• The Wall Street Journal

Belgischen Aktienurkunden droht der Schredder

Euroclear NV/SA

Aktienurkunden finden im Schredder ihr Ende. In Belgien sind bereits Papiere im Wert von 150 Milliarden Euro zerhäckselt worden. Alle Zertifikate sollen in elektronische Dokumente verwandelt werden.

Rudi de Pauw hat eine Mission. Der Mann mit dem kahl rasierten Kopf und dem gepflegten Bart hat sich zum Ziel gesetzt, die Aktienbestände der Belgier dem Schredder zu überantworten. Sein gigantisches Papiermahlwerk steht in einem Gebäude am Stadtrand von Brüssel. Dort hat de Pauw bereits Aktien im Wert von 150 Milliarden Euro zerhäckselt. Und er wird nicht eher ruhen, bis er jede einzelne Aktienurkunde in Belgien ausgelöscht hat.

De Pauw ist weder aus dem seelischen Gleichgewicht geraten noch wird er wegen seines Zerstörungsfeldzugs polizeilich gesucht. Im Gegenteil. Er ist in staatlichem Auftrag unterwegs. Seine Aufgabe lautet, die elf Millionen Einwohner Belgiens ins digitale Zeitalter zu befördern.

Dazu fordert er im Namen seines Arbeitgebers Euroclear von den belgischen Anlegern deren Aktienurkunden ein. Denn per Gesetz sollen die Papierzertifikate in elektronische Dokumente verwandelt werden. Für die Lagerung, Registrierung und die Vernichtung der Urkunden ist Euroclear als zentrale Wertpapierverwahrstelle Belgiens zuständig. „Entmaterialisierung" nennt sich der Häckselprozess offiziell - und nicht alle Belgier finden Gefallen daran.

Bisher hat der Schredder zwar bereits 95 Prozent aller belgischen Aktienurkunden zermalmt. Aber mehr als acht Millionen Zertifikate über zusammen rund 13 Milliarden Euro entziehen sich bis jetzt ihrer Vernichtung – und verlieren dadurch jedes Jahr an Wert.

„Vielleicht liegen sie in einem Bankschließfach in Luxemburg oder unter einer Matratze und sind schlicht vergessen worden", mutmaßt De Pauw. Er hält aber auch eine andere Erklärung für die Zurückhaltung der Aktienbesitzer für plausibel, ihre Urkunden herauszurücken. In einem Land, das mit die höchsten Steuersätze in ganz Europa aufweist, hat die papierne Erscheinungsform der Wertpapiere nämlich durchaus ihre Vorzüge. „Du könntest möglicherweise die Erbschaftssteuer umgehen, wenn du sie einfach weiterreichst", sagt de Pauw.

Doch das ist nicht der einzige Grund, warum die Belgier den Schredder meiden. Es gibt da auch noch eine Gruppe von Enthusiasten, die die Papiere um ihrer selbst willen wertschätzen. Jean-Luc De Beir vom belgischen Verband für Scripophilie, der sich ganz und gar alten Finanzdokumenten widmet, ist einer dieser Papierliebhaber. Seine Mutter hatte ihm einst seine ersten historischen Wertpapierzertifikate zum Geschenk gemacht und damit seine Sammelleidenschaft geweckt. Kommunalobligationen der Stadt Antwerpen seien es gewesen, erinnert er sich mit einem liebevollen Lächeln.

„In Belgien haben wir Dinge vernichtet und erst hinterher den Wert erkannt, den sie hatten - wie zum Beispiel die Architektur des Jugendstils", sagt De Beir, der als Pilot beim Militär arbeitet. „Und jetzt verlieren wir gerade die Geschichte einiger großartiger Unternehmen und werfen unser Erbe weg."

Im Moment seien die Sammler auf der Suche nach Druckplatten - Metallbögen, die für die Produktion der Zertifikate verwendet wurden – und anderen Artikeln, die in Verbindung zu Wertpapieren stehen, erzählt de Beir.

Papiere, die nicht zerstört werden, verlieren an Wert

„Einige davon sind sehr schön. Auch ästhetisch ist es jammerschade, sie zu zerstören", sagt er und verweist auf Urkunden, die etwa der tschechische Jugendstilkünstler Alfons Mucha entworfen hat. Zertifikate, die für den Bau von Straßenbahnen, Straßen und für die elektrische Beleuchtung begeben wurden, legten Zeugnis davon ab, wie sich Belgien entwickelt habe. „Andere wiederum tragen die Unterschriften bedeutender Menschen. Und sie sind ein Teil der Geschichte der Unternehmen und zeigen, wie mit ihrem Wachstum das Kapital gesteigert wurde", sagt der Sammler.

Diese Aktien-Prachtexemplare werden in Belgien zerschreddert

Euroclear NV/SA

Share certificates await shredding at Euroclear's high-security facility in Evere, Belgium CREDIT: Euroclear NV/SA

Dabei steht es den Belgiern frei, Wertpapierurkunden in Papierform zu halten. Sie verlieren nur letztendlich ihren Wert, wenn sie nicht digitalisiert werden.

Die Scripophilie ist kein belgisches Phänomen. Auch andernorts werden mit Hingabe alte Wertpapierurkunden gesammelt. Im schweizerischen Museum "Wertpapierwelt" werden seit 2003 mehr als 10.000 Ausstellungsstücke aus mehr als 130 Ländern gezeigt.

Andere Länder wie Frankreich, Österreich und Japan haben ihre „Entmaterialisierung" bereits hinter sich gebracht und sämtliche Aktien elektronisch erfasst. Dänemark hatte mit den Papierurkunden bereits 1981 kurzen Prozess gemacht.

Auch jenseits des Atlantiks rückt man den physischen Dokumenten zu Leibe. In Amerika fungiert die Depository Trust & Clearing Corp als Verwahrstelle für Wertpapiere in einem Gesamtwert von 39,5 Billionen Dollar. Fast alle Papiere seien mittlerweile digitalisiert, sagt eine Unternehmenssprecherin. Im Unterschied zu Belgien behielten aber auch papierne Aktien hundertprozentig ihre Gültigkeit.

In den Tresoren stapeln sich die Zertifikate

Doch wie stöbert man die restlichen Urkunden aus Papier auf, an denen einige Belgier auch wegen ihrer Erfahrungen in der Vergangenheit nur zu gern festhalten würden? „Leider ist Belgien in Kriegszeiten des Öfteren besetzt worden", sagt Valerie Urbain, die Chefin von Euroclear für Frankreich, Belgien und die Niederlande. „Vielleicht klammern sich die Menschen deswegen so ans Papier. Papier ist sehr beweglich."

Innerhalb der meterdicken Mauern in dem Gebäude in Evere sind die Mitarbeiter von Euroclear konzentriert bei der Arbeit. Jede Aktie wird en détail geprüft, der Besitzer festgestellt, und die Daten dann in ein Computersystem eingegeben. Dann werden die Urkunden in Tresore verfrachtet und zwischengelagert. Bis sie ihren letzten Gang zum Schredder antreten, behalten sie ihren Marktwert.

Für den Vorgang gilt die höchste Sicherheitsstufe. Besucher müssen Kameras, Computer und Schreibgeräte abgeben. Beim Betreten und Verlassen jedes einzelnen Raums muss man sich an- und abmelden. Die Abfalleimer sind so groß, dass sie die Schreibtische überragen, so dass keine Aktie aus Versehen in den Papierkorb gewischt werden kann.

In den Tresoren stapeln sich die papiernen Schätze. Aktien aus der belgischen Kolonialzeit für den Bau von Eisenbahnen im Kongo finden sich, eine Dampflokomotive saust darauf über die leeren zentralafrikanischen Ebenen. Die Neuzeit ist mit Wertpapieren von Euro Disney aus dem Jahr 1992 vertreten, als der Themenpark außerhalb von Paris eröffnet wurde. Ein Regal ist für eine einzige Anleihe reserviert. Ausgegeben wurde sie zur Finanzierung von Arbeiten in der Innenstadt von Brüssel.

All die schönen Zertifikate werden bald zu Konfetti zerhackt, abtransportiert und verbrannt. Doch nicht alle Titel lassen sich gleich schnell einstampfen, manche wiedersetzen sich hartnäckig ihrem Untergang. „Ich schwör es Ihnen, diese ING-Papiere! Einen ganzen Tag haben wir gebraucht, um sie zu schreddern", macht sich Tresor-Verwalter Jean-Denis Le Pape Luft.

Der drei Meter hohe Papierterminator ist zwar mit gewaltigen Metallhauern ausgestattet, verletzt hat sich bisher jedoch noch niemand. Dass die Mitarbeiter an Langeweile sterben, schien die größere Gefahr zu ein, als Euroclear 2006 die Rolle des Wächters über die belgische Aktienverwahrung von einer anderen Firma übernahm.

44 Millionen Aktien wurden kontrolliert

Zunächst wurde Inventur gemacht. Und dazu musste die Belegschaft jedes einzelne der 44 Millionen Papierstücke, die dort gelagert sind, in die Hand nehmen und kontrollieren. Damit waren zwanzig Mitarbeiter neun Monate lang beschäftigt. Und am Schluss hatten sie eine Aktie zu viel – für die Eisenbahnlinie Katanga-Dilolo-Leopoldville. Der damalige Chef zückte seine Brieftasche und bezahlte 22 Euro für das Dokument, damit nicht alle Aktien noch einmal gezählt werden mussten.

Im Büro sind auch noch andere Zeitzeugen einer längst vergangenen Ära zu bestaunen. Minzgrüne Tombola-Maschinen, die an Bingo-Automaten erinnern, stehen in der Ecke. Mit ihrer Hilfe hatten die Unternehmensvorstände einst entschieden, welche Aktionäre eine Dividendenzahlung erhielten. An den grauen Wänden künden Poster von der großen Radfahrervergangenheit Belgiens.

Außerhalb der Festungsmauern von Euroclear tobte mittlerweile der politische Kampf in Belgien. Als nach achtzehn Monaten der Auseinandersetzungen unter den Parteien im Dezember schließlich doch noch eine Regierung gebildet wurde, entdeckten die Politiker, dass sie dringend Geld brauchten. Findige Geister verfielen auf die Idee, säumigen Belgiern, die ihre Aktienurkunden noch nicht eingereicht hatten, Beine zu machen. So wurde eine Steuer von einem Prozent auf Aktien verhängt, die noch in diesem Jahr entmaterialisiert werden sollen. Im kommenden Jahr soll der Satz auf zwei Prozent steigen.

Doch das ist nur der Anfang. Ab 2016 wird die papierne Aktie langsam aber sicher wertlos, mit jedem Jahr werden sich zehn Prozent des Nennwerts verflüchtigen. Wertpapierbesitzer, die den Wert ihrer Titel wieder hereinholen wollen, werden dazu immer noch in der Lage sein. Aber im Jahr 2017 werden sie nur noch 90 Prozent des eigentlichen Werts erzielen können, im Jahr 2018 nur noch 80 Prozent und so weiter. Und wenn sie bis 2026 ihre Aktien immer noch nicht ausgehändigt haben, fällt der gesamte Wert an den Staat.

„Das Gesetz ist eindeutig. Ab einem gewissen Moment werden die Aktien nichts mehr wert sein und daran führt kein Weg vorbei", sagt Andre Serebriakoff, Chefjustiziar der Privatbank KBL. „Das hat die Leute dazu gezwungen, ihre Aktien vorbeizubringen. Diejenigen, die das bis jetzt noch nicht getan haben, haben möglicherweise vergessen, dass es die Aktien überhaupt gibt."

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