Von DREW HINSHAW
DAKAR, Senegal— Plastikflaschen und Sand. Auf den Straßen des Wüstenstaats Senegal gibt es davon reichlich. Doch nun kommt Stephan Senghor, Künstler und Ingenieur – wobei er letzteres im Selbststudium erlernt hat. Senghor sammelt die Flaschen auf und schmilzt daraus Pflastersteine. Es ist ein ritterlicher Versuch, Senegal zu pflastern.
Vor drei Jahren gab der heute 37-jährige Senghor seinen Job bei einer Bank in Montreal auf und gründete in seiner alten Heimat ein Unternehmen, das Straßengräben reinigen sollte. Senghors Großonkel war der erste Präsident Senegals. Männer, die seinen Familiennamen tragen, gehen häufig in die Politik – und waten nicht durch brusthohes Schmutzwasser. Doch seine Müllsuche hat bis heute 32 Tonnen an Tüten, Flaschen und Eimern zu Tage gefördert – und damit die Basis für ein ganz neues, ungewöhnliches Geschäft gelegt.
Werben bei der Regierung
Die großen Haufen mit Plastikmüll, die Senghor in seinem Hof sammelt und sortiert, werden zu achteckigen Klötzen verschmolzen. Hausbesitzer können diese für neun Dollar das Stück kaufen. In der schnell wachsenden Hauptstadt Dakar sind die Steine als moderner Baustoff für Auffahrten und Bürgersteige gefragt. Allerdings beschränkt sich der Markt auf die senegalesische High-Society, die Öko-Steine schätzen – und sich diese leisten können. Um weiter hinauf zu kommen, bewirbt Senghor seine Pflastersteine deshalb bei der Regierung.
"Montreal ist nett… Aber das Thema ist durch, die Stadt steht bereits", sagt Senghor. „Hier kann ich einen Mehrwert schaffen."
Der 37-Jährige ist ein Beispiel für den "Brain Gain", von dem Afrika profitiert. Weil Arbeitsplätze in Europa und den USA knapp sind, kehren Afrikas talentierteste Exporte – Fachleute, Studenten und versierte Geschäftsleute - in Metropolen wie Dakar zurück. Viele lockt die Aussicht, einen Kontinent mit aufzubauen, der so schnell wächst wie nie zuvor.
Senegal ist ein Beispiel für einen Staat, der den Mund mit politischen Versprechen lange Zeit zu voll genommen hatte. Die Anlagen sind ja auch viel versprechend: Senegalesische Bauern produzieren in manchen Jahren die Hälfte des weltweiten Erdnussöls, schätzt das US-Landwirtschaftsministerium. Und die Hauptstadt des pulsierenden Staates profitiert von einem gut ausgebildeten öffentlichen Dienst und einem boomenden Hafen.
Schlechter Zustand der Straßen
Die Straßen des Landes sind jedoch in einem entsetzlichen Zustand. Lastwagen, die von Dakar ins benachbarte Mali aufbrechen, schaffen nach Schätzungen der Weltbank lediglich sechs Kilometer in der Stunde. Dafür gibt es unterwegs mehr als genug Plastik zu begucken. Die gerade einmal 14 Millionen Einwohner Senegals kommen auf einen Jahresverbrauch von 730 Millionen Plastikflaschen, wie eine Studie der Regierung zeigt.
Dieses Problem ist in Afrika weit verbreitet. Plastiktüten verschmutzen die weißen Sandstrände Ghanas ebenso wie die Straßen in kenianischen Städten. Im ländlichen Burkina Faso gehen drei von zehn toten Tieren auf Müll-bedingte Magenverstimmungen zurück, hat das Statistikamt des Landes errechnet. Wie lange die Lebensdauer von Plastiktaschen ist, kann niemand sagen. Die Schätzungen reichen von 400 bis zu mehreren tausend Jahren. Ruanda hat versucht, die Tüten zu verbieten, Südafrika erhebt inzwischen eine Steuer darauf.
Plastik statt Jute
Die Plastiktüten-Welle schwappte Ende der 1990er Jahre über Afrika. Damals tauschten Kunden ihre Jutetaschen gegen dünnes Plastik, sagen Recycler. Der Franzose Gilles Doublier beobachtete, wie das Phänomen N'Djamena erfasste – die mit Plastik und Sand übersäte Hauptstadt des Tschads. Er war in dieser Zeit technischer Berater für den Bürgermeister der Stadt. Doublier erfand eine Rezeptur mit der aus einer Mixtur aus Plastik und Sand Steine gegossen werden konnten, die so billig wie Zement aber wasserresistent und haltbarer sind. „Die Methode ist ziemlich einfach", sagt Doublier. „Und weil sie so einfach ist, will sie jeder anwenden."
Das gilt auch für Künstler und Ingenieur Stephan Senghor, ein ruhe- und oft auch schlafloser Mann. Gelangweilt von seinem Job im Geschäftsentwicklungs-Bereich einer kanadischen Bank versucht er sich an abstrakten expressionistischen Landschaftsmalereien mittels Farbspritzern mit Namen wie „Groovin' in Blue". Er leitete einen Catering-Service für Ausländer in Callcentern. Doch als ein Monsun 2009 Dakar überflutete und tausende zur Flucht zwang, hatte er die Idee, nach Hause zu kommen, um Müll zu verspachteln.
Doublier und Senghor sprachen eine Stunde darüber, wie Müll zu Straßen verwandelt werden könnte. Dann ging der senegalische Künstler in die Küche seiner Mutter und versuchte etwas Plastik in Flaschen zu schmelzen. Er ruinierte den Spaghetti-Topf seiner Mutter, der erzeugte Pflasterstein erwies sich als brüchig.
Mit Knackfolie und Sand zum Erfolg
Eines Morgens füllte Senghor ein Metallfässchen über einem prasselnden Lagerfeuer mit Streifen von Knackfolie einer weggeworfenen TV-Verpackung. Während die Folie schmolz, gab er Sand hinzu, ließ die Mixtur andicken und schaufelte sie in eine Mulde, um sie eine halbe Stunde abkühlen zu lassen.
Senghor sagt, er plane eine Reihe von Öfen zu kaufen, um die Arbeit zu beschleunigen. Derzeit rühren etwa acht Mitarbeiter in Vollzeit für ihn Steine in einer 190-Liter-Tonne zusammen. Viele hören wieder auf. „Es ist ein heißes Land und es ist nichts sexy daran, auf der Straße Plastikmüll aufzusammeln", sagt er. Auch bei der Kundengewinnung hat Senghor noch Nachholbedarf.
Schuldirektor Nestor Diatta kaufte 300 Steine, um den Hof seiner privaten Grundschule in Dakar zu fliesen. Für die Schüler sei das eine Möglichkeit etwas zu lernen. „Wir können so vielen Kindern etwas über die Verwendung von Plastik beibringen", sagt er. Außerdem seien die Steine „sehr schön", fügt er hinzu.
Gute Beziehungen zur Politik
Als nächstes nimmt Senghor den Vorort von Dakar ins Visier, in dem er lebt: Mbao. Die meisten Anwohner sehen die Küstengegend als schmutziges Arbeiterviertel mit Lagerhallen. Senghor sieht es als potentielles gepflastertes Tor für Touristen. Der Bürgermeister ist fasziniert aber pleite. Senegals Schatzkammer ist nach einem teuren Wahljahr abgeschöpft und mit einer Verschuldung von 44 Prozent des Bruttoinlandprodukts hat die Regierung die Ausgaben für die nächsten vier Jahre begrenzt.
Senghor verbringt seine Morgen im Hinterhof des Bürgermeisters, der an einem Strand gelegen ist. Dort baut er einen Damm aus nicht mehr genutzten Straßenbarrieren, um die Wellen daran zu hindern den Whirlpool des Bürgermeisters zu zerstören. Das ist sein Weg, sich einzuschmeicheln, sagt er.
„Heute zahlt sich das nicht aus", sagt er. „Aber in fünf Jahren wird dafür bestimmt irgendjemand zahlen."
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de






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