• The Wall Street Journal

Keine Obama-Rally in Sicht

Seit der Wiederwahl des US-Präsidenten kennen die Börsen nur eine Richtung - nämlich nach unten. Das ist eher ungewöhnlich. Normalerweise geht es mit den Aktienmärkten nach US-Wahlen in die andere Richtung. Diese Mal macht die drohende Fiskalklippe in den USA den Anlegern einen Strich durch die Rechnung. Gibt es kein Gegensteuern, droht die US-Wirtschaft im kommenden Jahr in die Rezession abzurutschen. Und in Europa geht es bei Griechenland einmal mehr ums Ganze.

Besonders kritisch sieht die Lage an den US-Börsen aus. Dort ist der S&P-500 unter die vielbeachtete 200-Tage-Linie bei 1.380 Punkten gefallen. Zwar muss der Bruch im S&P-500 noch bestätigt werden, fast alle anderen wichtigen US-Indizes sind allerdings bereits unter den Trendfolgeindikator gefallen. Die 200-Tage-Linie ist deshalb so wichtig, weil gerade viele langfristig orientierte Anleger die Gewichtung in ihren Portfolios daran orientieren.

[image] dapd

Die Wiederwahl von US-Präsident Barack Obama ist noch keine Woche her, da lässt sich an den Aktienmärkten bereits eine eindeutige Tendenz feststellen: Es geht abwärts.

Noch sieht es im Dax besser aus. Mit aktuell 7.175 Punkte ist der deutsche Leitindex von der 200-Tage-Linie bei 6.817 Punkten noch weit entfernt. Es stellt sich aber die Frage, wie lange sich der deutsche Aktienmarkt negativen US-Vorgaben wird entziehen können. Die Warnsignale sind unübersehbar. HSBC Trinkaus weist auf den Bruch des Aufwärtstrends seit Juni bei 7.251 Punkten genauso wie auf das Unterschreiten des markanten Märzhochs bei 7.194 hin.

Noch ist aber nicht alles verloren. "Eine Rückeroberung der horizontalen Marken bei 7.200 Punkten würde den größten Druck von den deutschen Standardwerten nehmen", heißt es bei HSBC Trinkaus. Dann würde der Dax in die alte Handelsspanne zwischen rund 7.200 und 7.400 Punkten zurückkehren. Dazu muss aber vor allem der politische Rückenwind stimmen.

Unmittelbar droht ein erneuter Zahlungsausfall Griechenlands. Die meisten Beobachter gehen davon aus, dass die EU - wenn auch unter großen Bauchschmerzen - die nächste Hilfstranche über 31,5 Milliarden Euro rechtzeitig freigeben wird. Damit erkauft man sich wieder einige Monate Ruhe in der Eurozone. Die Alternative, eine Pleite und die Gefahr von Ansteckungen in die Peripherie, werden die Politiker kaum wagen. Selbst wenn die Folge langfristige Milliardenverluste für die europäischen Steuerzahler sind.

US-Fiskalklippe wichtiges Thema

Das für die Märkte wichtigere Thema ist aber die US-Fiskalklippe. Ohne Einigung zwischen Demokraten und Republikanern im Kongress kommen auf die USA zum Jahreswechsel Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen im Volumen von rund 600 Milliarden Dollar zu. Die Summe ist groß genug, um das Land in die Rezession zu führen. Die Märkte fürchten das politische Spiel mit dem Feuer.

Dass die Politik nur unter größtem Druck ausreichend Kraft zum Handeln findet, hat sie in dieser Finanzkrise bereits mehrfach bewiesen. So wurde das Bankenrettungsprogramm TARP vom US-Kongress erst im zweiten Anlauf bewilligt und auch nur nach einem Crash an den Aktienmärkten. Gut in Erinnerung ist den Anlegern auch noch das Drama um die Anhebung der Schuldenobergrenze im August vergangenen Jahres. Erst in letzter Minute kam es zu einer Einigung.

Auch damals reagierten die Finanzmärkte wenig erfreut. Die Ratingagentur S&P war über die Unfähigkeit der Politik, die langfristigen Fiskalprobleme in den USA anzugehen, derart erbost, dass sie dem Land kurzerhand die Topbonität "AAA" entzog. Ähnliches droht auch dieses Mal.

Kontakt zum Autor: manuel.priego-thimmel@dowjones.com

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