Von JOSÉ DE CÓRDOBA und RON WINSLOW
Venezuelas Präsident Hugo Chávez hat vor kurzem bekannt gegeben, dass er erneut an Krebs erkrankt sei. Zwar weiß die Weltöffentlichkeit, dass er in Kuba operiert wurde. Um die Details machen Chávez und sein Stab aber nach wie vor ein Geheimnis. Anhand der wenigen vorliegenden Fakten können Krebsspezialisten jedoch auf Art und Stadium der Krankheit schließen. Sie vermuten, dass es höchstwahrscheinlich Krebs im Endstadium ist.
Zurzeit erholt sich Chávez von seiner jüngsten Operation in Kuba. Vor rund einer Woche gab der Präsident bekannt, dass man zum dritten Mal Krebszellen in seinem Unterleib entdeckt habe. Die venezolanische Regierung gab immer noch nicht die Art der Krebserkrankung bekannt, ebenso wenig den Grund für den erneuten Eingriff. Mitgeteilt wurde jedoch, dass die Operation mehr als sechs Stunden dauerte sowie „kompliziert und heikel" gewesen sei. Am Donnerstag meldete die Regierung, der Zustand des Präsidenten sei von „stabil" auf „positiv" hochgestuft worden.
Trotz der Geheimniskrämerei reichen die verfügbaren Informationen aus, um Vermutungen über den schlechten Gesundheitszustand des Politikers anstellen zu können – auch, wenn man keine Einsicht in die Krankenakte des Präsidenten hat. Dafür spricht auch, dass er vor seiner Abreise nach Kuba seinen Vizepräsidenten Nicolás Maduro als Nachfolger empfohlen hat.
Chávez könnte zum einen nicht rechtzeitig zu seiner Amtseinführung am 10. Januar zurück in Caracas sein kann. Erst im Oktober haben ihn die Venezolaner erneut zum Präsidenten gewählt. Er ist bereits seit 14 Jahren im Amt.
Zum anderen lässt die jüngste Operation Krebsspezialisten annehmen, dass sich die Überlebenschancen des Präsidenten verschlechtern. Krebs sei ein Glücksspiel, sagen auf die Krankheit spezialisierte Ärzte. Es sei durchaus möglich, dass sich der Gesundheitszustand von Chávez zwischenzeitlich stark verbessern könnte. „Wenn wir eines wissen, dann dass wir nicht gut im Prognostizieren sind", sagt J. Randolph Hecht, Leiter der Gastrointestinalen Onkologie an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. „Nur in Hollywood-Filmen wissen die Menschen, wie lange ihnen noch bleibt."
Die Tatsache, dass der Krebs nach vier Operationen, Bestrahlung und Chemotherapie zwei Mal zurückkehrt, lässt laut Hecht darauf schließen, dass die Krankheit aggressiv und wahrscheinlich unheilbar ist. Krebs im Beckenbereich lässt sich in den meisten Fällen auf vier Krebsarten beschränken: Prostata-, Dickdarm-, Blasenkrebs oder ein Sarkom, ein bösartiger Tumor, der nicht von einem Organ ausgeht, sondern von Stütz- oder Bindegewebe wie Muskeln, Bändern, Fettgewebe oder Knochen. Diese sehr seltene Krebsart bildet in der Regel bereits im frühen Stadium Metastasen aus.
Der ehemalige Arzt der Familie Chávez, Salvador Navarrete, sagte in der Öffentlichkeit, ihm hätten Familienmitglieder gesagt, es handele sich um ein Sarkom. Auch George Demetri, medizinischer Direktor des Zentrums für Sarkome und Knochenonkologie am Dana-Farber Krebsinstitut in Boston sagte, die öffentlich bekannten Beschreibungen des Krebses stimmten ziemlich mit denen eines Sarkoms überein.
Unter anderem operiere man bei Krebsarten wie Prostata- und Dickdarmkrebs nur einmal. Wiederholte Eingriffe und Behandlungen deuteten auf diese aggressive Krebsform hin, sagen die Ärzte. "Wenn Sarkome im Bauchbereich auftreten, ist das ziemlich dramatisch. Es ist ziemlich schwierig, nochmal reinzugehen und alles rauszuschneiden, in der Bauchhöhle können sich die Krebszellen leicht ausbreiten", sagt Thierry Jahan, Onkologe an der Universität von Kalifornien in San Francisco und spezialisiert auf die Enfernung von Sarkomen.
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Mehrmalige Operationen zollen vom Körper einen hohen Tribut. Die Vernarbung erschwert jeden weiteren Eingriff. Sowohl die Narben als auch die Tumore können Blutadern blockieren oder zu einem Darmverschluss führen – der laut George Demetri eine erneute sofortige Operation erfordert. Zudem kann es zu Druck auf die Nervenbahnen kommen, was sehr schmerzhaft sei, sagt der Direktor des Sarkom-Zentrums.
Und die Erholungsphase der jüngsten Operation birgt zusätzliche Gefahren, sagt Jahan. Die exzessive Einnahme von Entzündungshemmern während der Behandlungsphasen könnte zu Muskelschwund führen und nach einem operativen Eingriff das Infektionsrisiko erhöhen. Dem Politiker drohen laut Jahan nicht nur potenziell tödliche Infektionen, auch eine Blutvergiftung, Blutungen im Magen-Darm-Bereich oder Diabetes könnten auftreten.
Zum ersten Mal wurde der Krebs bei Chávez 2011 diagnostiziert. Damals hatten seine behandelnden Ärzte bei der Entfernung eines Abszesses im Beckenbereich einen "baseballgroßen Tumor" entdeckt, wie der Präsident mitteilte. Nach einer erneuten OP zur Entfernung des bösartigen Tumors sowie Bestrahlung und Chemotherapie tauchte der Krebs erneut auf und wurde im Februar wieder entfernt. Der Politiker unterzog sich mehrerer Krebstherapien und teilte anschließend erneut mit, er sei geheilt.
Patienten, die an einem aggressiven und unheilbaren Sarkom leiden, haben in der Regel eine verbleibende Lebenserwartung zwischen einem und drei Jahren. Sollte Chávez tatsächlich an einem Sarkom im fortgeschrittenen Stadium leiden, befindet er sich jetzt genau in der Mitte dieser Zeitspanne.
—Mitarbeit: David LuhnowKontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de







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