Finanzmärkte feiern nach Obama-Sieg den Status Quo
Von Herbert Rude
Die Finanzmärkte reagieren verhalten positiv auf die Wiederwahl von US-Präsident Barack Obama. Aktienkurse, Euro und Anleihen legen durchweg moderat zu. Marktteilnehmer zeigen sich vor allem erleichtert, dass keine Phase der Unsicherheit wie 2000 bevorsteht, als Nachzählungen wegen des engen Wahlausgangs in Florida dafür gesorgt hatte, dass über einen Monat unklar blieb, wer der neue US-Präsident wird. Diesmal gab es zwar das erwartete Kopf-an-Kopf-Rennen, am Ende war das Ergebnis aber schnell klar.
Positiv bewertet wird an den Märkten, dass der Status Quo erhalten bleibt. Die Grundzüge der Politik Obamas sind bekannt, das macht die Politik berechenbar. Im Falle eines Sieges von Romney hätten es die Märkte dagegen mit einer unbekannten Person im Weißen Haus zu tun gehabt, das hätte erst einmal Unsicherheit bedeutet. Die Danske Bank setzt nun darauf, dass sich die eingeleiteten Trends fortsetzen. Die US-Wirtschaft sollte auf Erholungskurs bleiben und weiterhin neue Jobs schaffen. "Es bleibt beim alten Lied", meint die Bank.
Unterstützt werden die Märkte auch von der Erwartung, dass die Geldpolitik der USA unverändert locker bleiben wird. Die Chancen sind gestiegen, dass Ben Bernanke Chef der US-Notenbank Fed bleibt. "Mit Obama als Präsidenten kann die Fed weiterhin auf eine stillschweigende Zustimmung der Regierung zu ihrer aktuellen Geldpolitik zählen", erwarten die Analysten der Commerzbank. Die lockere Geldpolitik unterstützt Risikoanlagen wie Aktien und Rohstoffe , der Dollar wird dagegen tendenziell von ihr belastet.
Doch ein einfaches "Weiter so" kann es kaum geben. "Nun wird sehr schnell zu den zu lösenden Problemen übergegangen werden", erwartet Christoph Geyer, Marktanalyst der Commerzbank.
Als Problem Nummer eins sehen die Märkte das so genannte Fiskalklippe, also den Streit um die Haushaltskonsolidierung . Hier droht Gefahr, denn im US-Kongress bleibt es beim Patt, also bei der demokratischen Mehrheit im Senat und der republikanischen im Repräsentantenhaus. Sollten sich beide Seiten nicht einigen, würden zum Jahresbeginn 2013 automatisch die US-Staatsausgaben gekürzt und die Steuern erhöht. Der Umfang dürfte etwa 4 Prozent der jährlichen US-Wirtschaftsleistung entsprechen.
"Dies könnte die US-Wirtschaft in eine erneute Rezession stürzen", warnt Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Die UBS warnt vor einem politischen Stillstand und hohen Ausschlägen bei den Währungen, und die NordLB meint, die Standpunkte hätten "inzwischen fast religiöse Züge angenommen". Nahezu alle republikanischen Abgeordneten hätten sich per Eid verpflichtet, keiner Steuererhöhung zuzustimmen.
Die NordLB setzt jetzt auf die Macht des Faktischen: "Der Lösungsdruck in Washington wird spätestens dann übermächtig, wenn der Staat kein Geld mehr ausgeben darf, und das dürfte spätestens im Januar der Fall sein. Auch Schmieding setzt auf eine Einigung in letzter Minute.
Den Optimisten am Aktienmarkt spielt die Historie in die Hände. "Der Dow Jones folgt bisher dem Pfad eines Präsidentenwahljahres", meinen die Marktanalysten von Barclays. Auf der Aktienseite verbesserten sich nun die Chancen, dass der Markt die Konsolidierung der vergangenen Wochen beendet und zu einer Jahresendrally übergeht. Besonders die US-Transportwerte dürften sich weiter stark zeigen. Üblicherweise entwickelt sich aber auch der Gesamtmarkt im November eines Wahljahres stark, wenn die amtsführende Partei gewinnt.
Kontakt zum Autor: herbert.rude@dowjones.com