• The Wall Street Journal

Der Preis der Unsicherheit

Wenn schon Unsicherheit in der Wirtschaft herrscht, wollen Ökonomen zumindest etwas Sicherheit darüber gewinnen, was die Konsequenzen dieser Stimmung sind. Neu für die Forschung über die Unsicherheit ist, dass sich die Wirtschaft vor allem darum sorgt, wie die Politik sie beeinflussen wird. Denn die Fiskalklippe in den USA und die Sorgen um die Zukunft der Euro-Zone sind gerade der Faktor Nummer Eins.

Die Ökonomen Steven Davis von der University of Chicago sowie Scott Baker und Nicholas Bloom von der Stanford University haben einen Weg gefunden, die Unsicherheit über die politische Zukunft zu messen und wollen anhand dessen auch Rückschlüsse auf die Konjunkturentwicklung ziehen.

Die Hälfte des politischen Unsicherheitsindex errechnen Computer anhand von relevanten Daten aus zehn verschiedenen Tageszeitungen. Die andere Hälfte ergibt sich aus Daten zu ablaufenden Steuererleichterungen und aus einem statistischen Maß der Uneinigkeit zwischen Prognostikern über Inflation und Staatsausgaben.

[image] Getty Images

Wenn die Wirtschaft schwach ist, kann die falsche politische Äußerung die Märkte schnell durcheinanderbringen. Im Bild die New York Stock Exchange.

Der Index zeigt, dass die Unsicherheit der Amerikaner über die Wirtschaftspolitik seit dem Beginn der Finanzkrise stieg und im August 2011 einen Höhepunkt erreichte, als die Politik sich über die Schuldendecke stritt. Ein alternativer Index, der zählt, wie oft im regelmäßigen Bericht der US-Notenbank, dem Beige Book, von Unsicherheit die Rede ist, zeigt ein ähnliches Muster.

Im Präsidentschaftswahlkampf warfen die Republikaner Präsident Barack Obama vor, er habe die Wirtschaft immer weiter verunsichert. Die Demokraten konterten, dass die Republikaner bei Verhandlungen über die Wirtschaftspolitik unnachgiebig waren.

„Unsicherheit" wurde zur Universaldiagnose für alle wirtschaftlichen Probleme des Landes. Umfragen zeigen, dass viele Unternehmen sich auch um die Nachfrage nach ihren Produkten sorgten, während andere tatsächlich nach mehr Sicherheit verlangten – solange das keine Steuererhöhung bedeuten würde.

Der Wahlkampf ist jetzt vorbei, die Unsicherheit jedoch bleibt. Sie könnte dazu führen, dass Verbraucher weniger ausgeben und mehr Geld sparen. Unternehmen könnten vor Risiken und Investitionen zurückschrecken. Und wenn Anleger verunsichert sind, könnten die Finanzierungskosten für Unternehmen steigen.

Angst vor Fiskalklippe wächst

Die Angst wächst, dass die USA die Fiskalklippe nicht vermeiden können, mit der im neuen Jahr automatische Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen greifen würden. In diesem Umfeld investieren Unternehmen weniger und richten sich schon auf ein schlechteres Wachstum im vierten Quartal ein. Doch auch die Euro-Zone trägt zu den Sorgen bei, da Unternehmer sich fragen, ob der Euro die Krise überlebt und ob die europäischen Staaten ihre Schulden tragen können.

Lubos Pastor und Pietro Veronesi von der University of Chicago haben erforscht, warum zum Beispiel Aussagen von griechischen Politikern die globalen Märkte so sehr bewegen, obwohl die griechische Wirtschaft kleiner ist als die des US-Bundesstaates Michigan.

Sie kamen zu dem Schluss, dass es erstens mehr Unsicherheit gibt, wenn die Konjunktur schwach ist, da die Regierung in der Situation eher in die Wirtschaft eingreift (zum Guten oder zum Schlechten). Dadurch seien die Märkte besonders sensibel, wenn Politiker sich zur Wirtschaft äußern. Zweitens bewegten sich laut den beiden Forschern Aktien oft parallel, wenn Unsicherheit über die Wirtschaftspolitik herrscht, da Anleger nur schwer abschätzen können, welche Unternehmen von politischen Aktionen profitieren und welche darunter leiden.

Die Professoren Baker, Bloom und Davis setzten die Hoch- und Tiefpunkte in ihrem Index mit den Konjunkturbewegungen ins Verhältnis. Sie schätzen, dass die gestiegene Unsicherheit zwischen 2006 und 2011 dafür verantwortlich war, dass private Investitionen innerhalb von neun Monaten um 16 Prozent schrumpften und innerhalb von zwei Jahren 2,3 Millionen Jobs verloren gingen.

Skeptiker bezweifeln jedoch, dass die politische Unsicherheit die Wirtschaftsentwicklung beeinflusst. „Wir bezweifeln nicht, dass große Unsicherheit die Konjunktur dämpfen kann, oder dass die Unsicherheit seit 2006 deutlich gestiegen ist", schrieben die Goldman-Sachs-Ökonomen Jan Hatzius und Sven Jari Stehn kürzlich. „Aber wir glauben nicht, dass die schlechte Konjunktur eine Konsequenz der politischen Unsicherheit in den USA ist."

Eine schlechte Wirtschaft habe mehr Unsicherheit zur Folge, nicht umgekehrt, sagen die beiden Ökonomen. Zudem glauben sie, dass die Sorgen um Europa eine größere Rolle spielten als die Sorgen in Washington.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 22. Mai

    In Serbien steht ein Haus mitten in einem Fluss, im Senegal hangelt sich ein Mann am Bungeeseil in einen tiefen Brunnenschacht und in den USA hebt ein Schweizer mit einem Solarflugzeug ab. Das und mehr sehen Sie in unseren Fotos des Tages.

  • [image]

    Tornados hinterlassen einen Pfad der Zerstörung

    Mit enormer Wucht haben Tornados in der Nacht zu Dienstag Städte und Dörfer im US-Bundesstaat Oklahoma getroffen, darunter auch eine Grundschule. Jetzt beginnen die Aufräumarbeiten. Dabei wird das enorme Ausmaß der Naturkatastrophe deutlich.

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 21. Mai

    In Sri Lanka fertigt ein Schneider eine kunterbunte Buddha-Fahne, in China hat sich wieder ein riesiger Straßenkrater aufgetan und beim Radrennen Giro d'Italia kämpften sich die Teilnehmer durch die Alpen. Das und mehr sehen Sie in unseren Fotos des Tages.

  • [image]

    Im Luxusreich der Teenager

    Damit sich ihre Kinder gern zu Hause aufhalten, lassen wohlhabende Eltern für sie luxuriöse Wohnbereiche mit Karaokeanlagen, Billardtischen und riesigen Computern gestalten. Einige treiben es dabei auf die Spitze.

  • [image]

    Die Krise erreicht die Stierkampf-Arena

    Die Jahrhunderte alte spanische Stierkampf-Tradition steht vor dem Aus. Regionaler Nationalismus und Tierschützer setzen ihr schon seit Jahren zu. Die Rezession droht dem blutigen Spektakel aber den Gnadenstoß zu versetzen.

  • [image]

    Otto – ein deutsches Einkaufsimperium

    Die Otto Gruppe besteht nicht nur aus dem gleichnamigen Versand. Gegründet 1946, ist Otto heute in mehr als 20 Ländern aktiv - mit 123 Konzerngesellschaften wie SportScheck, Manufactum, Mirapodo oder Hermes. Überrascht? Wir zeigen, was noch alles zum Imperium gehört.