• The Wall Street Journal

Microsoft kämpft um die Köpfe der Kleinsten

[image] dapd

Schon früh junge Zielgruppen sichern: In Berlin hat Microsoft-Chef Steve Ballmer am Donnerstag ein neues Lernprogramm namens Schlaumäuse vorgestellt.

BERLIN—Wenn Microsoft -Chef Steve Ballmer eine Bühne betritt, geht es normalerweise um neue Meilensteine des Konzerns: eine neue Version von Windows, Microsofts Vorzeige-Software Office oder ein eigenes Tablet. Diesmal aber geht es um die neue Version der Microsoft-Lernsoftware Schlaumäuse, die Ballmer in einem übervollen Saal der Humboldtbox in der Mitte Berlins präsentiert. Es ist ein Lernprogramm für Vorschulkinder, mit dem schon die Kleinsten von Microsoft überzeugt werden sollen. 2003 wurde die Sprachlernsoftware eingeführt – exklusiv für Deutschland, weil die Sprachförderung insbesondere von Migrantenkindern hierzulande ein großes Thema der Politik ist.

Zwei Schlaumäuse führen die Kindergartenkinder dabei durch das Programm. Ihre Aufgabe: Die Sprache retten durch zahlreiche kleine Mini-Spiele. Sie sollen den Wortschatz erweitern, Interesse an Schrift fördern und die Fähigkeit, einzelne Laute voneinander zu unterscheiden. Dazu müssen Kinder – immer angeleitet durch die beiden Schlaumäuse – beispielsweise gesprochene Begriffe entsprechenden Bildern zuordnen. „Entdeckendes Lernen" nennt Maria Böhmer (CDU) das, Staatsministerin und Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, die für die Präsentation in die Humboldt-Box gekommen ist.

Auch Apple engagiert sich in diesem Bereich

Damit ist Microsoft auf demselben Gebiet umtriebig, dem auch Apple zuletzt viel Aufmerksamkeit widmet: Der Kampf darum, schon bei den Kleinsten präsent zu sein. Bei Apple sind es interaktive Schul- und Kinderbücher, die bereits die Kindergarten- und Grundschulkinder an die Produkte des Konzerns heranführen sollen – bei Microsoft Lernsoftware wie Schlaumäuse und andere Bildungsangebote im eigenen App-Store, der mit Microsofts neuem Windows 8 eingeführt wurde. Apple hatte Anfang des Jahres der Vorstellung von iBooks eine eigene „Bildungs-Präsentation" gewidmet.

Microsofts neue Schlaumäuse-Software zielt sogar auf die Vorschule. Kindertageseinrichtungen wie Kindergärten soll sie bei der Sprachförderung von Vorschulkindern unterstützen. Nach den Worten von Ballmer ebnet die Software den Weg dahin, was Steve Ballmer an diesem Tag als Vision beschreibt. Mit wilden Gesten und lauter Stimme beschreibt der Microsoft-Chef die Zukunft des Lernens: Videos, Wissen – alles ist nur eine Wischgeste entfernt. Die Vision ist nicht neu – nur das aus dem Mausklick im Zeitalter der Tablets und Smartphones eine Fingergeste geworden ist.

Doch die Vision ist näher denn je: Kinder und Jugendliche kommen heute schon früh mit digitalen Medien in Kontakt. In Zeiten von Tablets und Smartphones ist der natürliche Platz des Computers schon lange nicht mehr das Büro – die mobile Revolution macht ihn allgegenwärtig. „Es ist eine bemerkenswerte Zeit", kommentiert Ballmer die rasante Veränderung der IT-Welt.

Warum zielen die Unternehmen auf die Kleinsten?

Doch warum wollen Microsoft und Apple bereits zu den Kleinsten? Geld verdient das US-Unternehmen mit der Software nämlich nicht: Schlaumäuse lässt sich für jeden kostenlos über den App-Store von Windows 8 oder über die Microsoft-Webseite für Windows 7 herunterladen. Danach wird ein Schlüssel benötigt, den aber jeder kostenlos von Microsoft erhalten kann, sagte der Microsoft-Deutschland-Chef Christian Illek.

Die Motivation ist eine andere: Microsoft und Apple wollen schon die Jüngsten an ihre Software gewöhnen. Denn welches System ein Kunde über große Teile seines Lebens einsetzt, könnte heute für viele Jungen schon in der Grundschule entschieden werden. Ob Microsoft- oder Apple-Welt – das ist eben in vielen Fällen schlicht eine Frage der Gewöhnung.

„Kinder benötigen die richtigen Werkzeuge für diese neuen Möglichkeiten der Informationstechnologie", sagt Ballmer, und sagt dabei gleich auch noch, wer diese bereitstellt: Microsoft natürlich. „Ein Windows-8-PC ist der beste PC für jeden Schüler", sagt Ballmer und nennt Software wie Office und die Cloud-Integration als Argumente. Der neue Windows-Store biete darüber hinaus zahlreiche Apps für die Bildung wie eine neue App der NASA über den Planeten Mars.

Microsoft will Markt selbst anstoßen

Auch Schlaumäuse gibt es neben einer Version für Microsofts etabliertes Desktop-Betriebssystem Windows 7 mit der präsentierten Version 3.0 natürlich auch erstmals für Microsofts neues Betriebssystems Windows 8. Es ist das erste Windows, das außer für PCs auch für Tablets samt Fingerbedienung optimiert ist. Noch gibt es aber wenig Software für das Microsoft-System, die für Windows-Tablets wie Microsofts eigenes Surface optimiert wurde. Daher will der Software-Konzern den Markt nun selbst anstoßen.

Die Schlaumäuse lassen sich natürlich auch per Finger bedienen. Dies ermöglicht auch neue Lern-Methoden. So lässt sich jetzt beispielsweise über Buchstaben streichen, um ein Wort zu hören. Neben Lernspielen gibt es auch Hörbücher. Den pädagogischen Wert der Software hat sich Microsoft bereits 2003 für die erste Version der Software von der TU Berlin bescheinigen lassen.

„Kinder benötigen die richtigen Werkzeuge für diese neue IT-Welt, nicht nur damit sie lernen können, sondern auch, um sich darin zurechtzufinden", sagt Ballmer. „Und der beste Weg, Kinder dorthin zu führen, ist möglichst früh anzufangen. Schlaumäuse ist nur ein kleiner Teil davon, Kinder in diese Welt zu helfen – und ihnen vor allem früher dorthin zu helfen".

Laut Marktforscher IDC werden die Smartphone-Umsätze die durch den Verkauf von PCs dieses Jahr überholen.

Microsoft hatte mit Windows auf dem klassischen PC ein Quasi-Monopol, das es aber nicht in die Welt von Tablets und Smartphones retten konnte. Hier geben derzeit Apple und Google mit ihren Systemen iOS und Android den Ton an. Microsofts Marktanteil mit Windows Phone 8 und Windows 8 auf Tablets ist verschwindend gering. Der Verkauf der ersten Microsofts-Tablets hat gerade erst begonnen, die Smartphones mit dem Windows-Betriebssystem verkaufen sich im Vergleich zu Geräten mit Android und Apples iPhone schleppend. Sollte es Microsoft hier nicht gelingen, bald eine Größe zu werden, ist der Zug für immer abgefahren: Ein System, das niemand nutzt, ist auch für Programmierer nicht interessant – und umgekehrt interessiert sich kein Nutzer für eine Plattform, für die es kaum Anwendungen gibt.

Am Ende überreichte Ballmer noch das Microsoft-Tablet Surface an Kinder eines Berliner Kindergartens. Mit Werbegeschenken kann in diesen Zeiten der sich wandelnden IT-Welt nicht früh genug begonnen werden.

Kontakt zum Autor: stephan.doerner@wsj.com

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