• The Wall Street Journal

Ein Computer für die Windschutzscheibe

Autobauer haben ihre Fahrzeuge über die Jahre mit Unmengen an Technologien vollgestopft, von Airbags über Bluetooth-Verbindungen bis hin zu Videobildschirmen. Ein Bauteil des Autos sieht jedoch weitgehend noch so aus wie früher: Die Windschutzscheibe. Doch das könnte sich bald ändern.

General Motors und Daimler entwickeln derzeit eine Windschutzscheibe, auf der wichtige Informationen für den Fahrer angezeigt werden sollen. Die Technologie namens Erweiterte Realität, vom englischen Schlagwort Augmented Reality, zeigt im Sichtfeld digitale Bilder an - wie zum Beispiel Wegbeschreibungen, SMS oder Warnungen vor Gefahren im Verkehr. Bei alldem muss der Fahrer nie die Straße aus den Augen lassen.

„Alle arbeiten daran", sagt Tom Seder, Chef-Technologe für die Mensch-Maschine-Schnittstelle bei GM. „Das Ziel ist, beim Fahren so selten wie möglich den Blick senken zu müssen und dabei vielleicht das Fahren zu einer interaktiven Erfahrung zu machen."

Daimler

Studie von Daimler für eine Windschutzscheibe, die gleichzeitig als Bildschirm dient.

Mit ER-Windschutzscheiben wollen die Autobauer ihre Konkurrenz bei der Sicherheit übertrumpfen. Fahrer sollen darauf zum Beispiel vor unberechenbaren Autofahrern oder vor Tieren gewarnt werden, die auf die Fahrbahn laufen.

„Man muss dabei streng auswählen. Die Windschutzscheibe soll nicht mit Informationen überschwemmt werden, denn das kann eine Ablenkung sein", sagt Seder. „Alldem liegt der Wunsch zugrunde, das Fahrzeug sicherer zu machen."

Dafür werden sowohl außen als auch innen Sensoren angebracht. Die im Innern des Fahrzeugs sollen die Augenbewegungen des Fahrers verfolgen. Die ER-Windschutzscheibe könnte dadurch bemerken, dass ein Fahrer ein anderes Auto nicht gesehen hat, das sich in seine Spur einreihen will. Die Windschutzscheibe könnte dann zum Beispiel rot aufleuchten, damit der Fahrer bremst.

Ganz neu ist die Idee nicht. In der Luftfahrt gibt es schon lange solche ER-Windschutzscheiben, und GM hat schon in den Achtzigern Autos verkauft, die den Tacho auf der Windschutzscheibe anzeigten.

Doch in letzter Zeit ist die Erweiterte Realität bei Technologiefirmen wieder beliebt geworden. Die Technologie ist derzeit in vielen Smartphones verfügbar. Zum Beispiel können Nutzer ihr Telefon hochhalten und sich Informationen über ihre Umgebung anzeigen lassen, wie Rezensionen über umliegende Restaurants. Google arbeitet derzeit an einem Headset, das Brillengläser in einen Computerbildschirm mit eingeblendeten Informationen verwandeln kann.

Bis ER-Windschutzscheiben auf den Markt kommen, wird es jedoch noch dauern. Sowohl GM als auch Daimler rechnen mit einer Wartezeit von mindestens fünf Jahren. Außerdem äußern sie sich noch nicht dazu, was diese Technologie kosten würde. Anfangs soll sie jedoch nur in teureren Modellen verfügbar sein.

Einige Prototypen der Windschutzscheiben zeigen, was eines Tages möglich sein könnte. Bei der Consumer Electronics Show im Januar in Las Vegas zeigte Daimler eine Windschutzscheibe, die Fakten über die Sehenswürdigkeiten der Stadt, Wetterinformationen und Verkehrsnachrichten anzeigte. Außerdem konnten darauf Nachrichten von Sozialen Medien eingeblendet werden.

Laut Johann Jungwirth, Leiter des Bereichs Forschung und Entwicklung bei Mercedes-Benz in Nordamerika, ist Erweiterte Realität ideal für Autofahrer, die in ihrem Tagesablauf immer abhängiger von ihrem Smartphone werden.

Fahrer könnten ihren Kalender auf der Windschutzscheibe anzeigen lassen und beim Fahren Textnachrichten lesen und darauf antworten, sagt Jungwirth. „Es gibt keine Grenzen dafür, was auf der Windschutzscheibe angezeigt werden kann", sagt er.

Dave Sullivan, Analyst bei der Marktforschungsfirma AutoPacific, sagt, die Technologie muss sich erst noch als sicher erweisen, bevor sie auf den Markt kommen kann. „Auf der Windschutzscheibe kann man keine halbfertige Technologie gebrauchen", sagt er. „Das muss einwandfrei funktionieren."

Doch es ist schwer, Autofahrer zu überzeugen, im Verkehr ihre Smartphones aus der Hand zu geben. „Man muss sich nur umschauen: Alle sind beim Autofahren mit ihren mobilen Geräten beschäftigt", sagt Sullivan. „Die Frage ist also, ob Autobauer eine Technologie wie ER-Windschutzscheiben finden, die bei den Kunden gut ankommt."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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