• The Wall Street Journal

Thyssen-Krupp versenkt Milliarden in USA und Brasilien

In der Bilanz von Thyssen-Krupp klafft angesichts neuer riesiger Verluste mit den Stahlwerken in Übersee ein milliardenschweres Loch. Rund 5 Milliarden tief steckt der Konzern alles in allem in den Miesen. Besserung ist kaum in Sicht: Die Konjunkturaussichten schätzt der Dax-Konzern trübe ein, die Dividende für die Aktionäre fällt erst einmal aus.

Immerhin sieht sich der Konzern beim geplanten Verkauf der Verlustbringer in Brasilien und den USA in einem derart fortgeschrittenen Stadium, dass diese nicht mehr als fortgeführte Aktivitäten bilanziert werden. Das allerdings zog erneute Abschreibungen in Höhe von 3,6 Milliarden Euro nach sich. Insgesamt belaufen sich die Einmaleffekte für die einstigen Hoffnungsträger in diesem Jahr damit auf 4,4 Milliarden Euro - allein in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres hatten die Essener schon fast 800 Millionen Euro an Wertberichtigungen vornehmen müssen. In den Büchern steht nur noch ein Wert von 3,9 Milliarden Euro. Details zum Verkaufsprozess teilte Thyssen-Krupp nicht mit. Man sei im Plan, hieß es lediglich.

Volker Hartmann/dapd

Die Thyssen-Krupp-Zentrale in Essen.

Der Konzern hofft nun, bald einen Schlussstrich unter das leidige Thema ziehen zu können. Personell stehen die Zeichen bereits auf Neuanfang. Wie erwartet billigte der Aufsichtsrat die bereits angekündigte Entlassung des halben Vorstands. Olaf Berlien, Jürgen Claassen und Edwin Eichler wird räumen zum Jahreswechsel ihre Posten.

„Das Projekt Steel Americas und die verschiedenen Compliance-Vorstöße haben nicht nur einen immensen finanziellen Schaden verursacht", sagte Vorstandschef Heinrich Hiesinger. „Wir haben dadurch auch an Vertrauen und Glaubwürdigkeit verloren." Mit den Veränderungen im Vorstand habe ThyssenKrupp ein „klares Zeichen für einen Neuanfang gesetzt". Nun werde „konsequent eine neue Führungskultur" etabliert, die auf Ehrlichkeit, Transparenz und Leistungsorientierung basiere. „Dafür stehen wir als Vorstand ein."

Allerdings steht auch der Aufsichtsrat und allen voran Chefkontrolleur Gerhard Cromme in der Kritik. In einem im Jahresbericht enthaltenen Brief an die Aktionäre verteidigte Hiesinger den Aufsichtsrat. Externe Experten hätten die Arbeit des Kontrollgremiums einer Effizienzprüfung unterzogen und ihm „die Umsetzung der Corporate Governance Regeln auf hohem Niveau und die verantwortungsvolle Wahrnehmung der aktienrechtlichen Aufgaben des Aufsichtsrats bescheinigt."

Personeller und finanzieller Neuanfang

Im Ergebnis seien aber viele Annahmen des damaligen Vorstands, die dem Aufsichtsrat präsentiert wurden, „deutlich zu optimistisch" gewesen oder hätten sich „im Nachhinein als falsch herausgestellt". Der Aufsichtsrat sei für die Erfüllung seiner Pflichten jedoch „ganz entscheidend" auf die Informationen durch den Vorstand angewiesen. „Da Steel Americas zu dieser enormen finanziellen Belastung im Konzern geführt hat, hat der Vorstand die Verantwortung für diese gravierende wirtschaftliche Fehlentwicklung zu übernehmen."

Unabhängig von der Debatte um etwaige Verletzungen der Aufsichtspflichten steht im Aufsichtsrat dennoch auch ein Personalwechsel an: Wie die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung mitteilte, folgt Ralf Nentwig auf Peer Steinbrück nach. Der am Wochenende zum Kanzlerkandidaten der SPD gekürte Politiker legt sein Amt zum Jahresende nieder.

Nicht nur personell, auch finanziell muss Thyssen-Krupp einen Neuanfang machen. Der Konzern häufte einen Jahresfehlbetrag von 5 Milliarden Euro an, den Anteilseignern sind 4,7 Milliarden Euro zuzurechnen. Damit steckt der Konzern noch einmal 3,2 Milliarden Euro tiefer in den Miesen als im Vorjahr.

Der Auftragseingang ging im Geschäftsjahr 2011/12 aus fortgeführten Aktivitäten, also ohne Inoxum und Steel Americas, um fünf Prozent auf 42,3 Milliarden Euro zurück. Auch der Umsatz der fortgeführten Aktivitäten lag mit 40,1 Milliarden Euro rund sechs Prozent unter dem vergleichbaren Vorjahreswert. ThyssenKrupp macht dafür vor allem niedrigere Absatzmengen und Preise im Werkstoff-Geschäft verantwortlich. Das bereinigte EBIT der fortgeführten Aktivitäten brach mit 1,4 Milliarden Euro vor allem aufgrund des schwächeren Werkstoff-Geschäfts um die Hälfte ein.

Als Ergebnisziel für das Geschäftsjahr 2011/2012 hatte Thyssen-Krupp ein bereinigtes EBIT im mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Bereich in Aussicht gestellt, ohne Inoxum, aber mit Steel Americas. Trotz des schwachen konjunkturellen Umfelds erreichte der Konzern dieses Ziel mit 399 Millionen Euro. Das EBIT des Gesamtkonzerns – mit Inoxum und Steel Americas - lag mit minus 4,4 Milliarden Euro allerdings deutlich unter dem Vorjahreswert von minus 1 Milliarde Euro. Dies sei auf die Verluste der nicht fortgeführten Aktivitäten und insbesondere auf die Wertberichtigung bei Steel Americas zurückzuführen, teilte das Unternehmen mit.

Mit Problemen nicht allein

Strategisch sieht sich der Konzern aber gut aufgestellt. „Mit dem Abschluss unserer Portfolio-Optimierung und dem Verkauf von Steel Americas erhöht sich das Gewicht der Industriegüter-Geschäfte innerhalb des Konzerns deutlich", sagte Hiesinger. Ohne Inoxum, Steel Americas und einige kleinere Verkäufe sinke der Umsatzanteil der Stahlproduktion von 40 Prozent auf nur noch knapp 30 Prozent. Damit werde der weitaus größere Teil nicht mit der Stahlproduktion, sondern mit Material- und Logistikdienstleistungen und Industriegüter-Geschäften erzielt.

Seine Effizienz will ThyssenKrupp weiter „erheblich" steigern und die Kosten noch mehr senken. Nach einem positiven EBIT-Effekt von mehr als 300 Millionen Euro im abgelaufenen Geschäftsjahr soll nun über drei Jahre das EBIT um weitere 2 Milliarden Euro verbessert werden.

Die Geschäftsentwicklung 2012/13 wird nach Einschätzung von ThyssenKrupp überwiegend stagnieren, so dass das Unternehmen höchstens einen Konzernumsatz für die fortgeführten Aktivitäten auf dem Niveau des Vorjahres von etwa 40 Milliarden Euro erwartet. Das bereinigte EBIT aus fortgeführten Aktivitäten soll bei rund 1 Milliarde Euro liegen. Ob ThyssenKrupp dann wieder eine Dividende zahlen wird, ließ der Konzern offen.

ThyssenKrupp ist mit seinen Problemen nicht allein. Die gesamte europäische Stahlindustrie leidet unter Überkapazitäten und der schwachen Nachfrage. So haben bereits Konkurrenten wie die österreichische Voestalpine, Salzgitter oder der Stahlhändler Klöckner & Co die Konjunktureintrübung als Folge der Euro-Schuldenkrise zu spüren bekommen.

Kontakt zum Autor: ursula.quass@dowjones.com

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