diese Kritik ist, gar nicht so schlimm wäre?
Folgt man dem Wertschöpfungsansatz, dann sind die Exportüberschüsse Deutschlands auch verglichen mit anderen Nachbarländern wahrscheinlich dramatisch niedriger sind als gedacht. So wurden die bilateralen Exporte Deutschlands in einige Nachbarländer überschätzt: Gegenüber Tschechien um 65 Prozent, gegenüber Ungarn um 62 Prozent, gegenüber Österreich um 56 Prozent und gegenüber Polen um 52 Prozent. Dagegen wurde das deutsche Defizit gegenüber den Niederlanden um 71 Prozent überschätzt.
Dank der aktuellen Nutzung von Hans-Werner Sinns „Basarökonomie" steht Deutschland nun nicht mehr als das Exportmonster da, vor dem Europa zittert. Jetzt muss es nur noch die EU-Kommission glauben.
Berichtigung
In einer früheren Fassung war von einem deutschen Handelsbilanzüberschuss Deutschlands gegenüber den Niederlanden die Rede gewesen.
Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com







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