• The Wall Street Journal

Stahlbad für Thyssen-Krupp

Aus dem Blickwinkel Südeuropas erscheint die deutsche Wirtschaft momentan wie ein Garten Eden. Doch auch hier steht nicht jede Pflanze in voller Blüte. Der Stahlriese Thyssen-Krupp ist nur eines der Großunternehmen, das zuletzt schwache Zahlen präsentiert hat. Im abgelaufenen Geschäftsjahr, das am 30. September endete, stand unterm Strich ein Verlust von 4,7 Milliarden Euro.

Der Traditionskonzern strich zum ersten Mal seine Dividende, nachdem ein desaströses Abenteuer in den USA und Brasilien mit 3,6 Milliarden abgeschrieben werden musste. Aber weil Vorstandschef Heinrich Hiesinger sich entschlossen zeigte, das Unternehmen neu auszurichten und der Reihe von peinlichen Skandalen Einhalt zu gebieten, stieg der Aktienkurs am Donnerstag um 5,9 Prozent. Aber nur, weil schlechte Nachrichten gekonnt überbracht wurden, heißt das nicht, das die Wende bei Thyssen-Krupp schon geschafft ist.

Reuters

Wenn es nach Heinrich Hiesinger geht, wird das traditionsreiche Stahlgeschäft künftig eine deutlich geringere Rolle bei Thyssen-Krupp spielen.

Hiesinger, seit vergangenem Jahr im Amt, hat noch eine lange Liste mit unerledigten Aufgaben vor sich. Thyssen-Krupp ist ein weit verzweigter Konzern mit einem Portfolio, das von Aufzügen bis zu Autoteilen reicht. Hiesinger hat bereits Beteiligungen abgestoßen, die ein Fünftel des Umsatzes ausmachten. Jetzt soll auch die problematische Sparte Steel Americas verkauft werden. Der Anteil von Stahl beim eingesetzten Kapital sinkt damit von 60 auf 40 Prozent. Damit hätte Thyssen-Krupp wieder Spielraum, in profitablere Geschäftsfelder zu investieren.

Aber so leicht wird man die verlustreiche Überseesparte wohl doch nicht los. Mit der Abschreibung hat Hiesinger signalisiert, dass er als Erlös etwa die Hälfte dessen erwartet, was im August noch als Verkaufspreis ausgegeben wurde. Auch in anderen Bereichen bleibt man defensiv. Einschnitte in Höhe von 2 Milliarden jährlich sind ab 2015 geplant. Hiesinger will auch die „gescheiterte" Führungskultur im Unternehmen in Angriff nehmen. Der halbe Vorstand räumte seine Posten. Der Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, der eigentlich als Governance-Experte gilt, bleibt aber im Amt, und das trotz der drohenden Strafen wegen Preisabsprachen und Bestechung.

Auch die Sparten, die nichts mit Stahl zu tun haben, glänzen nicht gerade allesamt. Nur bei den Industriegütern konnte, Zinsen und Steuern herausgerechnet, der Umsatz gesteigert werden. Das Ebit von den fortgeführten Aktivitäten soll 2013 wegen des schwachen wirtschaftlichen Umfelds von 1,3 auf eine Milliarde Euro sinken.

Dieser vorsichtige Ausblick sollte die Euphorie des Dienstags abkühlen. Wenn man alle Teile zusammennimmt, dann könnte Thyssen-Krupp 45 Prozent mehr wert sein als aktuell, nämlich etwa 25 Euro pro Aktie, schätzt die Credit Suisse. Aber wenn der Verkauf von Steel Americas scheitert, könnte das zu einer vollen Abschreibung führen, was die Bewertung um 7,50 Euro je Aktie drücken würde. Wenn man dann noch mögliche weitere Skandale hinzuzieht, wäre das Papier mit den gegenwärtigen 17,18 Euro bereits überbewertet.

Hiesinger gesteht ein, dass Thyssen-Krupp „Vertrauen und Glaubwürdigkeit" verloren hat. Jetzt muss er seinen klaren Worten auch konkrete Taten folgen lassen.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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