Von DIRK ELSNER
Zu den neuen Konzepten im Next Generation Finance gehört das Social Trading an den Kapitalmärkten. Schon seit einiger Zeit bieten Unternehmen wie Ayondo oder Etoro kommunikationsfreudigen Anlegern Plattformen, um ihre Geldanlagestrategien offenzulegen und deren Erfolg zu messen, während andere Anleger diesen Strategien folgen können. In den vergangenen Monaten sind in Deutschland weitere Plattformen an den Start gegangen: Wikifolio und Moneymeets.
Gute Social Media-Philosophie beinhaltet bekanntlich nicht den Betrieb einer Twitter- oder Facebookseite, auf denen PR- und Vertriebsspezialisten Gut-Wetter für ihr Unternehmen und ihre Produkte machen. Social Media auf Produktebene umgesetzt bedeutet viel mehr:
•offene und gleichberechtigte Kommunikation zwischen (potentiellen) Kunden und Unternehmen,
•hohe Transparenz über Leistungen und Gegenleistungen,
•Gestaltung der Dienstleistungen durch Mitwirkung der Kunden.
Genau auf diese Elemente setzt das Social Trading und die neuen Plattformen Moneymeets und Wikifolio.
Stephan Dörner hat Wikifolio Anfang November in „Follow the money" – das Facebook für Geldanleger" ausführlich vorgestellt. Profis und Amateure können dort ihre an den Börsen realisierbaren Kapitalanlageideen präsentieren. Dazu stehen derzeit fast 2.500 an Börsen gehandelte Instrumente zur Verfügung. Daraus können sich die User ihr eigenes Musterportfolio zusammenstellen und dies veröffentlichen. Der Clou ist: Die Handelsstrategien bzw. die entsprechenden Musterportfolios können in an der Börse Stuttgart gehandelte Zertifikate umgesetzt werden, wenn sich genügend Anleger dafür interessieren. Anleger können über solche gehandelten Zertifikate mit kleinen Beträgen direkt in die Strategien anderer Personen investieren. Der User wiederum, dessen Portfolio über ein erfolgreiches Zertifikat gehandelt wird, profitiert direkt von seinem Erfolg – über eine Erlösbeteiligung, die transparent festgelegt wird.
Der Markt ist der Schwarm
Einige Kritiker knirschen bei dem Konzept mit den Zähnen, weil sie die gleichen Nachteile sehen, die für nahezu alle Formen des Anlagemanagements gelten und laut vieler Studien insbesondere für aktiv gemanagte Fonds. So müssen die Zertifikate mit der besten Perfomance nicht zwangsläufig auch morgen zu den Top-Performern gehören. Man kann dies auch unter dem Schlagwort zusammenfassen, dass selbst der Markt nicht den Schwarm schlagen kann. Diese Erkenntnis bzw. Kritik ist freilich nicht besonders originell, weil der Markt der Schwarm ist.
Ein gewichtigerer Einwand betrifft häufige Umschichtungen in den Portfolien, die zu hohen Transaktionskosten führen und damit die Performance im Schnitt unter die Marktentwicklung drücken. Aber gerade der Umschichtungsvorwurf greift im Vergleich zu traditionellen Investmentfonds nicht. Wikifolio präsentiert nämlich im Vergleich zu den Flaggschiffen der Fondsbranche eine herausragende Transparenz. So werden die laufenden Einzeltransaktionen zu Preisen und Uhrzeiten je Portfolio in einer Excel-Tabelle veröffentlicht (Beispiel: Portfolio Trendfolge Investition).
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Kein Anleger ist gezwungen, in Wikifolio-Zertifikate mit vielen Handelsaktivitäten zu investieren. Viel wichtiger für Anleger in Wikifolios ist, dass ein Zertifikat kein Investmentfonds ist, sondern eine Schuldverschreibung. Es unterliegt damit neben den produktspezifischen Risiken vor allem dem Emittentenrisiko und speziellen operativen Risiken, worauf der Prospekt auch hinweist. Emittent der Zertifikate ist die Düsseldorfer Bank Lang & Schwarz.
Einen etwas anderen Weg im Social Trading geht die im November in die Betaphase gestartete Plattform Moneymeets. Hier kann man seine in echten Depots bei anderen Banken abgebildete Anlagestrategie mit anderen Nutzern der Plattform teilen. Die Betonung liegt hier aber auf "kann", denn niemand ist gezwungen, seine tatsächlichen Bestände zu veröffentlichen, sondern kann sich auf die Struktur beschränken oder gar nichts veröffentlichen.
Die Plattform setzt auf finanzielle Anreize, um Bestände auf Moneymeets zu ziehen. Mitglieder erhalten nach Darstellung der Plattform nicht nur die Ausgabeaufschläge, sondern auch bisher nicht offen gelegte Innenprovisionen bis zu 66% zurück. Gerade mit der Ausschüttung dieser Innenprovisionen gehen die Kölner einen Weg, der so manch einer Bank unangenehm aufstoßen könnte. Vielen Kunden ist nämlich gar nicht bekannt, dass neben dem Ausgabeaufschlag solche Zahlungen fließen und diese normalerweise die Hausbank oder ihr Finanzberater einstreicht.
Fonds und Banken sperren sich - noch
Der Umfang erstatteter Provisionen richtet sich nach der Aktivität im sozialen Netzwerk. Außerdem müssen die Fondsgesellschaft und die jeweilige Depotbank mitspielen. Das Netzwerk veröffentlicht Provisionen, Vergütungen und Performance-Ergebnisse für alle Finanzgeschäfte, die bei Moneymeets.com handelbar sind.
Wenig überraschend spielen längst nicht alle Fonds und Depotbanken mit. Plattformen wie Moneymeets könnten aber den Druck auf die Banken und Fondsgesellschaften erhöhen, die sich dem Zusammenspiel verweigern. Weil die derzeitigen Differenzierungsmerkmale sowohl von Fonds als auch der Depotbanken nur noch minimal sind, ist es für Kunden attraktiv, für die Geldanlage zu den Fonds und Banken zu wechseln, die das Modell unterstützen.
Der Reiz von Moneymeets liegt aber nicht nur im Kickback von Provisionen und darin, dass man anderen Strategien folgen und diese diskutieren kann. Attraktiv ist daneben der Ansatz, dass man hier webbasiert und bankübergreifend Auswertungen über seine Depots nebst Cashbeständen erhalten kann. Darüber hinaus, so erklärt Mitgründer und Geschäftsführer Johannes Cremer, werden auch Beteiligungen wie geschlossene Fonds aufgenommen. Moneymeets füttert die Plattform dazu regelmäßig mit aktuellen Informationen. So etwas war bisher nur über lokale Softwarelösungen möglich.
Symbiose zwischen alter und neuer Finanzwelt
Interessant an beiden Plattformen ist das Zusammenspiel zwischen alter und neuer Finanzwelt. Wikifolio und Moneymeets suchen bewusst die Symbiose mit der traditionellen Finanzwelt und zeigen, wie man Social Media für Finanzdienstleistungen nutzen kann. Das unterstreicht die These, dass die Finanzwelt nicht komplett neu erfunden werden muss, sondern sich vorhandene Leistungen mit Instrumenten der digitalen Welt anreichern lassen.
Solche Angebote könnten den Bedürfnissen vieler Kunden eher entsprechen als ein kompletter Neuanfang bei einem jungen Anbieter, mit dem noch niemand langfristige Erfahrungen sammeln konnte. Das Potenzial, das sich aus einem derartigen Quer- und Überkreuzdenken für die Fortentwicklung der Finanzwirtschaft entwickelt, ist mit Moneymeets und Wikifolio längst nicht erschöpft. Wir werden in den nächsten Monaten und Jahren viele weitere Ansätze sehen, wie sich Leistungen und Produkte des Finanzsektors anreichern lassen und daraus neue Geschäftsmodelle entstehen.
In den nächsten Tagen sollten Sie aber bei Bescherung weniger an Ihre Vermögensanlage denken, sondern mehr an ihre Familien und Freunde, denn Weihnachten steht vor der Tür. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen frohe Festtage.
Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und mittelständische Unternehmen. 2008 hat er den Blick Log gegründet, der 2012 zum Finanzblog des Jahres gekürt worden ist. Ein Schwerpunkt des Blogs sind Themen aus der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und Neuerungen im Banking.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de



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