• The Wall Street Journal

Qihoo-Gründer ist der meistgehasste Mann in Chinas Internetbranche

PEKING – Im August war der Unternehmer Zhou Hongyi angetreten, um sich einen Anteil am 3,3 Milliarden Dollar schweren Internetsuchmarkt in China zu sichern. Auf diesem Geschäftsfeld herrscht der chinesische Anbieter Baidu so unumschränkt, dass die Firma oft als Google aus China bezeichnet wird.

Nur drei Monate später hat Zhous Firma Qihoo 360 Technology einen Anteil von rund zehn Prozent der Suchanfragen gekapert, wie das an der New Yorker Börse notierte Unternehmen mitteilte. Die Firma nutzt ihre Plattform als Internetportal und Antivirendienst, um Baidu Marktanteile abzujagen. Der chinesische Internetriese hat reagiert und einige seiner Inhalte bei den Suchergebnissen von Qihoo blockiert.

Qihoo

Qihoo-Gründer Zhou Hongyi legt sich mit Chinas Suchmaschinenriese Baidu an.

Zhou nimmt kein Blatt vor den Mund. Der frühere Yahoo -Topmanager, der leidenschaftlich für Gewehre und klassische Musik schwärmt, ist zum öffentlichen Frontalangriff auf Baidu übergegangen. Die Dominanz der Gruppe bei der Internetsuche habe zu einem schwachen Produkt geführt, bei dem viel zu viel Werbung die Oberhand gewonnen habe, schleudert der schmächtige 43-Jährige dem Riesen Baidu entgegen. Einige der größten chinesischen Internetunternehmen erfreuten sich „einer Monopolstellung, so dass diese Akteure bei Innovationen wenig leisten", sagte er in einem Interview. „Wir legen uns dauernd mit den Riesen im Internetbereich an, weil wir versuchen, eine Rolle als Monopolbrecher zu spielen und die Landschaft für immer umzukrempeln", fügt er hinzu. Ein Sprecher von Baidu wollte sich zu den Differenzen mit Qihoo nicht äußern.

Die Spannungen zwischen den beiden Unternehmen spitzten sich derart zu, dass der staatlich kontrollierte Internet-Branchenverband sich jüngst zur Intervention genötigt sah. Der Verband griff ein und trotzte den chinesischen Internetsuchanbietern die Einigung auf einen Verhaltenskodex ab. Darin versprechen die Kombattanten, einen fairen Wettbewerb aufrecht zu erhalten. Und im Besonderen verpflichten sie sich, so genannte Webcrawler, die automatisch das Internet durchsuchen und Informationen aufsammeln und erschließen, nicht missbräuchlich einzusetzen. Das Abkommen wurde zwar auf freiwilliger Basis eingegangen. Aber die chinesische Regierung reguliert das Internet häufig mit unverbindlichen Übereinkünften, denen zu folgen die Unternehmen dennoch gezwungen sind. Im Oktober hatte Baidu eine Klage gegen Qihoo über 16 Millionen Dollar angestrengt. Dem Unternehmen wurde vorgeworfen, Webcrawler zu verwenden, um widerrechtlich Baidu-Inhalte zu nutzen.

Viele halten Zhou für einen Selbstdarsteller

Dass es Qihoo überhaupt gelungen ist, sich Marktanteile zu schnappen, sei ein seltener Sieg eines kleinen Unternehmens gegen eine der Großfirmen, die nach Ansicht einiger Unternehmer und Wagniskapitalgeber zunehmend den Internetsektor in China beherrschen. Zwar könnten auch junge chinesische Unternehmen immer noch gedeihen. Aber der Markt sei härter als in anderen Ländern, weil Firmen wie Baidu und der Chat-Riese Tencent Holdings sich bereits üppige Marktanteile verschafft hätten.

„Angesichts der enormen Fülle an Internet-Nutzern in China ist es heutzutage recht einfach, los zu legen, an Schub zu gewinnen und sogar etwas einzunehmen", sagt Wang Xing, ein Mitbegründer der Website, aus der das soziale Netzwerk Renren hervorging, und zugleich Chef der Gruppenkauf-Site Meituan. „Aber es ist viel schwerer, nachhaltige und messbare Gewinne zu erzielen. Und ganz besonders schwierig ist es, ein plattformähnliches Geschäft aufzubauen, das in Konkurrenz zu Tencent oder anderen etablierten Unternehmen treten könnte."

Unter denen, die die Platzhirsche herausfordern, dürfte Zhou einer der eloquentesten und kämpferischsten Vertreter sein. Auf jeden Fall ist er der umstrittenste Akteur der chinesischen Internetbranche. Seine Kritiker werfen ihm vor, sich in Bezug auf sein Eigeninteresse in nichts von den größeren Rivalen zu unterscheiden. Einige halten ihn schlicht für einen Selbstdarsteller.

„Man sollte dabei nie außer Acht lassen, dass Zhou Hongyi es gelernt hat, seine erklärte Feindschaft gegenüber dem Branchenführer einzusetzen, um die Aufmerksamkeit auf sich und seine Firm zu lenken", meint David Wolf, der Chef der Marketing-Strategie-Firma Wolf Group Asia. „Im Wesentlichen wird hier der Kampf zum PR-Gag stilisiert." „Das ist ganz sicher nicht der Fall", hält Qihoo-Finanzvorstand Alex Xu dagegen.

Im August legte Zhou buchstäblich über Nacht den Hebel um. Er verwandelte Qihoo in einen Mitspieler auf dem Feld der chinesischen Internetsuche, indem er auf dem Browser und der Website von Qihoo den voreingestellten Suchdienst von Baidu und Google gegen seinen selbstentwickelten Suchservice austauschte.

Schimpfkanonanden auf Rivalen

Analysten haben darauf hingewiesen, dass viele Nutzer, denen die nötige Sachkenntnis fehlt, aufgrund dieser Umstellung zu den Suchfunktionen von Qihoo überwechselten, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Das Symbolbild für den Qihoo-Browser ist zudem dem Zeichen für den Internet Explorer von Microsoft zum Verwechseln ähnlich. Der größte Unterschied besteht eigentlich darin, dass das Symbol von Qihoo grün ist.

Screenshot

Verwechslungsgefahr? Die Startseite von Qihoo.

Zu wissen, wie man sich die Millionen von chinesischen Nutzern mit geringem Kenntnisstand zu Nutze macht, sei einfach eine maßgebliche Branchentaktik, stellt Zhou nüchtern fest. Allerdings wolle er ihnen auch in ihrem eigenen besten Interesse dienen, indem er ihnen helfe, sich sicher durch das mit Schadprogrammen verseuchte Internet Chinas zu bewegen, fügt er schnell hinzu.

Zhou hat sich mittlerweile mit seinen Schimpfkanonaden auf seine Rivalen einen Namen gemacht. Er unterhält beim beliebten chinesischen Kurznachrichtendienst Sina Weibo ein Konto, das er zu öffentlichen Tiraden nutzt, wann immer ein Konkurrent einen neuen Schritt setzt. Die Liste derer, die er in den vergangenen Jahren abgekanzelt hat, liest sich wie eine Personalenzyklopädie der chinesischen Internetwelt.

In den vergangenen Wochen unterhielt Zhou seine rund 4,3 Millionen Anhänger mit Vorwürfen, auf der Nachrichten-Seite von Baidu würden gegen Qihoo gerichtete Artikel prominent platziert. Außerdem lud er noch einmal einen Eintrag aus einem Weibo-Konto für seinen Suchservice hoch, in dem nachgefragt wird, ob Baidu gegen das Gesetz verstoßen habe, indem der Such-Gigant Werbeanzeigen für Botox-Behandlungen geschaltet habe.

Baidu-Sprecher Kaiser Kuo sagte dazu: „Wir geben unser Bestes, um mit den zuständigen Behörden zusammenzuarbeiten, um sämtliche illegalen Werbeanzeigen von unserer Website fernzuhalten. Aber im dynamischen und schnell veränderlichen Internetumfeld ist dies nicht immer möglich.´"

Vor zwei Jahren prallten Zhou und Tencent derart vehement aufeinander, dass die chinesische Branchenaufsicht die beiden Firmen zwang, sich öffentlich zu entschuldigen.

303 Millionen Nutzer im Monat

Der chinesische Markt führt bereits ein Inseldasein. Die Sprachbarriere und die Zensoren in Peking halten die ausländischen Wettbewerber in Schach. Dienste wie Facebook und Twitter werden blockiert. Google hat sein China-Geschäft drastisch zurückgefahren. Zusätzlich zu der Kontrolle, die Baidu bei der Internetsuche ausübt, hält die Alibaba Group einen Anteil von 76 Prozent bei allen Transaktionen im Bereich E-Commerce in China. Sina und Tencent wiederum dominieren die Kurznachrichtendienste. Tencent hat zudem beim Instant Messaging die Nase vorn und kontrolliert 36 Prozent des chinesischen Markts für Online-Spiele.

Kein Land hat so viele Internet-Nutzer vorzuweisen wie China. Mehr als 500 Millionen Chinesen sind online. Doch da es dem Land an einem wirksamen kartellrechtlichen System mangele und da ständig und hemmungslos kopiert werde, mute die chinesische Internetbranche wie ein „Dschungel" an, kritisiert Zhou.

Qihoo verdient ihr Geld mit dem Internetverkehr, den die Firma mittels ihrer Virenschutz-Software und einem Browser generiert. Den Browser nutzten per September 303 Millionen Nutzer im Monat. Im dritten Quartal verbuchte Qihoo einen Einnahmezuwachs um 77 Prozent auf 84 Millionen Dollar gegenüber dem Vorjahr. Im Gesamtjahr 2011 hatte das Unternehmen Einnahmen über 167,9 Millionen Dollar gemeldet.

Auch mit der Antiviren-Software habe er sich Feinde in der Branche gemacht, kurz nachdem er sie 2006 auf den Markt gebracht hatte, erzählt Zhou. Damals leitete eine Reihe chinesischer Unternehmen, darunter auch eine Suchmaschine, die Zhou mitbegründet und schließlich an Yahoo weiterverkauft hatte, ihre Nutzer an, auf ihren Browsern Funktionsleisten zu installieren, die sie zu unternehmenseigenen Inhalten zurücklenken würden. Die Software von Qihoo 360 identifizierte die Funktionsleisten als Schadprogramme und deinstallierte sie.

Yahoo verklagte Unternehmen

Zhou räumt durchaus ein, dass er daran mitgearbeitet hat, für seine Suchmaschine Funktionsleisten zu erstellen, an deren Deinstallation später seine neue Firma Qihoo verdienen würde. Bei ihrem Bau mitzumachen, sei „ein Fehler gewesen, den ich begangen habe", schrieb er in einer E-Mail. Er sei damals noch jung und zu stark auf den Wettbewerb ausgerichtet gewesen, anstatt seine Kunden zu respektieren, fügte er hinzu.

Als die Qihoo-Software mit der Entfernung der Funktionsleisten begann, verklagte Yahoo China, Zhous früherer Arbeitgeber, Qihoo 360 wegen unlauterem Wettbewerb. Yahoo China setzte sich vor Gericht durch. Qihoo musste die Aktivitäten auf Anordnung des Gerichts einstellen und Yahoo für den erlittenen Schaden und die Gerichtskosten entschädigen. Im Jahr 2007 verlor Qihoo einen ähnlichen Prozess mit Baidu. Seit 2004 sind die Unternehmen von Zhou in sieben Fällen mit Baidu vor Gericht gezogen.

Ähnliche Tricks wie damals mit der von ihm gebauten Funktionsleiste, die er dann wieder deinstallierte, wende Zhou auch heute noch bei einigen der Qihoo-Produkte an, bringen Kritiker vor. Sie drängten die Nutzer auf die Hauptsite von Qihoo, auf der das Unternehmen Werbeflächen verkauft und Gebühren dafür erhebt, um die Besucherströme auf andere Websites zu lenken. Das eine habe mit dem anderen nichts zu tun, wehrt sich Qihoo.

Die neuen Nutzer würden ihm dabei helfen, an dem Produkt zu feilen und die Suchergebnisse zu verbessern, sagt Zhou, der 2004 eine frühe Suchmaschine namens 3721 für 120 Millionen Dollar an Yahoo verkauft hatte. Er will auf seinem Browser eine Funktion unterbringen, die dem Nutzer die Möglichkeit einräumt, gute Suchergebnisse mit gerecktem Daumen auszuzeichnen. Und ein erhobener Mittelfinger solle schlechte oder gefährliche Sites markieren, sagt er im Scherz. Sein Produkt werde mit weniger Werbung auskommen als die Baidu-Suche.

„Zhou weiß, was hinter der Internetsuche steckt. Und so lange er mitmischt, muss jedes Unternehmen, mit dem er zu tun hat, als ernsthafter Akteur betrachtet werden. Die sind noch lange nicht an dem Punkt, an dem sie es mit Baidu aufnehmen können. Aber das heißt nicht, dass das immer so bleiben muss", sagt Marketingstratege Wolf.

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