Von JASON DOUGLAS, PAUL HANNON , MAX COLCHESTER und MARGOT PATRICK
Großbritanniens Banken werden „erhebliche" Mengen an frischem Kapital aufnehmen oder Geschäftsfelder verkaufen müssen. Das erklärte die Bank of England am Donnerstag in ihrer bisher schärfsten Warnung an die Banken. Diese müssten ihre faulen Kredite in den Griff bekommen und sich undurchsichtiger Bilanzierungspraktiken entledigen, um das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen und den Zugang zu Krediten nicht zu verlieren.
Das finanzpolitische Komitee der Bank of England – ein Ausschuss aus Vertretern der Zentralbanken, der Regulierungsbehörden und Experten aus der Finanzwirtschaft, der das britische Finanzsystem schützen soll – fürchtet, dass die Banken und Bausparkassen des Landes ihre Kapitalquoten schönen: Sie sollen demnach die Risiken im Zusammenhang mit verschiedenen Anlagen herunterspielen und für drohende Verluste durch faule Kredite, insbesondere an gewerbliche Immobilienentwickler, nicht ausreichend vorsorgen.
Die Banken würden ihren Zustand zudem dadurch beschönigen, dass sie für mögliche Entschädigungszahlungen an Kunden, denen für sie ungeeignete Produkte verkauft wurden, und für Strafen im Zusammenhang mit versuchten Zinsmanipulationen und anderem Fehlverhalten zu wenig Geld zurücklegten, bemängelte das Komitee.
„Wenn wir bewerten wollen, ob Banken ausreichend kapitalisiert sind, müssen wir sicherstellen, dass die vorgelegten Kapitalquoten tatsächlich ein akkurates Bild von der Verfassung einer Bank wiedergeben. Gegenwärtig gibt es Grund für die Annahme, dass dies nicht der Fall ist", sagte der scheidende Notenbankchef Mervyn King im Gespräch mit Reportern.
Was die schärfere Gangart der Bank of England für einzelne britische Banken bedeutet, ist unklar. Das Komitee hat selbst keine formale Handlungsgewalt und wird seine Vorschläge an die Finanzaufsicht FSA weiterreichen, damit sie neue Vorschriften implementiert. Die Vertreter des Gremiums gehen davon aus, dass die FSA vor dem Treffen im März 2013 genauer darlegt, wie einzeIne Banken mit ihren Kapitallücken umgehen sollen.
Analysten hatten auf mehr Details gehofft
Ein Sprecher der FSA erklärte, die Behörde sei mit den Banken bereits im Gespräch darüber, wie verschiedene Probleme angepackt werden sollen. Vor allem drei Themen haben die Aufseher dabei im Auge: eine glaubwürdige Bewertung von Vermögenswerten, die Transparenz der Risikomodelle, und wie die Banken für Regressforderungen von Kunden vorsorgen. Den Markt darüber zu informieren, welche speziellen Anforderungen die FSA stellt, ist Aufgabe der Banken.
King betonte, dass sich der Kapitalbedarf je nach Bank „enorm" unterscheide. Grundsätzlich sei das Problem aber beherrschbar. Die britischen Steuerzahler müssten kein weiteres Geld in die Royal Bank of Scotland oder die Bank Lloyds einschießen. Beide Banken befinden sich zum Teil in Staatsbesitz.
Analysten und Bankvorstände hatten sich von dem Bericht des Komitees mehr Details dazu erhofft, wie viel Kapital der Finanzsektor zusätzlich aufbringen müsse, wie dies geschehen soll und bis wann. Harte Zahlen zum geschätzten Kapitalbedarf der Banken lieferte die Notenbank aber nicht.
Stattdessen präsentierte sie die Ergebnisse eines „Experiments", das zeigen sollte, wie die Banken mit Hilfe diverser Bilanzierungstechniken ihre Kapitalausstattung überbewerten. Die vier Großbanken Barclays, RBS, Lloyds und HSBC könnten ihr Eigenkapital jeweils um 5 bis 35 Milliarden Pfund (etwa 6 bis 43 Milliarden Euro) zu hoch ausweisen, heißt es in dem Bericht.
RBS und Lloyds wollen Beteiligungen loswerden
Die Bank of England erklärte außerdem, dass die Rückstellungen der Banken für Verluste aus Krediten an Unternehmen und Privathaushalte in den Ländern der Eurozone womöglich um bis zu 15 Milliarden Pfund erhöht werden müssen.
Die vier Banken lehnten einen Kommentar zu dem Bericht allesamt ab. Die Sorgen der Bank of England dürften für sie aber alles andere als überraschend kommen. Bereits im August hatte die FSA die Institute angeschrieben und sie aufgefordert, „brauchbare Optionen" aufzuzeigen, wie sie ihr Eigenkapital aufbessern können.
Die RBS diskutiert seither mit der Finanzaufsicht über die Zukunft ihrer US-Tochter Citizens Bank und sucht nach weiteren Möglichkeiten, ihr Investmentbanking zu verschlanken, berichten Insider. Die Großbank Lloyds erwägt den Verkauf ihres 60-Prozent-Anteils an St. James's Place Wealth Management, Großbritanniens größtem Finanzberatungs-Unternehmen. Dadurch könnte Lloyds etwa eine Milliarde Pfund erlösen. Barclays hat kürzlich Anleihen im Wert von drei Milliarden Pfund ausgegeben, die sie bei Bedarf in Eigenkapital umwandeln kann.
In ihrem Bericht erkennt die Bank of England „die Fortschritte, die die FSA in ihren Gesprächen mit den Banken und die jüngsten Schritte der Banken in Richtung der Aufnahme externen Kapitals" an.
Politiker in Großbritannien wollen dringend vermeiden, dass das Land einem „verlorenes Jahrzehnt" erlebt wie Japan in den 1990er Jahren. Die japanischen Banken versäumten es, Verluste als solche anzuerkennen. Die Folge war eine endlose Verlängerung von faulen Krediten an „Zombie"-Unternehmen, dem auch die Behörden zu spät entgegentraten. Das gilt als einer der Hauptfaktoren für den jahrelangen Stillstand der japanischen Wirtschaft.
Internationale Aufmerksamkeit
Wenn die Banken erst einmal Klarheit darüber geschafft haben, wie es um ihre Bilanzen tatsächlich bestellt ist, werden sie leichter Wege finden, neues Kapital anzulocken, mit dem sie Kredite finanzieren, glauben die Regulierer. „Unser Ziel muss es sein, an einen Punkt zu kommen, an dem private Investoren den Banken wieder vertrauen und die Banken selbst das Vertrauen haben, um wieder mehr zu verleihen", sagte King. Damit, so die Hoffnung, würden sie den Kreditfluss der britischen Wirtschaft sicherstellen. Banken könnten ferner darüber nachdenken, ihre Lage dadurch zu verbessern, dass sie sich von Bereichen außerhalb des Kerngeschäfts trennen und Wandelanleihen ausgeben, die in Krisenzeiten zu Eigenkapital umgewandelt werden können, sagte King.
Das FPC hat bisher eine beratende Funktion, soll aber im nächsten Jahr mehr Macht bekommen. Das Gesetzgebungsverfahren hierzu läuft. Auch personell steht die Bank of England vor dem Umbruch: In der vergangenen Woche wurde Mark Carney, der Gouverneur der kanadischen Notenbank und Leiter des Finanzstabilitätsrats, des Regulierungsorgans der G 20 der führenden Industrie- und aufstrebenden Nationen, als Nachfolger von Mervyn King an der Spitze der Notenbank benannt. Er wird seinen Posten im Juli antreten.
Die Sorgen des FPC über die Risikovorsorge der Banken wird international viel beachtet, besonders in Bankenkreisen. Stefan Ingves, Chef der schwedischen Zentralbank und Vorsitzender des Baseler Komitees für die Bankenaufsicht, das Regeln für die Branche erarbeitet, erklärte jüngst in einer Rede in London, die Banken sähen die Risiken in ihren Portfolios zu optimistisch, insbesondere die von Immobilienkrediten.
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