Von URSULA QUASS
Mit seinem Einsparziel von 6 Milliarden Euro hat Siemens den Markt positiv überrascht. Doch mit Ankündigungen allein ist es nicht getan. Um zu überzeugen, muss der Dax-Riese beweisen, dass er tatsächlich sparsamer und effizienter agieren kann. Dabei muss der Konzern ein Dauerproblem lösen.
Natürlich klingt die Ankündigung auf den ersten Blick gut: Sechs Milliarden Euro Ersparnis in zwei Jahren sind auch für ein Dickschiff wie Siemens eine Hausnummer. Von der reinen Zahl sollte sich allerdings niemand blenden lassen. Schließlich kostet allein die Umsetzung des Programms Siemens 1,5 Milliarden Euro. Und der von Finanzvorstand Joe Kaeser prognostizierte Preisverfall von 2,5 bis 3 Prozent belastet mit weiteren rund zwei Milliarden Euro. Der tatsächliche Effekt der Einsparungen reduziert sich damit auf 2,5 Milliarden Euro.
Die andere Frage ist die, ob der Konzern die Ziele seines Unternehmensprogramms mit dem Namen „Siemens 2014" schafft. Mehrere „Hebel" sieht der Vorstand, um die Gewinnmarge in den Sektoren von derzeit mageren 9,5 auf mindestens 12 Prozent zu steigern. Die Hälfte der Einsparungen soll der Einkauf beitragen. Siemens will die Beschaffung enger mit der Entwicklung und Fertigung verzahnen und so zum Beispiel den Ausschuss verringern.
Vorbild für die Münchener ist der Rivale ABB, der bereits 2009 den Einkauf umgebaut und damit in zwei Jahren satte 4,1 Milliarden Euro gespart hat. Kernstück des Programms der Schweizer war die globale Ausrichtung der Beschaffung. Auch andere Wettbewerber haben die Kostenvorteile erkannt, die Zulieferer aus den billigeren Schwellenländern bieten, und nutzen sie heute deutlich stärker als Siemens, wie Simon Toennessen, Analyst bei Credit Suisse betont.
Spart Siemens diesmal nachhaltig?
Dass auch Siemens in der Lage ist, beim Einkauf zu sparen, hob Finanzvorstand Joe Kaeser bei der Jahrespressekonferenz in Berlin hervor. Er erinnerte daran, dass der Konzern bereits im Geschäftsjahr 2010/11 (30. September) 1,3 Milliarden Euro eingespart habe. Statt wie vorher einzeln aus den Sektoren heraus, wird jetzt stärker zentral bestellt. Zudem wurde die Anzahl der Lieferanten reduziert, heute wird verstärkt auf Zulieferer aus kostengünstigeren Schwellenländern zurückgegriffen. Und Lieferanten können sich neuerdings über das Internet an Bieterverfahren für Siemens-Aufträge beteiligen, auch das spart Zeit und Geld.
Hauptansatzpunkt der erneuten Umstrukturierung ist, dass sich Entwickler und Einkäufer früher und besser absprechen und schon bei der Konstruktion überlegen, ob man zum Beispiel mit einem anderen Material oder einer anderen Bauweise nicht vielleicht billiger wegkommt.
Die drei Milliarden, die Kaeser so in den nächsten zwei Jahren sparen will, sind ungefähr das, was er im Einkauf schon einmal eingespart hat. Das ruft Kritiker auf den Plan: „Die Maßnahmen der letzten Straffung des Einkaufsprozesses waren anscheinend nicht nachhaltig", findet Pascal Göttmann, Analyst bei der Privatbank Merck Finck. Diesmal muss der Eingriff wirken, sonst könnte es für Kaeser und seinen Vorstandschef Löscher ungemütlich werden.
Landesgesellschaften auf dem Prüfstand
Als zweite Baustelle nimmt sich Siemens seine weltweite Präsenz und die Auslastung seiner Produktion vor. Durch eine „Optimierung der Forschungs- und Fertigungsstruktur" soll eine weitere Milliarde eingespart werden. Beispielhaft verweist Siemens hier auf die Schweiz: Dort werden zwei Fertigungsstandorte für Gebäudetechnik zusammengelegt und Teile der Produktion in die billigeren Länder China und Rumänien verlagert. 220 Jobs sollen wegfallen. Ein anderes Beispiel sind Standardisierungen. Allein im Gasturbinen-Bereich soll das 250 Millionen Euro bringen.
Auch die interne Infrastruktur und Bürokratie will Siemens unter die Lupe nehmen und auf Doppelfunktionen und Parallelprozesse untersuchen. Kritiker bemängeln, dass Siemens 190 Landesgesellschaften hat, von denen einige wenige den Löwenanteil der Gewinne erwirtschaften. Packt der Konzern dieses Defizit entschlossen an, könnten die Auswirkungen enorm sein.
Zudem will Siemens seine Prozesse und das Projektmanagement effizienter gestalten. Das Ziel dahinter fasste Kaeser in einem Satz zusammen: Es gehe darum zu verhindern, dass wieder Belastungen auflaufen.
Auf 1,2 Milliarden summierten sich diese im abgelaufenen Geschäftsjahr. Allein eine halbe Milliarde entfiel auf Probleme mit der Anbindung von Offshore-Windparks in der Nordsee. Ein großer Brocken, aus dem Siemens auch für andere Projekte seine Lehren ziehen will. Anstatt wie beim Wind vier Pionierprojekte auf einmal anzunehmen, will Siemens künftig vorsichtiger agieren und lieber eines nach dem anderen abarbeiten. Zudem will der Konzern genauer überlegen, ob er für den Vorstoß in neue Bereiche genug Expertise im Haus hat. Nachdem sich die Probleme im Offshore-Geschäft gehäuft hatten, musste Siemens sein Fachpersonal aufstocken.
Die Lösung dieses Problems ist aber alles andere als trivial. Denn außerordentliche Belastungen sind im Riesenapparat Siemens ein Dauerproblem. Das abgelaufene Geschäftsjahr ist bei Weitem nicht das erste, in dem Einmaleffekte das Ergebnis verdarben. Siemens habe bei seinen Projekten in den vergangenen Jahren immer wieder Kostenüberschreitungen gehabt, erinnert Michael Hagmann, Analyst bei HSBC Global Research. Bislang sei es nicht gelungen, dies zu stoppen. „Sie haben unzählige Prozesse eingeführt, um das zu verhindern."
Ob jetzt die Trendwende gelingt? Hagmann bleibt skeptisch: „Vielleicht wird es 2014 nicht wieder passieren, aber ob das nachhaltig ist, ist eine andere Frage."
Ohne nennenswerten Jobabbau geht es nicht
Klar ist, dass der Konzern seine Ziele ohne einen nennenswerten Abbau von Stellen nicht erreichen wird. Wie viele Jobs im Zuge dessen wegfallen könnten, sagt Siemens nicht und betont stattdessen, dass Stellenstreichungen nicht das primäre Ziel des Programms seien. In der Presse wird aber über den Abbau Tausender Stellen spekuliert.
Und auch ein anderes Thema, das Siemens bisher weitgehend ausklammert hat, könnte bald auf die Tagesordnung kommen. Siemens hat angekündigt, das Kerngeschäft zu stärken. Um diesen Anspruch zu untermauern, wurde pünktlich zur Jahrespressekonferenz der Kauf des belgischen Industriesoftwareanbieters LMS für rund 680 Millionen Euro verkündet.
Im Gegenzug hat der Konzern aber einige Bereiche genannt, die der neuen Ausrichtung zum Opfer fallen könnten. Das Solargeschäft soll aufgegeben werden, ebenso Teile des Wassergeschäfts. Doch Experten sehen hier noch deutlich mehr Ansatzpunkte: "Man würde sich wünschen, dass Siemens bei den Portfolioveränderungen mehr macht und Bereiche mit niedrigerer Profitabilität abstößt", sagt HSBC-Analyst Hagmann.
Das Segment Low Voltage, wo Siemens Schutz- oder Schaltgeräte wie Steckdosen oder Sicherungen herstellt, zählt er ebenso dazu wie die Building Technologies, wo unter anderem Systeme zur IT-gesteuerten Regelung von Heizungen hergestellt werden. Und auch der Bereich Transportation und Logistics, der neben Zügen, Straßen- und U-Bahnen auch Verkehrsleit- und Signaltechnik produziert, gehört für Hagmann auf den Prüfstand.
Siemens-Chef Löscher und seine Mitarbeiter haben mit ihrer Ankündigung Zeit gewonnen und ein wenig Vertrauen am Markt. Doch der wird sich nicht lange mit Worten zufrieden geben. Seit Ende Juni ist die Siemens-Aktie um ein Viertel im Wert gestiegen. Aber auch das ist eine Zahl, von der sich niemand blenden lassen sollte.
Kontakt zum Autor: ursula.quass@dowjones.com







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