• The Wall Street Journal

Anleger glauben an Erholung in Deutschland

Die Konjunkturerwartungen von Finanzexperten für Deutschland haben sich im Dezember überraschend deutlich verbessert, was nach Einschätzung von Bankvolkswirten auf eine Wachstumsbelebung in der ersten Jahreshälfte 2013 hindeutet. Der vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) erhobene Index der Konjunkturerwartungen von Finanzanalysten und institutionellen Investoren stieg auf plus 6,9 Punkte von minus 15,7 im Vormonat. Der Anstieg war nicht nur deutlicher als prognostiziert, sondern trug den Index auch auf den höchsten Stand seit Mai 2012. Zudem waren die Konjunkturerwartungen auch erstmals seit Mai per saldo positiv.

Das ZEW-Barometer, das auf einer Umfrage unter fast 300 Analysten und institutionellen Anlegern beruht, gilt als Indikator für die Entwicklung der Wirtschaft in den kommenden sechs Monaten. "Der deutliche Anstieg des Indikators drückt die Erwartung der Finanzmarktexperten aus, dass sich die Konjunktur in Deutschland bis zum Frühsommer 2013 stabilisiert", erklärte das ZEW-Institut. "Allerdings deutet der Stand des Indikators mit einem Wert von knapp oberhalb der Nulllinie derzeit eher auf eine Bodenbildung des Konjunkturverlaufs als bereits auf einen Aufschwung im nächsten halben Jahr hin."

Der Index der Lagebeurteilung stieg im Dezember und notierte bei plus 5,7 Punkte. Im Vormonat hatte der Index bei plus 5,4 Punkte gelegen, erwartet worden war ein leichter Rückgang auf plus 5,0 Zähler.

Volkswirte sind optimistisch

Bankvolkswirte sahen im unerwartet deutlichen Anstieg der Konjunkturerwartungen ein Anzeichen dafür, dass die deutsche Konjunktur Ende 2012 ihren Tiefpunkt gesehen haben könnte. Nach Einschätzung Barclays -Volkswirt Thomas Harjes gibt es einen relativ kurzfristigen Zusammenhang zwischen ZEW-Erwartungen und tatsächlicher Konjunkturentwicklung, die sich beispielsweise Anfang 2012 gezeigt habe. "Wir glauben, dass die aktuelle ZEW-Umfrage ein gutes Vorzeichen für unsere Vorhersage ist, dass sich die Aktivität am Anfang des nächsten Jahres erholen wird", sagte er. Das gelte selbst dann, wenn weitere Indexanstiege schwächer ausfallen sollten.

Auch Gizem Kara, Ökonomin bei BNP Paribas, sieht sich von den Daten in ihrer Einschätzung bestätigt, dass der schwache Ausblick für die deutsche Wirtschaft nicht von langer Dauer sein wird. "Die Wende bei den Frühindikatoren, die gute Verfassung der Wirtschaft und die Erholung des Welthandels deuten darauf hin, dass der zyklische Tiefpunkt im vierten Quartal erreicht wird", sagte sie.

Etwas vorsichtiger äußerte sich Commerzbank -Volkswirt Ralph Solveen. Er ist der Meinung, dass die ZEW-Konjunkturerwartungen zunächst nichts anderes als ein Spiegelbild der besseren Finanzmarktstimmung sind, die sich bereits in deutlichen Gewinnen beim DAX und niedrigeren Risikoaufschlägen bei Staatsanleihen gezeigt habe. Er gab zu bedenken: "Sollte diese Zuversicht auch auf die Unternehmen ausstrahlen, würde der derzeit wohl größte Bremsklotz für die deutsche Konjunktur - die Planungsunsicherheit der Unternehmen angesichts der Krise - aus dem Weg geräumt. Allerdings dürfte es einige Zeit dauern, bis diese Unsicherheit auch aus den Köpfen der Unternehmen weicht."

Postbank-Volkswirt Thilo Heidrich sieht ein gewisses Risiko, dass der starke Anstieg der ZEW-Erwartungen nach der Einigung zu Griechenland etwas übertrieben war. "Das Risiko einer kurzfristigen Gegenbewegung besteht damit durchaus. Insgesamt untermauern die heute vorgelegten Daten jedoch, dass es ab dem Frühjahr zu einer konjunkturellen Belebung kommen sollte", sagte er.

Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com und andreas.plecko@dowjones.com

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