• The Wall Street Journal

Alterndes Deutschland verliert an Bedeutung

Europas größte Volkswirtschaft verliert in den kommenden 50 Jahren so stark an Bedeutung wie kein anderer Industriestaat. Laut einer Studie der OECD dürfte die deutsche Wirtschaft bis 2060 im Schnitt jährlich nur noch um 1,1 Prozent wachsen. Sie rutscht damit vom fünften auf den zehnten Rang der weltweit größten Volkswirtschaften. Gewinner im globalen Wettstreit sind dagegen Indien, China, Brasilien und Mexiko - die Schwellenländer dürften Deutschland ökonomisch überholen oder ihre derzeitigen Spitzenpositionen weiter ausbauen.

Grund für den wirtschaftlichen Abstieg Deutschlands ist vor allem die rasche Bevölkerungsalterung, die nach Ansicht der OECD nicht durch Zuwanderung ausgeglichen werden kann. In Europas größter Volkswirtschaft verdoppelt sich der Anteil der über 65-jährigen an der Gesamtbevölkerung bis 2060 auf rund 60 Prozent. Damit ist der ehemalige Exportweltmeister aber in guter Gesellschaft. Auch Japan, Italien und Spanien kämpfen mit einer rapiden Alterung der Bevölkerung.

dapd

Keine guten Aussichten für Deutschland: Europas größte Volkswirtschaft wird in den kommenden 50 Jahren so stark an Bedeutung verlieren wie kein anderer Industriestaat.

Diese Entwicklung führt der OECD zufolge dazu, dass die ehemaligen wirtschaftlichen Schwergewichte immer stärker von aufstrebenden Ländern verdrängt werden. Während sich der deutsche Anteil am weltweiten Bruttoinlandsprodukt (BIP) bis 2060 mehr halbieren werde, dürften China und Indien ihren Anteil in den kommenden 50 Jahren weiter kräftig ausbauen. Zusammen würden beide Länder dann 46 Prozent der gesamten weltweiten Wirtschaftsleistung verantworten und ihren Anteil damit fast verdoppeln.

Die OECD-Länder dürften demgegenüber an Bedeutung einbüßen. Ihr Anteil an der industriellen Produktion wird nach Erwartung der Studie von 65 auf 43 Prozent fallen. "Die Welt, in der unsere Kinder und Enkel leben werden, wird sich von unserer heutigen Welt fundamental unterscheiden", sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurria bei der Vorstellung des Berichts.

Eine Ausnahme unter den etablierten Industriestaaten sind die USA und Großbritannien. Anders als Japan, Deutschland und Italien verlieren sie in den kommenden Jahren weniger stark an Bedeutung. Zwar sinkt der Anteil der Amerikaner am weltweiten BIP bis 2060 den Prognosen zufolge um 6,4 Prozentpunkte auf 16,3 Prozent. Damit hält sich die amtierende Nummer 1 aber nach China und Indien immer noch unter den drei größten Wirtschaftsnationen der Welt.

Grund dafür ist laut OECD vor allem die im Vergleich zu anderen Industrienationen relativ junge US-Bevölkerung. Zwar steigt in den USA der Anteil der über 65-Jährigen bis 2060 vermutlich auf über 35 Prozent. Damit gehört die Wirtschaftsnation unter den etablierten Industriestaaten aber immer noch zu den jüngeren.

Ob sich die Prognose insgesamt bewahrheiten wird, hängt auch von den Reformbemühungen der Industriestaaten ab. "Der Schlüssel liegt in mehr Bildung und Produktivität", sagte Angel Gurria. Zudem müssten die Arbeits- und Produktmärkte stärker liberalisiert werden. Neben diesen nicht kalkulierbaren Veränderungen sei die Studie auch aufgrund des langen Prognosezeitraums mit großen Unsicherheiten behaftet.

Kontakt zum Autor: hans.bielefeld@dowjones.com

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