• The Wall Street Journal

Stuffle bringt den Flohmarkt in die Hosentasche

Es war bei einem Grillabend. Morten Hartmann saß mit Freunden zusammen, sie aßen Salat mit Fleisch und tranken Bier. Irgendwann kam das Gespräch auf Ebay und wie umständlich es ist, dort etwas zu verkaufen. „Ein Freund hatte versucht, ein Produkt loszuwerden. Aber irgendwie war ihm nicht ganz klar, was er bei Ebay denn nun eigentlich bezahlen und was er alles in den Rechner eingeben musste", erinnert sich Hartmann. „Da haben wir uns überlegt, wie man das am besten mit dem Smartphone machen kann."

Stuffle: Der Flohmarkt für die Hosentasche wurde vom Magazin web & mobile developer zur besten deutschen iPhone-App des Jahres 2012 gewählt

Gesagt getan: Die ersten Pläne für Stuffle wurden Ende 2011 gemacht. Anfang 2012 lernte Hartmann dann den Blogger und Unternehmer Nico Lumma kennen, der bei der Beteiligungsgesellschaft Digital Pioneers für das operative Geschäft zuständig ist. „Der hatte Lust darauf, und dann haben wir es auf die Beine gestellt", erzählt Hartmann. Richtig losgelegt haben sie mit der Programmierung schließlich im April. Am 9. Mai war es dann soweit: Stuffle war im deutschen App-Store erhältlich.

Doch was ist Stuffle eigentlich? Um es ganz einfach zu sagen: Mit Stuffle kann man Sachen verkaufen. Von der Blumenvase bis zum iPhone – man findet fast alles auf dem digitalen Flohmarkt, der problemlos in die Hosentasche passt. Denn Stuffle läuft – zumindest bisher noch – ausschließlich auf dem iPhone von Apple.

Android-Version kommt Anfang 2013

„Anfang 2013 soll eine Android-Version herauskommen", sagt Hartmann. „Wir gehen momentan davon aus, dass wir 40 Prozent der Nutzer verschenken, weil wir Stuffle noch nicht für das Google -Betriebssystem anbieten. Die Nachfrage ist da." Am Anfang habe man jedoch auf iOS gesetzt, weil es leichter zu programmieren gewesen sei. „Außerdem ist der Markt interessanter. iOS-Nutzer sind grundsätzlich eher bereit, Geld über ihr Smartphone auszugeben", erklärt der Stuffle-Chef.

Wer mit Stuffle etwas verkaufen will, muss zunächst die App herunterladen. Sie ist kostenlos, man braucht nur einen Account für den App-Store von Apple. Anschließend kann man das Programm öffnen und damit beginnen, seine Sachen einzustellen. Klingt einfach? Ist es auch. Mit der eingebauten Kamera des iPhones lässt sich ein Foto vom überflüssigen Krempel machen, dann noch eine kurze Beschreibung dazu (maximal 140 Zeichen – Twitter und SMS lassen grüßen) und der Preis – schon kann das Angebot eingestellt werden. Und dann heißt es abwarten. Diese Beschränkung auf wenige Informationen soll laut Hartmann zunächst bestehen bleiben. „Da gab es bisher relativ wenig Kritik. Man hat ja auf dem Smartphone auch keine Lust, unglaublich lange Texte einzugeben. Im Zweifel kann man ja später Telefonnummern austauschen, falls ernsthaftes Interesse besteht."

Großer Vorteil und gleichzeitig auch ein kleiner Nachteil von Stuffle ist, dass man nur Produkte angezeigt bekommt, die sich in der Nähe des Smartphone-Nutzers befinden. Denn wer Stuffle einsetzt, erlaubt dem Programm, seine Standortdaten zu verwenden. Ohne geht es nicht. Wer die App aufruft, bekommt angezeigt, welche CDs, Spiele und Bücher im unmittelbaren Umkreis erhältlich sind. In Kilometerabständen kann man sich dann immer weiter durch das Angebot scrollen. Eine richtige Suchfunktion gibt es bisher nicht, die soll jedoch bald kommen.

„Mit Version 2.0 wird man gezielt nach Produkten suchen können", sagt Hartmann. Außerdem wird man innerhalb der App bezahlen können. „Wir entwickeln gerade zusätzliche Features, die wir dann über Credits refinanzieren wollen. Credits soll es in irgendeiner Form geben. Wir wissen bloß noch nicht, wie genau wir das machen." In Planung sind laut Hartmann auch Bewertungsmöglichkeiten und eine Verifizierung der Nutzer. Die sei besonders spannend, weil man dadurch an Kontodaten und Telefonnummern komme.

Bisher ist Stuffle kostenlos. Und Werbung soll es in absehbarer Zeit auch nicht geben. Finanziert wird das Projekt von Investoren. 250.000 Euro wurden laut Hartmann von den Digital Pioneers reingesteckt, bei einer kleinen Finanzierungsrunde im Oktober beteiligte sich Tim Schumacher, Gründer der Online-Domainplattform Sedo, mit einem „sechsstelligen Betrag" am Start-up.

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Stuffle-Gründer Morten Hartmann

Seit dem 29. Oktober ist Stuffle eine GmbH mit Sitz in Hamburg. „Als wir gesehen haben, dass ein Markt da ist und dass wir Investorengelder einsammeln können, haben wir uns zu diesem Schritt entschieden", sagt Hartmann. Am Anfang lief fast alles über die Digital Pioneers. Sie stellten das Team und entwickelten einen ersten Prototyp. „Heute sind wir ja ein ganz anderes Team. Damals war es tatsächlich nur ich, der sich um Stuffle gekümmert hat. Der Rest waren die Entwickler von den Digital Pioneers. Seit September habe ich meine eigenen Entwickler, und wir sind neun Leute."

Jetzt soll auf den ersten Erfolgen aufgebaut werden. Eine neue Finanzierungsrunde steht an, bei der eine Million Euro eingesammelt werden sollen. Die Zahlen sprechen für sich: 110.000 Downloads gab es bisher, alleine am Montag waren es innerhalb kürzester Zeit 7.500 – Pro Sieben hatte in der Sendung Taff über die App berichtet. 88.000 aktive Nutzer sind bei Stuffle unterwegs, 55.000 Angebote gibt es und verkauft wurden bisher 6.500 Produkte.

Paypal sehr beliebt

Wer Interesse an einem bestimmten Gegenstand hat, der kann den festgelegten Preis akzeptieren oder mit dem Verkäufer Kontakt aufnehmen und verhandeln. Haben beide sich geeinigt, muss die Übergabe organisiert werden. In der Regel trifft man sich irgendwo, die Ware wird übergeben und kontrolliert und die Bezahlung erfolgt. Hartmann berichtet jedoch, dass gut ein Drittel der Verkäufe mittlerweile über Paypal abgewickelt werden. Die Nutzer tauschen also innerhalb der App ihre Daten aus. „Das hatten wir am Anfang so nicht kommen sehen. Aber wir lernen ja auch noch." Und darum soll es schon bald auch eine integrierte Bezahlfunktion geben.

„Wir sehen das eher wegen des Sicherheitsaspekts. Natürlich können die Nutzer auch ihre Paypal-Daten hinterlegen. Aber auch ihre Kontodaten und ihre Kreditkartennummer. Darüber wird die Bezahlung dann abgewickelt –auch treuhänderisch." Hartmann erzählt, dass das Unternehmen gerade auf der Suche nach einem geeigneten Anbieter sei. Im Idealfall würde das Geld nach einem erfolgreichen Kaufgeschäft bei Stuffle zwischengeparkt. „Und wenn sich keiner beklagt, wird es ein paar Tage später ausgezahlt."

Hinter dem Begriff Stuffle steckt eine Wortschöpfung, eine Kombination aus den Begriffen stuff – also Sachen – und sale – Verkauf. Weil es die Domains Stuffle.de und Stuffle.com schon gab, entschieden sich die Gründer für Stuffle.it. „Wir sind momentan aber dabei, auch noch die anderen Domains zu bekommen", sagt Hartmann.

Bislang ist Stuffle vor allem im deutschsprachigen Raum verbreitet. International wurde noch nichts getan, um auffällig zu werden, auch wenn die App weltweit erhältlich ist. „Am Montag hatten wir zum Beispiel 156 Downloads in den USA – wo auch immer die hergekommen sein mögen", sagt Hartmann. Stuffle gibt es bisher nur auf Englisch und Deutsch. Es sei jedoch relativ einfach, weitere Sprachen nachzuziehen. Allerdings müsse man sich dann genau überlegen, wie sich das beim Support regeln ließe.

Am Anfang waren 70 Prozent der Stuffle-Nutzer Männer. Mittlerweile gleicht sich das an. In dieser Woche war das Verhältnis laut Hartmann fast ausgeglichen – 54 Prozent der Nutzer waren Männer, 46 Prozent Frauen. Am stärksten ist die Altersgruppe zwischen 24 und 35 Jahren vertreten.

Besonders gut verkaufen sich bei Stuffle alte iPhones. „Das ergibt zwar eigentlich gar keinen Sinn", sagt Hartmann. Schließlich braucht man ein iPhone, um die App zu öffnen. „Aber trotzdem werden iPhones gekauft wie blöd. Es ist ganz selten, dass eins nicht verkauft wird."

Angebote lassen sich über soziale Netzwerke teilen

Angebote können per Twitter, auf Facebook, in E-Mails und über SMS geteilt und weiterempfohlen werden. Interessanterweise werden SMS und E-Mail besonders häufig genutzt. „Davon sind wir vorher nicht ausgegangen", erklärt Hartmann. „Facebook funktioniert gut, Twitter so lala." Sieben Prozent der Angebote werden über den Kurznachrichtendienst geteilt. 18 Prozent empfehlen ihre Angebote bei Facebook weiter. Die anderen 75 Prozent verteilen sich auf E-Mail und SMS.

Doch die Konkurrenz schläft nicht. Aus Wien kommt das Angebot Shpock. Beim Design und der Aufmachung hat man sich augenscheinlich sehr bei Shuffle inspirieren lassen. „Die Jungs aus Österreich haben uns ja tatsächlich eins zu eins geklont und alles grün eingefärbt." Hartmann sieht in ihnen jedoch keine ernsthafte Konkurrenz. „Die haben erst ein Update veröffentlicht, wo sie Kategorien eingeführt haben." Und Kategorien sind etwas, das man bei Stuffle als absolutes No-Go sieht, weil dadurch der Verkaufsprozess erschwert wird.

Auch Ebay hat schon angeklopft. Hartmann erzählt, dass er vor kurzem bei Ebay Kleinanzeigen in Berlin war. „Da hat man mir den M&A-Verantwortlichen von Ebay rübergeschickt. Der hat sich Stuffle dann angeguckt und ganz deutlich gesagt, dass man mit den eigenen Kleinanzeigen ein bisschen im Dilemma steckt." So würde er sehen, dass der Dienst zwar immer noch funktioniert aber den mobilen Ansatz hält er für weniger überzeugend. Darum würde Ebay sich Konkurrenten ansehen und Ende 2013 voraussichtlich einen einverleiben. Hartmann selbst macht sich jedoch zunächst keine Gedanken über einen möglichen Verkauf oder eine Übernahme.

Denn das Feedback für Stuffle ist bislang hauptsächlich positiv. „Klar hören wir manchmal, dass noch etwas fehlt", sagt Hartmann. „Aber das sehen wir ja auch selbst." Ein Kritikpunkt ist zum Beispiel, dass es häufig immer die gleichen Angebote sind, die angezeigt werden. Eine Aufräumfunktion gibt es nicht. Doch auch hier verspricht er Besserung. „Wir wollen bald Angebote, die nicht verkauft werden, nach einer bestimmten Zeit rausfiltern." Dann bekämen die Nutzer noch eine Mitteilung, dass ein Produkt nicht verkauft werden konnte mit dem Hinweis, vielleicht ein anderes Bild zu wählen oder die Beschreibung anzupassen.

Bleibt noch die Frage nach den unerwünschten Nutzern. Denn wer gegen die Nutzerbedingungen verstößt, muss mit einer Löschung rechnen. Allerdings sei es eher selten, dass es soweit komme, sagt Hartmann. „Dann verkauft sich zum Beispiel jemand selbst oder seinen Freund." So etwas würde aber immer recht schnell von anderen Nutzern gemeldet.

Kontakt zum Autor: joergen.camrath@wsj.com

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