• The Wall Street Journal

Auch im neuen Jahr führt kein Weg an Aktien vorbei

Wo steht der Dax in einem Jahr? Glaubt man den Experten, dann führt auch im kommenden Jahr keine Anlagestrategie an Aktien vorbei. Nach einer Rally von fast 30 Prozent in diesem Jahr sind die Analysten allerdings vorsichtig. Im Schnitt trauen sie dem Dax bis zum Jahresende 2013 nur noch gut drei Prozent Kurspotenzial zu. Auf gut 7.800 Punkte lautet die Konsensprognose. Allerdings dürften die Zinsen extrem niedrig bleiben. Negative Realzinsen sind auch 2013 ein realistisches Szenario. Der viel zitierte Anlagenotstand von Investoren könnte sich also sogar noch verschärfen und sie auf der Suche nach Rendite geradezu in Aktien treiben.

In den letzten beiden Jahren lagen die Analysten und Strategen mit ihren Prognosen meilenweit daneben. Ende 2010 prognostizierten sie den Dax zum Jahresende 2011 im Mittel mit 7.552 Punkten. Und lagen damit 1.654 Zähler zu hoch. Ein Jahr später - und nach dem übertriebenen Optimismus vorsichtig geworden - taxierten sie den Dax zum Jahresende 2012 auf 5.850 Punkte. Damit liegen diesmal bislang 1.685 Punkte zu niedrig.

Schwellenländer haben gute Aussichten

Liegen die Profis auch für 2013 schief, dann wäre man gut beraten auf fallende Kurse zu setzen und so Geld zu verdienen. Aber es gibt doch gute Gründe für weiter steigende Börsen. Zuallererst die robuste Konjunktur in den Emerging Markets. "Die Wachstumsaussichten 2013 für die Schwellenländer liegen solide bei 6,7 Prozent", sagt Stefan Schneider von der Deutschen Bank. Der Motor bleibe China mit einem geschätzten Wachstum von 8,2 Prozent. Aber auch von Brasilien dürften Impulse ausgehen, nicht zuletzt von der Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Brasilien schätzt allein die Investitionen hierfür auf 40 Milliarden Euro.

dapd

Ein Wertpapierhaendler an der Frankfurter Börse. 2013 soll ein gutes Aktienjahr werden, sagen die Analysten.

"Alles, was in der Welt passiert, ist angeblich ausgelöst durch die Eurokrise. Der Konjunkturzyklus wird aber nicht von der Eurozone gemacht, sondern von den Schwellenländern", sagt Gertrud Traud. Auch die Chefvolkswirtin der Helaba prognostiziert für 2013 einen "klassischen Aufschwung", angeführt von China und Brasilien. Den Dax mit seiner starken Konjunkturlastigkeit könne das bis Ende kommenden Jahres auf 8.200 Punkte steigen lassen.

Ein kurzer Blick zurück: Das Börsenjahr 2012 könnte als das paradoxeste in die Geschichte eingehen. Die Schuldenkrise in der Eurozone dominierte die Märkte wie kein anderes Thema. Hiobsbotschaft folgte auf Hiobsbotschaft, das Angstwort Rezession wurde Realität. Nicht weniger als die Fortexistenz der Eurozone wurde in Frage gestellt. Doch der Dax stieg so stark wie seit neun Jahren nicht mehr. Angesichts der Krise senkten die Notenbanken rund um den Globus die Zinsen, teilweise auf nie zuvor gesehene Tiefstände. Zugleich pumpten sie Milliarden Euro, Dollar, Franken und Yen in die Finanzmärkte. Das beflügelte die Aktien.

2013 - langweilig aber profitabel

Im Verlauf des kommenden Jahres könnte sich die Schuldenkrise etwas entschärfen. "Die Reformen in den Peripheriestaaten dürften in Gang kommen", sagt Stefan Schneider von der Deutschen Bank. Beispiel Griechenland: Laut der Weltbank haben sich die Rahmenbedingungen für die Wirtschaft dort jüngst spürbar verbessert. Unter 185 Staaten ist das Land um elf Plätze auf Rang 78 geklettert. Bei der Erteilung von Baugenehmigungen oder dem Bezug von Elektrizität liegen die Griechen bereits deutlich vor Italien oder Spanien. Selbst beim viel gescholtenen Steuersystem schneidet Athen besser ab als Italien oder Portugal.

Die Athener Börse hat vom Rekordtief Anfang Juni um 70 Prozent zugelegt. Auch in Mailand und Madrid haben sich die Kurse zuletzt kräftig erholt. Investoren setzen also auf wieder steigende Unternehmensgewinne in den kommenden Quartalen. An den Bondmärkten, die ausgesprochen sensibel auf die Schuldenkrise reagieren, haben sich die Kosten für die Absicherung gegen einen Ausfall Italiens seit Jahresbeginn mehr als halbiert. Schwindet in den kommenden Monaten die politische Unsicherheit, dann dürften diese Risikoprämien weiter sinken. Ulrich Stephan, Chefstratege der Deutschen Bank, spricht mit Blick nach vorn schon von einer "profitablen Langeweile" nach den Turbulenzen des zu Ende gehenden Jahres.

Finanzsektor könnte zulegen

Eine wieder zunehmende Risikofreude der Investoren dürfte vor allem die Börsen der überschuldeten Peripheriestaaten beflügeln. Denn die haben Nachholpotenzial: Trotz der Erholung in den vergangenen Monaten liegen die Börsen in Madrid und Lissabon seit Jahresbeginn noch immer im Minus. Der Mailänder Leitindex MIB bringt es auf ein mageres Plus von 4 Prozent. "Aktien der Peripherie sowie aus dem Finanzsektor erscheinen zunehmend interessant für Investoren", sagt Stephan. Auch Finanzaktien sind wegen ihrer starken Abhängigkeit von der Schuldenkrise weit hinterher gehinkt und könnten 2013 kräftig Boden gut machen.

Bei allem Optimismus macht Gertrud Traud von der Helaba auch Risiken für die Finanzmärkte aus: Ein Platzen der Immobilienblase in China, eine Ausweitung der Krise im Nahen Osten mit steigenden Ölpreisen oder ein Austritt Italiens aus der Eurozone unter einem Ministerpräsidenten Berlusconi seien zumindest denkbare Szenarien, die die Finanzmärkte belasten könnten. Dann könnte wieder Geld aus Aktien in sichere Bundesanleihen fließen. Außerdem ist sich die Volkswirtin sicher: "Der Schuldenschnitt für Griechenland kommt. Das Verteilen und Strecken der Lasten wird nicht ausreichen."

Doch bevor Deutschland und andere öffentliche Gläubiger viele Milliarden Euro abschreiben müssen, droht kurzfristig noch der Kampf um den US-Staatshaushalt für 2013 zum Stolperstein für die Finanzmärkte zu werden. Die Börsen-Rally mit einem DAX auf Jahreshoch spricht nicht gerade für besorgte Händler. "Dass nicht sein kann, was nicht sein darf", scheint vielmehr die herrschende Meinung - besser: Hoffnung - an den Märkten zu sein. Der Internationale Währungsfonds rechnet mit einem Rückfall der USA in die Rezession, sollte das politische Washington an der Fiskalklippe zerschellen.

Auf www.intrade.com, wo man politische Wetten eingehen kann, geben die Spieler einem Rückfall der USA in die Rezession nur eine Wahrscheinlichkeit von 22 Prozent. Fast drei mal so hoch lauten hingegen die Wetten darauf, dass der Dow Jones Index das Jahr über 13.000 Punkten beendet. Derzeit liegt der Blue-Chip-Index bei 13.074 Punkten. Sollte jedoch zum Jahresende die politische Bombe explodieren und zwangsweise Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen in Gesamthöhe von 600 Milliarden Dollar in Kraft treten, dann dürften die Börsen im neuen Jahr erst einmal in die Knie gehen.

Kontakt zum Autor: benjamin.krieger@dowjones.com

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