Von LINGLING WEI
PEKING – Sollte Chinas neue Führung die Nation wirklich auf einen nachhaltigeren Wachstumspfad bringen wollen, müsste sie wohl dafür sorgen, dass die großen Banken sich aufgeschlossener gegenüber Kreditnehmern wie Lin Jiexiong verhalten.
Lin ist Geschäftsführer der Guangdong Liantai Group, einem privaten Bauunternehmen in der südchinesischen Stadt Shenzhen. Er beklagt, dass es für sein Unternehmen viel zu schwer ist, an Kredite zu kommen. Die Großbanken des Landes vergäben Darlehen lieber an große, staatlich kontrollierte Unternehmen. Sie hätten zu wenig Druck, mit ihren Angeboten auch um kleinere Gesellschaften wie die seine zu werben.
„Verglichen mit staatlichen Unternehmen ist es in der Regel härter für uns, an Kredit zu kommen, und die Zinsen, die wir zahlen müssen, sind relativ hoch", sagt Lin.
Auf dem Parteikongress der Kommunistischen Partei wird gerade die neue Führung der zweitgrößten Volkswirtschaft der Erde bestimmt. Eine der Hauptaufgaben des Kongresses ist eine Wirtschaftsreform, die Chinas Ökonomie wegführt von den bankenfinanzierten Investments in Staatskonzerne hin zu einem mehr konsumorientierten Ansatz. Von diesem würden die Haushalte ebenso profitieren wie kleine Unternehmen, die dabei viele neue Stellen schaffen.
Sollte sich dieser Ansatz durchsetzen, müsste es in Chinas Bankenbranche zu einer Revolution kommen. Bislang haben die Institute überwiegend auf das von der Regierung festgelegte Zinsregime gesetzt. Die chinesische Zentralbank setzt eine Untergrenze für Kreditzinsen und eine Obergrenze für Einlagenzinsen, die Banken leben von der garantierten Differenz zwischen beiden.
Neue Geschäftsfelder
Aus Sicht von Kritikern gibt es im aktuellen System wenig Anreiz zu Wettbewerb unter den Banken. Darunter leiden kleine Kreditnehmer und auch die Sparer, die Peking dazu bringen will, mehr zu konsumieren, um die Wirtschaft zu stimulieren. Im dritten Quartal wiesen die vier größten Banken Chinas einen Gewinn von zusammen 190 Milliarden Yuan (umgerechnet 24 Milliarden Euro) aus, ungefähr das Dreifache dessen, was zeitgleich die vier größten amerikanischen Institute verdient haben.
Die Profiteure räumen ein, dass es für sie schwieriger wird, wenn der 18. Parteikongress entsprechende Reformen beschließen sollte. Von „großen Herausforderungen für Geschäftsbanken und auch unsere Bank" sprach am Rande des Kongresses etwa Wang Hongzhang, der Chairman des zweitgrößten Kreditinstituts, China Construction Bank . Man werde sich deshalb auf etlichen neuen Geschäftsfeldern engagieren, etwa bei Kreditkarten, Versicherungen, im Rohstoffhandel und in anderen Bereichen, wo Gebühren fällig werden.
Experten sind sich aber nicht sicher, ob der politische Wille der neuen Parteikader an der Spitze des Landes ausreichen wird, rückläufige Gewinne bei den Banken in Kauf zu nehmen. Die größten Banken des Landes haben enge Verbindungen zur Politik. Sie werden in Anspruch genommen, wenn es darum geht, die politischen Entscheidungen Pekings zu finanzieren.
Externe Finanzierung geht zurück
„Eine Liberalisierung der Zinssätze ist ein Prozess, der Zeit in Anspruch nehmen wird", sagte jüngst Zhou Xiaochuan, der Gouverneur der People's Bank of China, Chinas Zentralbank. „Allerdings hat sich die Entwicklung vor kurzem beschleunigt."
Der Einsatz ist hoch. Vergleichbare Prozesse in anderen Ländern haben gezeigt, dass das Wirtschaftswachstum aus dem Tritt geraten kann, wenn es falsch gemacht wird. Volkswirte führen mehrere Finanzkrisen – etwa den Kollaps in den USA von 1980 – auf eine fehlgeleitete Liberalisierung der Zinssätze zurück.
Gibt man Banken die Möglichkeit, Sparzinsen nach eigenem Ermessen festzusetzen, so kann der Wettbewerb unter Umständen zu äußerst unvernünftigen Entwicklungen führen, die allein im Wettbewerb um die Sparer begründet sind. Um nämlich die steigenden Zinskosten in den Griff zu bekommen, müssen die Einlagen produktiv gemacht werden. Die Folge: sinkende Standards bei der Kreditvergabe.
In China gehen 56 Prozent der externen Finanzierung von Unternehmen auf Bankkredite zurück, in den USA liegt der Anteil bei 43 Prozent und in Brasilien bei 41 Prozent, wie eine Aufstellung des zu Moody's gehörenden Datensammlers ChinaScope Financial zeigt. Lediglich 4 Prozent des Kapitals, das sich chinesische Firmen beschaffen, kommt vom Aktienmarkt, weitere 13 Prozent über Anleihen.
Unerwartete Nebenwirkungen möglich
In Peking gibt es mittlerweile politische Ansätze, den Bankensektor aufzumischen. Die Zentralbank hat die maßgeblichen Zinssätze in diesem Jahr bereits zwei Mal - im Juni und im Juli - gesenkt und den Banken mehr Spielraum bei der Festlegung ihrer Zinssätze gegeben. Chinas Banken haben diese Schritte angestiftet, ihr Geschäft in Erwartung geringeren Gewinnwachstums und größeren Wettbewerbs umzukrempeln.
Chinas Aufstieg in Zahlen - Zehn Indikatoren
Der jüngste Zinsschritt im Juli brachte den maßgeblichen Zins für einjährige Kredite runter auf 6 Prozent, während der Zins für Einlagen mit gleicher Laufzeit bis auf 3 Prozent sank. Beim Einlagenzins haben die meisten Banken von der neuen Freiheit Gebrauch gemacht und ihn innerhalb des erlaubten Rahmens auf leicht über 3 Prozent erhöht. Bei den Kreditzinsen reizten sie den Spielraum dagegen nicht aus.
In dem Maße, in dem die Veränderungen die Zinsmargen belasten, „müssen die Banken darüber nachdenken, wie sie ihr Geschäftsmodell umbauen, um profitabel zu bleiben", sagte Ding Baohua, leitender Manager bei der China Bohai Bank, einem chinaweit tätigen großen Institut, das zu einem Fünftel der britischen Finanzgruppe Standard Chartered gehört.
Derartige Schritte könnten unerwartete Nebenwirkungen zeigen. Banken könnten sich auf ohnehin wuchernde Geschäftszweige konzentrieren, darunter Produkte der Vermögensverwaltung oder Kurzfristanlagen, die gerne als gefahrlose Alternative zum Sparbuch bei höheren Zinsen vermarktet werden. Derartige Produkte sind bereits ein wichtiges Lockmittel im Wettbewerb um neue Kunden und Konten. Sollte der Wettbewerb sich aber aufheizen, müssten sie auch die Renditeversprechen erhöhen, was nur möglich ist, indem sie Immobiliengeschäfte oder Unternehmenskredite und damit höhere Risiken in die Produkte einbauen.
Große Schocks für kleine Banken
Für die großen vier der chinesischen Bankenszene - China Construction Bank, Bank of China, Agricultural Bank of China und Industrial & Commercial Bank of China, die nach Bilanzsumme größte Bank von allen, wäre eine wirtschaftliche Umorientierung hin zu mehr Inlandsnachfrage ein auf Jahre angelegter Test ihrer Widerstandsfähigkeit in Kapital- und Kreditfragen. „Es wird für sie schwieriger sein, adäquate Gewinne abzuliefern, wenn die Wirtschaft erst einmal lahmt und die Kreditausfälle zunehmen", sagt Liao Qiang, Analyst bei Standard & Poor's.
Schon jetzt sind die Banken Kreditrisiken ausgesetzt, weil die Konjunktur nach dem überhitzten Wachstum der vergangenen Jahre wieder auf ein normales Maß zurückkommt. Das Volumen der Problemkredite steigt und erreichte Ende Juni nach Zahlen von S&P einen Anteil von 3 Prozent am gesamten ausgereichten Kreditvolumen. Im dritten Quartal mussten alle vier Banken ihre Risikorückstellungen für Not leidende Kredite aufstocken.
Den größten Schock, so glaubt Analyst Liao, werden kleinere Bankhäuser erleiden, die sich vermehrt auf risikoreichere Darlehen spezialisiert haben, etwa für Immobilienentwickler. Hier könnte es zu einer Konsolidierungswelle kommen, wenn die Kreditqualität sich insgesamt weiter verschlechtert, schätzt Liao.
Einige der kleineren Institute haben bereits versucht, sich mit einer verstärkte Orientierung auf den Privatsektor von den größeren Brüdern abzuheben. „Wir konzentrieren uns nicht darauf, groß zu werden", sagte kürzlich Liang Yutang, Vizechef bei China Minsheng Banking, auf einem Bankenforum in Peking. „Wir wollen Nischenmärkte bei kleinen und mittleren Unternehmen, privaten Geschäftsleuten und Privatkunden mit hohen Nettoeinkommen erschließen."
—Mitarbeit: Dinny McMahonKontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de







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