Von STEFANIE HAXEL und STEFFEN GOSENHEIMER
Was sich in den ersten Schlagzeilen wie eine Horrormeldung von Thyssen-Krupp las, entpuppt sich zumindest an der Börse als Befreiungsschlag. Der Milliardenverlust wegen Abschreibungen auf das US-Stahlgeschäft, die vorsichtige Gewinnprognose und der Ausfall der Dividende hatten Investoren nur kurz verschreckt. Nach einem deutlichen Minus zum Handelsstart dreht die Aktie ins Plus und führt die Gewinnerliste im Dax sogar mittlerweile an. Die Unsicherheit sei nun raus, begründen Analysten das Kursplus von mehr als 4 Prozent.
Manche Händler sehen in den Nachrichten ein "Ende mit Schrecken" - aber eben ein Ende. Die Kursentwicklung gibt Analysten und Marktexperten recht, die in ersten Reaktionen empfahlen, schwache Thyssen-Kurse zu Käufen zu nutzen. Am Markt herrscht die Meinung vor, dass Thyssen mit der Abschreibung auf Steel die verlustreichen Stahlwerke in Brasilien und den USA von 3,7 Milliarden Euro reinen Tisch gemacht habe.
Der Dividendenausfall habe zunächst für ein Schreckreaktion gesorgt. Eine deutliche Senkung der Ausschüttungsquote sei vom Markt erwartet worden, eine Streichung jedoch nicht. "Jetzt setzt sich die Meinung durch, dass jemand, der drei von sechs Vorständen entlässt, wirklich klar Schiff machen will", sagte ein Marktteilnehmer.
Der Konzern hofft, bald einen Schlussstrich unter das leidige Thema Steel Americas ziehen zu können. Immerhin sieht er sich beim geplanten Verkauf der Verlustbringer in Brasilien und den USA in einem derart fortgeschrittenen Stadium, dass diese nicht mehr als fortgeführte Aktivitäten bilanziert werden. "Der Verkauf muss durch sein", folgerten Händler.
Thyssen-Krupp - Stahlriese im Wandel
Laut Analysten legt der neue Buchwert von Steel Americas von 3,9 Milliarden Euro zudem nahe, dass ein Verkaufspreis erzielt werden könne, der weitgehend im Rahmen der kursierenden Analystenschätzungen liege. Die Commerzbank beispielsweise veranschlagt diesen mit rund 3,5 Milliarden Euro.
Nach Einschätzung von J.P. Morgan dürfte es mit den schlechten Nachrichten bei Thyssen denn auch erst einmal vorbei sein. Auch bei Credit Suisse glaubt man, dass die Thyssen-Aktie ohne das verlustträchtige Geschäft in Übersee langfristig preiswert ist. Hinzu komme, dass ein wie auch immer strukturierter Börsengang des Stahlgeschäfts zu erwarten sei, der zusätzliche Kursfantasie berge.
Wie es konkret mit dem Stahlgeschäft weiter geht, sagte Thyssen-Chef Heinrich Hiesinger aber nicht. Er versprach lediglich, die Effizienz der Stahlwerke zu steigern. "Wir wissen, dass sich das Klima in der Stahlbranche auch in Europa verschlechtert hat und prüfen deshalb sowohl Wachstumsmöglichkeiten als auch interne Möglichkeiten zur Verbesserung, um auf diese Veränderung zu reagieren", sagte der Konzernchef. Welche Maßnahmen der Konzern ergreifen will, sagte er nicht. Er dementierte aber jüngste Medienberichte, wonach Thyssen das europäische Stahlgeschäft bereits geprüft habe und nun einen Verkauf des Geschäfts erwäge.
Für das angelaufene neue Geschäftsjahr gibt sich der Stahlkonzern vorsichtig. Das wirtschaftliche Umfeld habe sich nicht verbessert, erklärte Konzernchef Hiesinger auf der Bilanz-Pressekonferenz am Dienstag. Angesichts von Preisdruck und Volumenrückgängen sei 2012 und 13 mit einer schwächeren Dynamik zu rechnen. Die Kurzarbeit in deutschen Stahlwerken soll verlängert werden.
Das Unternehmen erwartet für die fortgeführten Aktivitäten einen Konzernumsatz höchstens auf dem Niveau des Vorjahres von etwa 40 Milliarden Euro. Das bereinigte Ebit aus fortgeführten Aktivitäten soll bei rund einer Milliarde Euro liegen. Ob Thyssen-Krupp dann wieder eine Dividende zahlen wird, ließ der Konzern offen.
Die Ebit-Prognose liegt damit gut eine halbe Milliarde unter den Markterwartungen, doch das sehen die Analysten gelassen. Derart vorsichtige Schätzungen seien in einem Abwärtszyklus der Stahlbranche nicht ungewöhnlich, heißt es bei der Credit Suisse und der Commerzbank. Zudem spiegele sich darin ein sektorweit erwarteter Margenabschwung wider.
Analysten von Jefferies werten die Strategie des Konzerns als grundsätzlich richtig, die defizitären Stahloperationen zu verkaufen und sich auf das weniger zyklische Industriegeschäft zu konzentrieren. Ohne Inoxum, Steel Americas und einige kleinere Verkäufe sinkt der Umsatzanteil der Stahlproduktion von 40 Prozent auf nur noch knapp 30 Prozent, wie Konzernchef Heinrich Hiesinger erklärte. Damit werde der weitaus größere Teil nicht mit der Stahlproduktion, sondern mit Material- und Logistikdienstleistungen und Industriegüter-Geschäften erzielt.
Rückendeckung für Chefkontrolleur Cromme
Auf die Frage, wie denn die Liste immer neuer schlechter Nachrichten vom ausgewiesenen Branchenexperten und Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Cromme übersehen werden konnte, gab es auf der Bilanzpressekonferenz keine Antwort. Thyssen-Chef Heinrich Hiesinger stärkte dem Chefkontrolleur demonstrativ den Rücken. "Wir arbeiten mit dem Aufsichtsrat gut zusammen", sagte Hiesinger.
Ob die Aktionäre sich damit zufrieden geben, ist fraglich. Spätestens auf der nächsten Hauptversammlung dürften die Fehlplanungen in Amerika erneut zum Thema werden. Im Vorfeld der Pressekonferenz hatte bereits die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) gefordert, der Konzern müsse alles offenlegen - auch alle im Auftrag von Cromme erstellten Gutachten.
Die Werke in Übersee sind nicht das einzige Problem, mit dem sich Thyssen-Krupp derzeit herumschlagen muss. Im Raum steht auch die Beteiligung an einem Schienenkartell, Bestechungsvorwürfe im Bereich Bautechnik und die teuren Luxusreisen des mittlerweile entlassenen Vorstands Jürgen Claasen.
"Bislang ist der Neuanfang offenbar auf den Vorstand beschränkt. Dabei braucht das Unternehmen einen tiefgreifenden Kulturwandel", erklärte DWS-Geschäftsführer Thomas Hechtfischer. "Ohne eine offene Diskussion auch über die Rolle von Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, wird das nicht funktionieren."
Die Aktionärsvereinigung will Vorstand und Aufsichtsrat auf der nächsten Hauptversammlung nur dann entlasten werde, wenn die notwendige Transparenz geschaffen werde.
Kontakt zum Autor: stefanie.haxel@dowjones.com und steffen.gosenheimer@dowjones.com






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