Von CHRISTIAN GRIMM
Auf die Alternative für Deutschland (AFD) trifft zu, was Lenin spöttisch über den deutschen Revolutionär vermerkte: Bevor er den Bahnhof stürmt, kauft er noch eine Bahnsteigkarte. Die Mitglieder der Alternative wollen die Verhältnisse in Europa auf den Kopf stellen, Deutschland aus dem Euro führen. Das Ganze soll aber nach rechtsstaatlichen Methoden und mit Verhandlungen mit den anderen Euroländern geschehen.
Die Anhänger der Alternative kommen dann auch wenig umstürzlerisch daher. Ältere Herren, graubeschopft, strömen in Sakko und Krawatte in die Stadthalle von Oberursel zur ersten öffentlichen Sitzung der Alternative. Einige Gattinnen bilden den schmalen Frauenanteil bei der Versammlung. Vereinzelt kommt es zum Streit um besetzte Plätze, den Loriot nicht schöner hätte darstellen können: "Aber die Dame hätte doch was gesagt, wenn der Platz neben ihr besetzt wäre." - "Aber ich habe doch etwas gesagt."
Es ist die alte Bundesrepublik, die sich an einem Montagabend hier in dem wohlhabenden Vorort Frankfurts trifft. Über 1.000 Menschen, die Wiederaufbau und Wirtschaftswunder selbst erlebt haben. Sie wollen raus aus dem Euro und zurück zur D-Mark. Der Großteil hat vor der Eurokrise mit traumwandlerischer Sicherheit sein Kreuz bei CDU oder FDP gemacht. Doch die Politik der Kanzlerin hat diese Menschen enttäuscht zurückgelassen.
Ihre Erwartungen sind bisher größer als die Partei, die erst am 6. Februar gegründet wurde. Bis zum ersten ordentlichen Parteitag wird sie von einem provisorischen Vorstand geleitet. Trotzdem soll die Politik aufgemischt werden - "ähnlich wie die Piraten, nur besser". Die Spitze spricht vom Einzug in den Bundestag am 22. September.
"Die Zeit ist reif", hebt der ehemalige FAZ- und Welt-Redakteur Konrad Adam zur Begrüßung an und erntet den ersten Beifall, der sich steigert, als er die von Bundeskanzlerin Angela Merkel als "alternativlos" ausgerufene Politik der Milliardenhilfen für die Eurokrisenländer scharf kritisiert. "Politik lebt von Alternativen", sagt Adam, der als Vorstand offiziell für die Partei spricht. Dafür gibt es "Bravo"-Rufe, Adams gewinnt nach anfänglicher Aufregung jede Minute an Sicherheit.
Die Alternativen, von denen er spricht, sind die "geordnete Auflösung des Euro-Währungsgebietes", die Wiedereinführung nationaler Währungen oder die "Schaffung kleinerer und stabilerer Währungsverbünde". So steht es auf der Website der Partei. Kinder und Kindeskinder sollen nicht die Zeche zahlen müssen, weil Deutschland für die Schulden anderer Staaten haftet - das ist die Denkart der Partei.
Eine Denkart, die viele Konservative und Liberale teilen. Parteidisziplin und die Macht der Finanzmärkte haben sie bisher auf Merkel-Linie gehalten, doch Zweifel sind geblieben. "Ich sehne mich nach der Wiedergründung einer bürgerlichen Partei", sagt Thomas Frieling. Der IT-Fachmann, der zu den jüngeren Besuchern gehört, vermisst Politiker vom Schlag eines Hans-Dietrich Genscher oder Helmut Kohl, die es heute bei CDU und FDP seiner Ansicht nach nicht mehr gibt. Als Hobby schreibt er über Politik für die liberale Website blu-news.
Die Euro-Gegner versprechen ihren Unterstützern nicht, dass das Euro-Aus billig wird. "Aber es wird noch teurer, wenn wir warten und in der Eurozone das Licht ausgeknipst wird", ruft Joachim Starbatty vom Podium in den 70er-Jahre-Saal in Oberursel. Der ehemalige Wirtschaftsprofessor hat gemeinsam mit Peter Gauweiler vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Euro-Rettungsfonds ESM geklagt. Sein Buch "Tatort Euro" mit dem knallroten Einband wird am Eingang verkauft.
Starbatty bildet an diesem für die AFD so wichtigen Abend gemeinsam mit dem Hamburger Ökonom Bernd Lucke die ökonomische Speerspitze. Sie können die schwierigen Mechanismen der Eurorettung in verständliche Bilder herunterbrechen und haben auch den Schuss Populismus, den es braucht, um das Publikum in Stimmung zu bringen.
Angst vor der rechten Ecke
Lucke, Professor für Wirtschaft an der Uni Hamburg, trägt die Hauptlast beim Aufbau der neuen Partei. Er erklärt immer wieder, dass die ADF nicht für einen einseitigen Ad-Hoc-Austritt Deutschlands aus dem Euro kämpft. Zuerst muss das Recht auf Austritt in die europäischen Verträge hineingeschrieben werden. "Wir wollen das gemeinsam mit den Partnern auf europäischer Ebene verhandeln und auch solidarisch sein mit Ländern, die Ausscheiden und Hilfe brauchen." Da klatscht das Publikum nicht mehr so kräftig.
Lucke weiß, dass vor ihm eine enorme Herausforderung liegt. Will die Partei im September antreten, müssen in den Bundesländern Wahllisten aufgestellt werden. Die müssen spätestens am 15. Juli beim Wahlleiter eingereicht werden. Außerdem braucht er Geld. 3 Millionen Euro hat er für den Wahlkampf veranschlagt. "Geben Sie lieber uns das Geld, bevor es nach Griechenland geht", fordert er von den Anhängern, die den Aufruf mit Gelächter quittieren.
Die große Sorge der Alternative ist es, von den etablierten Parteien und Journalisten in die rechte Ecke gestellt zu werden. Eine Unterstützerin aus England, die schon lange in Deutschland lebt, befürchtet, dass der Name Alternative für Deutschland aber genau das auslösen könnte. Ihre Vorschläge "Alternative für Europa" und "Alternative für die Zukunft" werden im Saal mit Buh-Rufen abgebügelt.
Dass die Sorge nicht unberechtigt ist, die falschen Leute anzuziehen, zeigt sich am Schluss der Veranstaltung. Dort versucht sich die NPD als Trittbrettfahrerin und verteilt Flyer in Form von wertlosen Euro-Scheinen.
Kontakt zum Autor: christian.grimm@dowjones.com







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