Von KJETIL MALKENES HOVLAND und dapd
OSLO – Die Europäische Union ist am Montag mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Der Vorsitzende des Osloer Nobelkomitees würdigte dabei auch die Rolle der EU bei der Abwendung einer zerstörerischen Rolle in der Schuldenkrise.
In seiner Rede sagte Thorbjörn Jagland, dass die Alternative zu Kooperation auch erneut Protektionismus und Nationalismus wie in den 1930er Jahren hätten sein können. „Wir wissen aus den Jahren zwischen den Kriegen, dass das passieren kann, wenn die Bürger die Rechnung für eine Finanzkrise zahlen müssen, die von anderen ausgelöst wurde", sagte Jagland. Er warnte die einzelnen Länder davor, auf Kosten der anderen zu handeln und Minderheiten für die Krise verantwortlich zu machen. „Das würde uns in die Fallen der Vergangenheit führen", sagte er.
Er überreichte die Medaille und die Urkunde des Nobelpreises an die Vertreter der drei EU-Institutionen: den Rastvorsitzenden Herman van Rompuy, Kommissionschef José Manuel Barroso und Parlamentspräsident Martin Schulz. Die Zeremonie findet jedes Jahr am 10. Dezember im Rathaus von Oslo statt, dem Todestag von Alfred Nobel. Der Preis ist mit umgerechnet etwa 927.000 Euro dotiert.
Viele der Staats-und Regierungschefs der EU waren bei der Verleihung anwesend, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel, der französische Präsident François Hollande und die Ministerpräsidenten der Krisenländer Griechenland, Portugal und Spanien. Sie quittierten die Preisübergabe mit Ovationen. Der britische Premier David Cameron nahm nicht teil.
Van Rompuy: „Ich bin stolz, Europäer zu sein"
Laut dem Testament Nobels soll der Preis an denjenigen verliehen werden, der „die meiste oder die beste Arbeit für die Verbrüderung der Nationen, für die Badschaffung oder den Abbau stehender Armeen und für die Abhaltung und Förderung von Friedenskongressen geleistet hat".
„Es ist die Goldene Regel von Jean Monnet: Lieber am Verhandlungstisch kämpfen als auf dem Schlachtfeld", sagte van Rompuy in seiner Dankesrede unter Verweis auf den verstorbenen französischen Diplomaten, der als einer der Gründerväter der EU gilt. Die enge Zusammenarbeit Europas habe zu einer Situation geführt, in der „Krieg praktisch unmöglich geworden ist".
Aber „Frieden" sei wohl nicht das erste Wort, dass notleidende Eltern, entlassene Arbeiter oder perspektivlosen Studenten in den Sinn kommen würde, sagte van Rompuy. Die gegenwärtige Wirtschaftskrise könne dazu führen, dass die Europäer an den Konsensentscheidungen der EU zweifeln könnten. „Es ist ganz natürlich, dass die Herzen sich verhärten, die Interessen sich verengen und dass lang vergessen Kampflinien und Vorurteile zurückkehren", sagt er. „Europa steht vor einer echten Bewährungsprobe". Er schloss seine Ansprache mit dem Bekenntnis „Ich bin stolz, Europäer zu sein" auf Deutsch, Englisch und Französisch.
Jagland sagte, vor der EU liege noch viel Arbeit, darunter die Schulden zu bewältigen, neue Finanzregelen durchzusetzen und die Korruption abzubauen. „Wir sind hier heute nicht zusammengekommen, weil wir glauben, dass die EU perfekt ist", sagte er. „Wir brauchen Institutionen, die sicherstellen, dass sowohl die Nationalstaaten als auch Individuen sich in Selbstkontrolle und Mäßigung üben."
Preisgeld geht an Kriegsopfer
Kritik an der Preisvergabe an die EU kam unter anderem von Amnesty International und der Linkspartei: Amnesty warf der EU vor, durch die Abschottung ihrer Grenzen Menschen in Not zu bringen. Linke-Parteichef Bernd Riexinger sagte am Montag in Berlin, niemand könne den Friedensnobelpreis bekommen, „der zu den größten Rüstungswaffenexporteuren der Welt gehört". Die EU will das Preisgeld für Kinder stiften, die zu Kriegsopfern geworden sind.
In Stockholm wurden am späten Nachmittag auch die Nobelpreise für Medizin, Chemie, Physik, Literatur und Wirtschaft verliehen. Im Beisein der schwedischen Königsfamilie und zahlreicher geladener Ehrengäste würdigten die Laudatoren – eine Reihe schwedischer Professoren sowie der Autor Per Wästberg – die Errungenschaften der Preisträger in ihrem jeweiligen Feld, bevor König Carl XVI Gustaf ihnen ihre Urkunden übergab. Im Anschluss an die Zeremonie war ein Bankett geplant, bei dem auch die Preisträger noch einmal das Wort ergreifen sollten.
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