Von NEIL KING JR.
In der amerikanischen Gesellschaft vollzieht sich ein bahnbrechender demographischer Wandel. Dies hat der Wahlsieg von Präsident Barack Obama offengelegt. Die dramatischen Verschiebungen werden die politische Landschaft in den USA verändern.
Im historischen Rückblick werden die Präsidentschaftswahlen des Jahres 2012 wahrscheinlich einmal als der Ausgangspunkt für die Kündigung langjähriger Bündnisse betrachtet werden. Als der Punkt, an dem sich die amerikanischen Wähler zu neuen Gruppen nach kulturellen, ethnischen und wirtschaftlichen Mustern formierten. Neue Gruppen, die beide Parteien vor Herausforderungen stellten - insbesondere die Republikaner.
Ältere Wähler und Angehörige der weißen Arbeiterklasse, einst Kernwählerschaft der Demokraten, sind ins republikanische Lager übergewechselt. Wähler in ländlichen Gegenden und in Kleinstädten, deren Großeltern noch die Wirtschafts- und Sozialreformen des „New Deal" des demokratischen Präsidenten Roosevelt mitgetragen hatten, bevölkern nun die amerikanischen Landstriche, die verlässlich der Grand Old Party (GOP) der Republikaner zugetan sind.
Aber in den Städten und deren dynamischen Vororten hat sich eine neue Wählerschaft entwickelt. Und sie hat bei der Wahl ihre Stärke demonstriert: Eine schnell wachsende Gruppe von Latinos, Amerikanern asiatischer Abstammung, Afro-Amerikanern und gutverdienenden Weißen hat den Demokraten um Obama zum Durchbruch verholfen.
„Die Demokraten verfügen jetzt über Verbündete in den dynamischen Ballungsräumen, in denen Weiße und Minderheiten zusammenleben und in denen für die Demokraten gestimmt wird", sagt der Demograph Robert Lang, der das Forschungszentrum Brookings Mountain West an der University of Nevada in Las Vegas leitet.
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Als Beispiel führt er den Bezirk Fairfax County im Norden des US-Bundesstaates Virginisas an. Dort vertritt der demokratische Abgeordnete Gerry Connolly einen Wahlkreis, in dem vor zwanzig Jahren drei Prozent der Bewohner außerhalb der USA geboren worden waren. Jetzt liegt dieser Anteil bei fast dreißig Prozent und die Mehrheit stellen asiatische Immigranten. In diesem Bezirk hat sich Obama am Dienstag mit großem Abstand durchgesetzt, wie auch im gesamten umkämpften Bundesstaat Virginia. Damit sicherte sich Obama den früher erzrepublikanischen Staat bei allgemeinen Wahlen nun schon zum zweiten Mal in Folge.
Ähnliche Verschiebungen in ganz Amerika lassen erkennen, wer Obama für eine zweite Amtszeit ins Weiße Haus zurückbeordert hat: junge Wähler, Angehörige von Minderheiten, Frauen und besser gestellte Weiße – eine Koalition, die buchstäblich identisch ist mit der Gruppe von Anhängern, die ihm vor vier Jahren zum Sieg verholfen hat. Einige politische Beobachter waren davon ausgegangen, dass dieses Bündnis nur zustande gekommen war, weil die Wahl Obamas im Jahr 2008 als historisch galt. Es würde sich nicht als belastbar erweisen, hatten sie verkündet – und wurden in dieser Woche eines Besseren belehrt.
Obama: Staatsmann, Stratege, Familienvater
Die denkwürdigsten Momente aus der ersten Amtszeit des amerikanischen Präsidenten.
Die Frage ist nun, ob Obama und andere Parteimitglieder dieses Wählerbündnis in einen Grundpfeiler für die Demokratische Partei verwandeln können.
Die Republikaner hingegen verteidigen sich mit dem Hinweis auf den Sieg bei den Kongresswahlen vor zwei Jahren, als sie die Mehrheit im Repräsentantenhaus übernahmen. Dies zeige, dass keine der beiden Parteien einen eindeutigen Herrschaftsanspruch habe. Die Wahlen des Jahres 2010 bewiesen, dass die GOP eine solide Mehrheit auf dem Fundament ihrer starken weißen Anhängerschaft aufbauen kann, auch wenn sie bei Wählern lateinamerikanischer und asiatischer Herkunft nur mäßig punkten könne. Bei den Gouverneursämtern und in den Staatsparlamenten hätten die Republikaner schon immer sehr gut abgeschnitten. Und das zeige doch, dass die Partei Potenzial habe, wenn es ihr gelinge, stärker zu den Minderheiten vorzudringen.
Wählerschaft verschiebt sich
Auf jeden Fall zeichnen sich sowohl für die Demokraten als auch für die Republikaner neue Konturen innerhalb einer geteilten Wählerschaft ab.
Zwanzig Jahre, nachdem sie den früheren demokratischen Präsidenten Bill Clinton unterstützt hat, ist eine Mehrheit weißer Wähler dorthin zurückgewandert, wo sie sich während der Regierung Reagans befand. Nämlich fest verankert im republikanischen Lager. Fast sechs von zehn weißen Wählern erklärten den Wahlforschern am Dienstag beim Verlassen der Wahllokale, sich mit der GOP solidarisiert zu haben. Als Clinton 1992 zum Präsidenten gewählt wurde, hatten dies lediglich 40 Prozent zu Protokoll gegeben.
Besonders auffällig ist allerdings, wie wenig Anklang die Republikaner unter den Wählern der Minderheiten finden. Nur 29 Prozent der Latinos, 25 Prozent der Asiaten und acht Prozent der Afro-Amerikaner gaben am Dienstag an, sich mit der Grand Old Party identifizieren zu können.
Dieser Trend hat den Zugriff der Demokraten auf die Städte gefestigt und ihnen neue Zugangswege in die einst von Weißen dominierten Vorstädte eröffnet, in denen jetzt mehr und mehr erfolgreiche asiatische und südasiatische Einwanderer und Latinos Fuß fassen.
So ging Obama etwa aus der Wahl im Arapahoe County bei Denver im Bundesstaat Colorado als klarer Sieger hervor. In dem von vielen Berufspendlern bewohnten Bezirk finden sich vorwiegend Landwirtschaftsbetriebe im Familienbesitz und Hochtechnologiefirmen. Und nicht nur der Bezirk stimmte für Obama. Der Demokrat konnte auch zum zweiten Mal den gesamten Bundesstaat Colorado auf seine Seite ziehen, der früher eher den Republikanern zugeneigt war.
Alter spielt plötzlich Rolle bei Wahlentscheidung
Die Präsidentschaftswahl wirft zudem ein Licht auf den Stimmungswechsel unter den Generationen geworfen, der sich in Amerika gerade vollzieht.
Ältere Mitbürger, die sich in den neunziger Jahren während der Streitereien um die Gesundheitsversorgung und das Sozialversicherungssystem auf Seite der Demokraten gestellt hatten, wählen jetzt mehrheitlich die Republikaner. Fast sechs von zehn der älteren Wähler gaben dem republikanischen Präsidentschaftsanwärter Mitt Romney ihre Stimme, wie Wahlbefragungen am Dienstag ergaben. Aus der Gruppe der Älteren hatten bei der Wahl im Jahr 2008 nur 51 Prozent den damaligen republikanischen Kandidaten John McCain unterstützt.
Und die Alterskluft reicht sogar noch tiefer hinab. Die Mehrheit der Wähler im Alter von 40 Jahren und darüber befürwortete Romney, während alle jüngeren Altersklassen mehrheitlich für Obama stimmten, wie Wahlumfragen am Dienstag ergaben.
Als sich die ehemaligen US-Präsidenten George H. W. Bush, Reagan und Clinton jeweils ihr Amt erkämpften, hatten sie sich noch in allen Altersgruppen durchgesetzt. Doch seit der Wahl von Bush im Jahr 1988 ist es keinem republikanischen Präsidentschaftskandidaten mehr gelungen, sich die Mehrheit der Wähler unter dreißig Jahren zu sichern.
Mehr jüngere Wähler als vor vier Jahren
In früheren Umfragen in diesem Jahr hatte sich abgezeichnet, dass sich das Interesse der jungen Wähler am Feldzug Obamas für seine Wiederwahl abgekühlt hatte. Letztendlich gaben am Dienstag aber mehr Wähler der Altersgruppe von 18 bis 29 Jahren ihre Stimme ab als noch vor vier Jahren. Und fast 60 Prozent von ihnen stimmten für Obama. Dass sich so viele jüngere Amerikaner an der Wahl beteiligten, gab den Demokraten fast so viel Auftrieb wie die starke Unterstützung seitens der hispanischen Bevölkerung
Nach der Niederlage vom Dienstag bekamen einige Republikaner Zukunftsängste. Wird die Parteibasis bei landesweiten Wahlen nicht hinterherhinken, wenn sie zu alt, zu stark auf ländliche Gebiete und auf weiße Wähler beschränkt ist?, fragten sich einige Parteimitglieder besorgt. „Mir setzt zu, dass die GOP dabei ist, sich in die WOP - die White Old Party – zu verwandeln", klagte Norm Coleman, ein ehemaliger Senator des Bundesstaates Minnesota.
Und nichts macht der Grand Old Party mehr Angst, als die wachsende Bevölkerungsgruppe der Latinos vor den Kopf zu stoßen, die bereits jetzt zehn Prozent der Wahlberechtigten stellt.
In den siebziger und achtziger Jahren fuhren republikanische Präsidentschaftskandidaten regelmäßig ein Drittel oder mehr der Stimmen der Wähler lateinamerikanischer Herkunft ein. Ex-Präsident George W. Bush sicherte sich im Jahr 2004 knapp über 40 Prozent ihres Zuspruchs. Dass dieser Anteil seitdem abgestürzt ist, ist auf teilweise erbittert geführte Debatten über die Gesetzgebung zurückzuführen, wie mit den Millionen von illegal in den USA lebenden Immigranten, vorwiegend aus Mexiko, verfahren werden soll.
Romney schnitt unter dieser Wählergruppe am Dienstag besonders schlecht ab. Nur 29 Prozent ihrer Stimmen konnte er verbuchen und erzielte damit den niedrigsten Anteil, seitdem sich Senator Bob Dole im Jahr 1996 um das Amt des Präsidenten beworben hatte.
„Die Partei hat einen neuen Tiefpunkt erreicht", resümiert Al Cardenas, der Leiter der konservativen Dachorganisation American Conservative Union und früherer Vorsitzender der Republikanischen Partei von Florida. „Realität ist, dass wir einem sehr großen, sehr wichtigen Demographie-Wandel im Land gegenüberstehen. Und wir haben gesehen, wie sich dies in den Ergebnissen in Colorado, Florida, Nevada und Virginia niedergeschlagen hat."
Obama mit klarem Vorsprung bei hispanischer Bevölkerung
In Colorada errang Obama unter den Latinos einen Stimmenanteil von 87 Prozent, Romney von zehn Prozent. In Florida fielen Obama 58 Prozent der Stimmen dieser Wählergruppe zu, Romney nur 40 Prozent. In Nevada sicherte sich Obama 80 Prozent, der Gegenkandidat nur 17 Prozent und in Virginia kam der Präsident auf 66 Prozent der Latino-Stimmen, sein Herausforderer dagegen nur auf 31 Prozent, wie Umfragedaten der Meinungsforscher von ImpreMedia/Latino Decisions ergaben.
„Texas hat möglicherweise ein enormes Potenzial, zu den Demokraten zu tendieren, falls die Demokratische Partei die Wählerschaft dort mitreißt", meint Matt Barreto, der Mitbegründer von Latino Decisions.
Um asiatische Wähler hat sich die Wahlkampfmannschaft von Romney durchaus bemüht, besonders in Nord-Virginia. An dieser Wahl beteiligten sich laut Wahlumfragen so viele Asiaten wie nie zuvor. Sie stellten drei Prozent der gesamten US-Wählerschaft. Und 75 Prozent von ihnen wählten Obama.
—Mitarbeit: Arian Campo-FloresKontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de



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