• The Wall Street Journal

Eine Rakete für Nordkoreas neuen Führer

Es ist gerade einmal acht Monate her, dass Nordkorea eine Rakete startete, die dort nicht länger als 80 Sekunden in der Luft blieb. Nun plant der Staat einen erneuten Raketenstart. Dieser dient als Test für die militärische Schlagkraft, aber auch als Legitimationsinstrument für den neuen Staatsführer Kim Jong Un.

Der jetzt geplante Raketenabschuss unterscheidet sich von dem im April in mehrfacher Hinsicht. Neu ist, dass Nordkorea seine Bevölkerung diesmal nicht im Vorfeld darüber informiert hat. Auch wurden diesmal – anders als damals – keine ausländische Journalisten eingeladen, um die Rakete und die geladenen Satelliten zu begutachten.

Allerdings läuft es auch diesmal nicht rund für die Nordkoreaner. Am Montag verlängerte Nordkoreas Weltraum-Behörde das Zeitfenster für den Start der Rakete am Montag um eine Woche bis zum 29. Dezember, nachdem es in der ersten Phase des Starts "technische Probleme" gegeben habe. Das Zeitfenster für den geplanten Abschuss öffnet sich an diesem Montag. Ursprünglich sollte der Start bis spätestens 22. Dezember erfolgen.

Reuters

Der Start dieser nordkoreanischen Rakete im April floppte. Jetzt unternimmt das Regime in Pjöngjang einen neuen Anlauf.

Am Montag veröffentlichten die Staatsmedien eine zwei Sätze lange Erklärung des koreanischen Komitee für Weltraumtechnologie. Darin hieß es, die Vorbereitung von Wissenschaftlern und Technikern befänden sich in der "finale Phase". Allerdings habe es technische Mängel bei der Steuerung der Rakete gegeben, die den Satelliten trägt. Deshalb habe man sich zu der Verlängerung des Zeitraums für den Satellitenabschuss entschieden. Weitere Erklärungen gab es nicht.

Südkoreanische Beobachter hatten vergangene Woche berichtet, dass die Vorbereitungen für den Start offenbar durch Schneestürme auf Nordkoreas Raketenabschussbasis behindert wurden, die von Mittwoch bis Freitag über die koreanische Halbinsel hinweggefegt waren. Weil der Startturm zurzeit abgedeckt sei, gebe es allerdings Grenzen für die Satellitenfotografie, auf die sich ausländische Beobachter verlassen müssten, erklärte ein südkoreanischer Regierungsvertreter am Freitag.

Fünfter Raketenstart Nordkoreas seit 1998

Die geänderte Taktik Nordkoreas hat im Ausland den Verdacht genährt, das kommunistische Regime werde seinem Volk den Raketenstart auf jeden Fall als Erfolg verkaufen – unabhängig von seinem Verlauf. Ehe die Verzögerung gemeldet wurde, hatten Analysten noch spekuliert, das Regime werde die Verkündung auf den 17. Dezember legen, den ersten Todestag des früheren Diktators Kim Jong Il.

Nordkorea hat seit 1998 vier Raketen abgeschossen. Nordkorea erklärte, es werde mit der Rakete einen Satelliten ins All schießen. Andere Länder sehen den Raketenstart aber als Test für die Entwicklung von Langstreckenraketen, die – so hofft Pjöngjang – eines Tages Atomwaffen tragen könnten. Keine der vier erreichte jemals das All – auch wenn Nordkorea behauptet, drei hätten es geschafft.

dapd

Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un. Ausländische Beobachter zweifeln, ob er das Militär komplett hinter sich hat.

Seit dem missglückten Start im April, der an den hundertsten Geburtstag von Staatsgründer Kim Il Sung erinnern sollte, haben Beobachter immer wieder gemutmaßt, Nordkorea werde noch vor Ende des Gedenkjahres einen neuen Versuch unternehmen.

Bekannt war, dass Nordkorea bis zum April an zwei Raketen gearbeitet hatte. Seither haben Geheimdienste in Südkorea und anderen Staaten neue Tests von Raketenmotoren sowie weitere Aktivität auf der Haupt-Abschussbasis an der Nordwestküste des Landes nachgewiesen.

Kim Jong Un kämpft um die Macht

Als Nordkorea am 1. Dezember erklärte, es werde irgendwann zwischen dem 10. und 22. Dezember einen neuen Start versuchen, hieß es, man tue dies „auf Geheiß" von Kim Jong Il, der den Start ursprünglich zu Ehren seines Vaters angeordnet haben soll.

In den vergangenen zwei Monaten haben Geheimdienste, Armeevertreter, Überläufer aus Nordkorea und weitere Beobachter allerdings auch Indizien dafür gesammelt, dass der neue Diktator Kim Jong Un – der Sohn von Kim Jong Il und Enkel von Kim Il Sung — intern mit wachsendem Unfrieden kämpft. Den deutlichsten Beweis hierfür lieferte er im Juli mit einem plötzlichen Stühlerücken in der militärischen Führung. Im vergangenen Monat gab es Berichte, dass Kim den Oberkommandierenden bereits zum zweiten Mal ausgetauscht habe, was das Regime allerdings nicht bestätigte.

Wo die Korruption grassiert

Die Lage in Nordkorea sei „weniger ermutigend als in den ersten Monaten seiner Führung", sagte ein südkoreanischer Regierungsvertreter vergangene Woche mit Blick auf Kim Jong Un.

Aus Regierungskreisen in Washington heißt es, man sei nicht sicher, ob Nordkoreas Militär wirklich komplett hinter Kim stehe. Das Raketenprogramm biete ihm eine Möglichkeit, Stärke zu zeigen.

Hoffnung auf schärfere Gangart Chinas

Washington hat Nordkorea wiederholt vor einem erneuten Raketenabschuss gewarnt. Zu möglichen Konsequenzen haben sich US-Offizielle bisher aber bedeckt gehalten – abgesehen von der Ankündigung, dass sie gemeinsam mit Japan und Südkorea auf nicht weiter beschriebene Aktionen der Vereinten Nationen dringen würden. Vertreter der drei Länder hatten sich Anfang Dezember in Washington beraten.

Ein Weg, den Druck auf Nordkorea zu erhöhen, könnte eine Verschärfung der Sanktionen gegen Pjöngjang sein. Auch hierzu wollte sich im Vorfeld des Raketenstarts aber niemand äußern.

dapd

Auf Plakaten demonstrieren Südkoreaner gegen Kim Jong Un und den Raketenstart in Nordkorea.

In Südkorea gehen Regierungsvertreter davon aus, dass China im Falle eines Raketentstarts zustimmen würde, weitere nordkoreanische Unternehmen auf die Liste der von den UN sanktionierten Firmen zu setzen. China, das den Verbündeten Nordkorea wirtschaftlich unterstützt, zeigte schon im Vorfeld des geplantes Starts eine etwas schärferer Haltung als im April. Ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums erklärte, dass Nordkorea das Recht auf eine friedliche Nutzung des Weltraums habe, fügte aber hinzu, dass das Land „weise handeln" müsse und bezog sich dabei auf die Resolution des UN-Sicherheitsrats.

In Japan ist der geplante Raketenstart im Vorfeld der Wahl am kommenden Wochenende zu einem Spielball der Politik geworden. Ministerpräsident Yoshihiko Noda nutzt das Thema, um seine diplomatischen Errungenschaften hervorzuheben. Seinem schärfer auftretenden Haupt-Widersacher wirft er vor, zu hitzköpfig zu agieren. Oppositionsführer Shinzo Abe dagegen hat Noda dafür kritisiert, dass er zu einer Zeit neue Gespräche mit Pjöngjang aufgenommen habe, in der das Land seine Raketenpläne eilig vorantreibe.

Die bilateralen Gespräche, die Japan am 2. Dezember einstellte, begannen im August. Nach Angaben des japanischen Außenministeriums waren es die ersten formalen Konsultationen zwischen den beiden Staaten seit vier Jahren.

Japan versetzt Militär in Alarmbereitschaft

Japans Armee brachte vergangene Woche auf Ishigaki, einer der entfernten Inseln auf der Inselkette Okinawa, 2.000 Kilometer südwestlich von Tokio, Boden-Luft-Raketen in Stellung – und wiederholte damit die Prozedur von vor acht Monaten. Das Verteidigungsministerium erwägt außerdem, den Raketenstart von Marine-Zerstörern mit modernstem Radar und Raketenabwehrsystemen zu überwachen.

Auf den Philippinen, die der geplanten Flugbahn der nordkoreanischen Rakete am nächsten liegen, haben Regierungsvertreter Schiffe gewarnt, Gegenden zu meiden, in denen Raketentrümmer ins Meer stürzen könnten. Außerdem werden, wie auch andernorts in der Region, Flüge umgeleitet, damit sie nicht den geplanten Weg der Rakete kreuzen.

Nach der ursprünglichen Ankündigung am 1. Dezember hatte Nordkorea die internationalen Luft- und Schifffahrtbehörden informiert, dass die Rakete einer ähnlichen Flugbahn wie der im April folgen soll, also das Gelbe Meer, das Ostasiatische Meer östlich von China und Taiwan ebenso überfliegen soll wie die Philippinen.

Mitarbeit: Chester Dawson, Aaron Back und Min Sun Lee

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