Von JUSTIN LAHART
Wie das Wechselspiel zwischen der Politik und den Aktienmärkten nach der US-Wahl aussieht, mag für Spieltheoretiker interessant werden. Für Investoren, deren Geld auf dem Spiel steht, sind die Aussichten aber beängstigend.
Man braucht nur einen Blick auf die Ausgangslage zu werfen. Wenn es zur Fiskalklippe kommt – also zu den im Januar drohenden üppigen Steuererhöhungen und gleichzeitigen Ausgabenkürzungen - würde die Wirtschaft in den USA in die Rezession rutschen. Die meisten Investoren gehen davon aus, dass die US-Regierung und der Kongress versuchen werden, dieses Szenario zu verhindern. Aber sie wissen auch, dass der Druck, der Washington letztendlich zum Handeln zwingen wird, von sinkenden Aktienkursen ausgehen könnte. Könnte die Fiskalklippe umschifft werden, würde es an den Börsen natürlich zu einer Rally kommen.
Diese Situation macht es Anlegern schwer, und es wird noch schwieriger, wenn man bedenkt, dass es in Washington nicht immer rational zugeht.
Der Kongress, der durch ein Patt zwischen Republikanern und Demokraten gelähmt ist, hat nur bis zum Jahresende Zeit zu handeln. Eine Option wäre, dass er ein Paket verabschiedet, das die unter Ex-Präsident George W. Bush eingeführten Steuersenkungen verlängert – zum Beispiel bis Mitte des Jahres 2013 – und die Ausgabenkürzungen nach hinten verschiebt.
Aber das würde auch die Unsicherheit, die seit einigen Monaten unter Unternehmen und Investoren herrscht, verlängern. Und es würde große administrative Herausforderungen mit sich bringen. Allein eine Steuererhöhung mitten im Jahr hätte eine destabilisierende Wirkung.
Doch die Alternative, es so weit kommen zu lassen und dann eine Behelfslösung zu finden, sei noch schlimmer, sagt Edward Karl vom Berufsverband American Institute of Certified Public Accountants. In diesem Fall müsste die US-Steuerbehörde die Steuerbescheide erst zurückhalten, sie dann korrigieren und sie erneut verändern, sobald eine langfristige Lösung gefunden ist. Die Amerikaner würden sich fragen, wie viel Steuern sie letztendlich bezahlen müssen.
Dabei besteht das Risiko, dass die Regierung und der demokratisch gestimmte Senat auf höheren Steuersätzen für die Topverdiener bestehen, um die Fiskalklippe abzuwenden und das Vorhaben am Widerstand der Republikaner im Repräsentantenhaus scheitert. Viele von ihnen haben den Wählern versprochen, keine Steuern zu erhöhen.
Wenn es dazu kommt, lässt sich die Fiskalklippe nicht verhindern. Vielleicht müssen die Republikaner ihr Versprechen aber gar nicht brechen. Wenn die Steuersätze im Januar automatisch steigen, könnten sie die Steuern wieder senken.
Der Haushaltsexperte Stan Collender hält dieses Szenario für das wahrscheinlichste. Er glaubt, dass die Regierung, der Mehrheitsführer im Senat Harry Reid, und der Sprecher des Repräsentantenhauses John Boehner signalisieren werden, dass die Zeit in diesem Jahr nicht mehr ausreicht, um die Fiskalklippe zu verhindern – und gleichzeitig klarstellen, dass sie im Januar einen Deal machen werden.
Vielleicht würde das die besorgten Investoren beruhigen. Aber es ist ein riskanter Schachzug. Zudem würde solch ein langgezogener Prozess kaum für Vertrauen sorgen, dass die amerikanischen Finanzprobleme in absehbarer Zeit zufriedenstellend gelöst werden.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de






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