• The Wall Street Journal

Briten streiten über Wachstumsziel

dapd

Mark Carney, designierter Chef der Notenbank Bank of England.

Die britische Regierung hat den Gouverneur der Bank of Canada (BoC), Mark Carney, dafür gewinnen können, ab Sommer 2013 die Führung der Bank of England (BoE) zu übernehmen. Carneys Nominierung hat viel Beachtung gefunden - aber was bedeutet sie eigentlich für die Art und Weise, in der die Briten in den nächsten Jahren mit den Folgen von Finanzkrise und Großer Rezession umgehen wollen? Erste Antworten dürfte Carney am Donnerstag bei seiner Anhörung im Finanzausschuss des Unterhauses geben.

Carney: Geldpolitik nicht unbedingt an Inflationsziel ausrichten

Carney hatte nach seiner Nominierung mit der Äußerung für Aufsehen gesorgt, dass eine Zentralbank ihre Geldpolitik nicht unbedingt an einem Inflationsziel ausrichten müsse - denkbar sei auch ein Wachstumsziel. Zwar stellte er umgehend klar, dass er damit nicht unbedingt die Geldpolitik der BoE gemeint habe, aber die Diskussion über ein nominales Wachstumsziel, in Großbritannien als NGNPT (Nominal Gross Domestic Product Target) abgekürzt, ist seitdem in der Welt und wird von Bankvolkswirten und in Finanzblogs heftig geführt.

Als ein Argument für ein Wachstumsziel wird seine bessere Verständlichkeit und damit Glaubwürdigkeit angeführt. So argumentiert Joseph Cotterill, dass das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP) als eine Billion-Pfund-Zahl ein besseres und leichter erklärbares Ziel darstelle als eine Inflationsrate. Ein nachvollziehbares Argument angesichts der immer noch anhaltenden Debatten über den schon Jahre zurückliegenden Wechsel vom RPIX-Index auf den CPI.

Attraktiv wäre eine Abkehr vom Inflationsziel wohl aber vor allem aus einem praktischen Grund: Obwohl sich die britische Wirtschaft in einer Rezession befindet, liegt die Inflation nämlich weiter deutlich über 2 Prozent - dem offiziellen Inflationsziel der Bank of England.

Weitere Lockerungsmaßnahmen, auf die viele Briten hoffen, und die auch die BoE selbst für notwendig hält, lassen sich vor diesem Hintergrund nur schwer rechtfertigen. Die BoE kauft seit Oktober 2012 keine Staatsanleihen mehr, wird aber demnächst in einem Brief an den Schatzkanzler erneut erklären müssen, warum die Inflation zu hoch ist.

Ein weitere Streitpunkt ist, welcher Art dieses Wachstumsziel sein sollte. Der Economist plädiert für Folgendes: Die BoE sollte zusagen, ihre Zinsen so lange sehr niedrig zu halten, bis das nominale BIP um 10 Prozent gestiegen ist. Das würde in etwa dem Verfahren entsprechen, dass auch die Federal Reserve seit der jüngsten Modifikation von QE3 anwendet.

Was wäre die Basis eines Wachstumsziels?

Fast ebenso wichtig wie die Frage, ob sich die BoE ein BIP-Ziel setzt, ist die Frage, was sie eigentlich als Basis ihres Ziels auswählt und welche Trendrate des jährlichen Wachstums sie unterstellt. Der Economist schlägt den aktuellen Wert von 1,5 Billionen Pfund vor. Aber diskutiert werden auch andere Ausgangspunkte.

Paul Mortimer Lee, Chefvolkswirt von BNP Paribas etwa sieht zwei mögliche Extremwerte: Der eine wäre der das am Beginn der Rezession 2008 gemessene BIP. Nimmt man die damalige Trendrate von 4,5 Prozent hinzu, läge der Zielwert um 14 Prozent über dem jetzigen Stand. "Das würde eine gewaltige zusätzliche Lockerung erforderlich machen, ohne dass dabei schon die Wachstumsraten der kommenden Jahre berücksichtigt wären", rechnet er vor.

Das andere Extrem wäre das aktuelle BIP, was bei einem jährlichen Wachstum von 4,5 Prozent einen Zielwert von 9,2 Prozent bedeutet würde. Allerdings ist eine Trendrate von 4,5 Prozent wohl etwas hochgegriffen, denn offensichtlich hat die Krise die Fähigkeit der britischen Wirtschaft, zu wachsen, beeinträchtigt. Es bleibt abzuwarten, wie sehr Mark Carney am Donnerstag ins Detail gehen wird.

Vielleicht bleibt ja alles ein Sturm im Wasserglas und der scheidende BoC-Gouverneur konzentriert sich auf ganz andere Dinge. So weist Simon Hayes von Barclays Capital darauf hin, dass Carney bei der Bank of Canada versucht hat, die Wirksamkeit der Geldpolitik über eine stärkere Berechenbarkeit zu steigern. Zu seinen bevorzugten Instrumente gehörten zum Beispiel Zinszusagen für längere Zeiträume. Solche Methoden hat die BoE, die ansonsten eine extrem lockere Geldpolitik betreibt, nicht angewandt. Interessant wird aus seiner Sicht auch sein, ob Carney im Falle weiteren Lockerung auch wieder andere Papiere als die von seinem Vorgänger Mervyn King bevorzugten Staatsanleihen kaufen würde.

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