Von FLORIAN FAUST
China steht vor einer neuen Revolution. Mal wieder. In fünf Jahren wird das chinesische Finanzsystem nicht mehr wiederzuerkennen sein. Das zumindest glauben die Analysten der HSBC . Dramatische Veränderungen haben in den vergangenen 100 Jahren die Geschichte des Landes geprägt. Nach dem Sieg der chinesischen Kommunisten im Bürgerkrieg gegen die nationalistische Kuomintang unter Führung von Chiang Kai-shek 1949 wälzten die linken Revolutionäre das Land nach ihren Vorstellungen um.
Spätestens mit der sogenannten Kulturrevolution unter der Ägide von Mao Zedong erfolgte zwischen 1966 und 1976 die nächste umfassende Umwälzung der chinesischen Gesellschaft. Unter dem Stichwort Sonderwirtschaftszone hielt dann der Kapitalismus in ausgewählten Bezirken Chinas Einzug. Doch nun könnte dem Land eine weitere Revolution ins Haus stehen. Denn die Verjüngung der Partei- und Staatsspitze geht einher mit Plänen zum radikalen Umbau des Finanzsystems. Ein Aspekt, der nach Auffassung der HSBC-Analysten in der Wahrnehmung des Westens viel zu kurz kommt.
Mit dem Abgang von Staatspräsident und Parteiführer Hu Jintao von der großen politischen Bühne in Peking dürfte ein Paradigmenwechsel bei der Organisation des Finanzmarktes verbunden sein. Denn sein wahrscheinlicher Nachfolger Xi Jinping hat ehrgeizige Pläne. Vieles spricht laut HSBC dafür, dass Xi Jinping das Reformtempo deutlich erhöhen wird. Dies werde Auswirkungen auf Bankensektor, Anleihen, Zinsen, Zugang zum Kapitalmarkt und die Konvertierbarkeit der Landeswährung haben. Eine Welle der Deregulierung werde Land und Märkte erfassen. So dürfte der Rentenmarkt sein Volumen verdoppeln, bei Zinsen dürfte es zu einer marktwirtschaftlichen Öffnung kommen, und der Renminbi werde innerhalb der kommenden fünf Jahre voll konvertierbar sein, sind sich die Experten sicher.
Die HSBC sieht einen eklatanten Mangel an langfristigen Finanzierungsmöglichkeiten. Festgemacht wird dies an den Problemen lokaler Finanzierungsvehikel. Die Urbanisierung des Landes - hervorgerufen durch die massive Landflucht - erfordere enorme Investitionen in die Infrastruktur. Geld sei angesichts der höchsten Sparquote der Welt ausreichend vorhanden. Aber es mangele an langfristigen Finanzierungsinstrumenten. Großprojekte seien in erheblichem Maße von Bankkrediten abhängig. Fälligkeit der Kredite und Erträge aus den Projekten liefen nicht synchron, was ein großes Problem für die Realisierung von Großprojekten darstelle. Peking müsse daher bei der Entwicklung der Anleihemärkte, aber auch bei der Schaffung anderer Langfristfinanzierungen die Schlagzahl deutlich erhöhen.
Erste Pilotprogramme für Kommunalanleihen und Schuldtitel aus dem Hochrisikosegment seien bereits angelaufen. Auch der Markt für Unternehmensanleihen gewinne an Fahrt. Allein die Investitionen in Infrastrukturprogramme im Zuge der Verstädterung des Landes erfordere die Summe von 20 bis 30 Billionen Renminbi in den kommenden zehn Jahren. Der zwölfte Fünfjahresplan soll daher die Direktfinanzierung von Großprojekten auf 15 Prozent hieven. In fünf Jahren werde sich der Umfang der Anleihemärkte verdoppeln, sind sich die Analysten der britischen Bank sicher. Für den Bankensektor bedeutet dies, dass sich die Kreditinstitute stärker auf die Finanzierung von Konsum und Mittelstand konzentrieren können. Dieser Umstand dürfte der chinesischen Volkswirtschaft einen zusätzlichen Schub verpassen. Denn mittelständische Unternehmen stellen das Herzstück der chinesischen Volkswirtschaft dar: Sie erwirtschaften 65 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, zahlen 50 Prozent der Steuern und stehen für 80 Prozent der nationalen Beschäftigung.
Chinas Aufstieg in Zahlen - Zehn Indikatoren
Revolutionäres deutet sich auch am Kreditmarkt an. Die People's Bank of China werde langsam dazu übergehen, einen echten Leitzins zu etablieren. Künftig werde der Markt das Zinsniveau unterhalb der Leitzinsen bestimmen. Die Experten der HSBC rechnen mit einer Freigabe der Zinsen innerhalb der kommenden drei Jahre. Die jüngsten Schritte der chinesischen Zentralbank zur Veränderung der Höhe von Bankeinlagen und Umfang der Kreditvergabe wiesen bereits den Weg hin zu einer Deregulierung des Kreditmarktes. Die Experten sprechen von "einer positiven Überraschung". Eigentlich sind die entsprechenden Reformen seit Langem geplant, nur an der Umsetzung haperte es. Doch mit dem anstehenden Wechsel an der politischen Spitze des Staates scheint die Umsetzung neuen Schwung erhalten zu haben. Die staatlichen Banken wurden marktwirtschaftlicher ausgerichtet und der private Sektor steht aktuell für 60 Prozent aller Investitionen.
Viele Regierungen in aller Welt dürften aufatmen: Denn laut HSBC wird eine zentrale Forderung aus dem Westen - und hier vor allem aus den USA - in Erfüllung gehen: Die freie Konvertierbarkeit der Landeswährung. Seit die chinesische Führung 2009 die ersten Lockerungen bei der Bestimmung des Renminbi-Kurses auf den Weg gebracht hat, habe sich hier mehr bewegt als vielfach erwartet. Das in Renminbi abgewickelte Handelsvolumen vervierfachte sich und rangierte in den ersten neun Monaten 2012 stets über der Marke von 11 Prozent. Die HSBC erwartet, dass dieser Wert in den kommenden drei Jahren die Marke von 30 Prozent erreichen wird. Damit steigt auch die Notwendigkeit unter den Handelspartnern Chinas, US-Dollar in Renminbi zu tauschen. Die chinesische Landeswährung stiege damit in den Kreis der drei am meisten gehandelten Währungen auf.
Dieser Umstand allein mache den Renminbi noch nicht zu einer frei konvertierbaren Währung, merken die Experten der HSBC an. Aber in fünf Jahren dürfte es dann soweit sein. Der Schlüssel dafür liege in der Liberalisierung des Kapitalmarktes. Eine allmähliche Aufhebung der Beschränkungen für den Kauf ausländischer Währungen und ein verbesserter Zugang zum chinesischen Kapitalmarkt für ausländische Marktteilnehmer dürften den Weg ebnen. Dazu komme die Öffnung Chinas für Direktinvestitionen aus dem Ausland. Am Ende dieser Reformen wird die vollständige Konvertierbarkeit des Renminbi stehen.
Kontakt zum Autor: florian.faust@dowjones.com

dapd
![[SB10001424127887323894704578106433499009110]](http://s.wsj.net/public/resources/images/OB-VG900_1107ch_D_20121107140254.jpg)




![[image]](http://si.wsj.net/public/resources/images/OB-XW766_0618st_E_20130618121342.jpg)
![[image]](http://si.wsj.net/public/resources/images/OB-XW837_061813_E_20130618150706.jpg)
![[image]](http://si.wsj.net/public/resources/images/DE-AS541_obama__E_20130617112101.jpg)
![[image]](http://si.wsj.net/public/resources/images/OB-XR246_decoca_E_20130531114835.jpg)
![[image]](http://si.wsj.net/public/resources/images/OB-XR411_0531ca_E_20130531175911.jpg)
![[image]](http://si.wsj.net/public/resources/images/OB-XU237_0610of_E_20130610155529.jpg)
![[image]](http://si.wsj.net/public/resources/images/OB-XP995_0528B3_E_20130528102520.jpg)
![[image]](http://si.wsj.net/public/resources/images/DE-AS356_hdw_pr_E_20130612120228.jpg)
![[image]](http://si.wsj.net/public/resources/images/DE-AS357_kabeld_C_20130612131656.jpg)
![[image]](http://si.wsj.net/public/resources/images/DE-AS602_clear_C_20130618093100.jpg)
![[image]](http://si.wsj.net/public/resources/images/DE-AS604_adidas_C_20130618095221.jpg)
Hello
Your question to the Journal Community Your comments on articles will show your real name and not a username.Why?
Create a Journal Community profile to avoid this message in the future. (As a member you agree to use your real name when participating in the Journal Community)