Von CONOR DOUGHERTY,NICK TIMIRAOS und NEIL SHAH
In den USA hat der Häusermarkt in den letzten Jahren nicht gerade als Treibstoff für den Wirtschaftsaufschwung funktioniert. Vor fünf Jahren riss er das Land und später die ganze Welt in eine Rezession. Danach war er eine konstante Bremse für die Erholung. Aber jetzt kurbelt der Häusermarkt die Wirtschaft an, während andere Sektoren abkühlen.
Ökonomen schätzen, dass sich das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts in den USA verlangsamen wird – schon im dritten Quartal lag es bei bescheidenen zwei Prozent. Die amerikanischen Unternehmen haben ihre Investments heruntergefahren, denn die Aussichten auf Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen der Regierung - Stichwort: Fiskalklippe - vermiesen ihnen die Stimmung. Ein anderer drückender Faktor: Auch der Verteidigungshaushalt dürfte schrumpfen.
Unwahrscheinlicher Retter in der Not ist der Häusermarkt. Er hebt die Laune der Konsumenten und schiebt die Wirtschaft an. Für das vierte Quartal erwarten die Berater von Macroeconomic Advisers in den USA ein Wirtschaftswachstum von 1,4 Prozent – die Preise für die Eigenheime dürften dazu 0,4 Prozentpunkte beitragen. Andere gehen noch weiter: Die Analysten von Global Insight prognostizieren ein Wachstum von einem Prozent, ihrer Ansicht nach dürften die Häuserpreise dazu mehr als die Hälfte beitragen. Mehr waren es zuletzt im Jahr 2005. „Der Häusermarkt scheint unbeeindruckt von der Unsicherheit, die andere Bereiche der Wirtschaft plagt", sagt Ben Herzon von Macroeconomic Advisers.
Allerdings kommt die Erholung im Immobiliensektor gerade erst in Gang. Nach fünf Jahren, in denen die Zwangsversteigerungen immer mehr wurden und die Preise immer weiter fielen, ist die Rolle der Eigenheime für die Volkswirtschaft noch relativ gering. Die Kreditinstitute schlagen sich mit faulen Hypotheken herum – und machen es denen, die neu Geld leihen wollen, darum nicht einfach. Immer noch schulden Millionen von Hausbesitzern den Banken und anderen Verleihern mehr, als ihre vier Wände wert sind. Trotzdem wird der stetig steigende Markt „einen Teil der Verlangsamung in der Produktion wettmachen – und dabei helfen, eine zweite Rezession zu verhindern", sagt Doug Duncan, Chef-Volkswirt beim Immobilienfinanzierer Fannie Mae .
Im September sind die Häuserpreise im Vergleich zum Vorjahr um 3,6 Prozent gestiegen, wie der S&P/Case-Shiller National Index ergibt. Insgesamt schossen die Preise in den ersten neun Monaten des Jahres um sieben Prozent in die Höhe. Der kräftigste Zuwachs seit 2005 stellt selbst die optimistischsten Prognosen in den Schatten. Und: Die Gewinne wurden nicht in wenigen Boom-Städten gemacht, sondern in der Breite. Von den 20 erfassten Städten wuchsen 18 über das Jahr hinweg.
Für Immobilienmakler und Hausbauer ist die Trendwende ein Segen. Manche der Unternehmen haben ihren Börsenwert in diesem Jahr mehr als verdoppelt. Auch die Einzelhändler profitieren von Kunden, die ihre Häuser dekorieren und möblieren. In Baumärkten kaufen sie das, was sie zum Renovieren der Häuser brauchen. Die Banken verdienen so viel wie lange nicht mehr mit Hypothekenkrediten.
Dazu kommt eine Reihe indirekter Effekte. Steigende Häuserpreise geben den Hausbesitzern das Gefühl, mehr zu haben – so dass sie mehr ausgeben dürften und bei den niedrigen Zinsen auch eher Schulden aufnehmen könnten. Laut dem Index des Unternehmensverbands Conference Board ist das Vertrauen der Amerikaner in die Wirtschaft so hoch wie zuletzt im Februar 2008.
Dabei spielen die Häuserpreise eine wichtige Rolle, glaubt Joseph LaVorgna, Chef-Volkswirt der Deutschen Bank in den USA. Der Effekt des Markts für Eigenheime sei „massiv". Dafür spricht auch, dass die Kredite für Häuser in diesem Jahr um mehr als ein Fünftel auf 77 Milliarden US-Dollar gestiegen sind, wie Daten der Analysesparte von Moody's besagen. „Wir können den Häusermarkt langsam eher als Stütze für das Wachstum statt als Bremse sehen", glaubt Frank Blake, Chef der Baumarktkette Home Depot .
Auch Clara Soh ist zuversichtlicher geworden, was den eigenen Geldbeutel angeht. Und sie gibt mehr aus. Die 35-jährige Pharma-Managerin hat fünf Jahre lang viel gespart und wenig ausgegeben. Jetzt hat sie die Schulden für ihr Haus in Portland umstrukturiert, um von den niedrigen Zinsen zu profitieren. So zahlt sie 300 US-Dollar weniger. Das Haus hat 100.000 Dollar an Wert dazugewonnen. Jetzt will Soh ihre Hypothek früher abbezahlen – und haut Geld auf den Kopf: Kürzlich hat sie 300 Dollar für Kleidung ausgegeben, 1000 für Kletterausrüstung und 700 Dollar für ein neues Fahrrad. „Ich bin zuversichtlicher über die Richtung, in die es geht", sagt sie. „Ich habe ein etwas größeres Polster als früher."
Dass der Immobilienmarkt der US-Wirtschaft in ihrer schwierigen Phase als Stütze dient, liegt auch daran, dass sie zuvor so stark gefallen waren. Schaut man sich zudem die niedrigen Zinsen an, ist einfach zu verstehen, warum viele sich ein Eigenheim leisten können. So sind die Hypotheken kräftig gefallen: Bei einer Anzahlung von zehn Prozent liegen sie aktuell bei 720 Dollar im Schnitt, Ende 2005 waren es noch durchschnittlich 1270 Dollar.
Die steigenden Mieten und vermehrte Haushaltsgründungen haben die Nachfrage angekurbelt. Jetzt stehen so wenige Häuser zum Verkauf, wie seit mindestens zehn Jahren nicht mehr. Das treibt die Preise nach oben. „Die Leute wollen Häuser kaufen, aber sie finden keine", sagt Ivy Zelman, Chef des Recherchedienstleisters Zelman & Associates.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de









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