• The Wall Street Journal

US-Aktienrally bringt Pessimisten in Erklärungsnot

Gina Martin Adams hat es derzeit schwer, ihre Vorhersagen zum US-Aktienmarkt zu rechtfertigen. Die Analystin von Wells Fargo Securities ist derzeit die wohl pessimistischste Stimme an der Wall Street, während die US-Aktienindizes auf immer neue Rekordhöhen steigen.

In Gesprächen mit Kunden bekomme sie derzeit deutlich mehr Kritik zu hören als sonst, sagt Adams. Sie räumt zu, dass ihre Vorhersage immer unwahrscheinlicher wirkt: Am Ende des Jahres sieht sie den S&P-500-Index 8 Prozent niedriger als derzeit, bei 1.390 Punkten.

Der Trend deutet aber auf einen ganz anderen Verlauf hin: Der Dow Jones Industrial Average konnte am Freitag nach guten Konjunkturdaten die Marke von 14.000 Punkten knacken und markierte damit den höchsten Stand seit Oktober 2007. Der S&P 500 hat die zuletzt vor fünf Jahren gesehene Marke von 1.500 Punkten bereits am Freitag vergangener Woche erreicht.

Nach Jahren der Unsicherheit am Aktienmarkt wollen die Anleger diesen stabilen Aufwärtstrend jetzt ausnutzen. Es gibt Anzeichen dafür, dass selbst Privatanleger wieder verstärkt an den Markt zurückkehren. Gerade Woche berichtete der Fondsanalysedienst Lipper, dass Anleger jetzt schon die vierte Woche in Folge mehr Geld in Fonds investiert als abgezogen haben.

Viele Optimisten glauben, dass der Trend den Zentralbanken zu verdanken ist, die auf der ganzen Welt Geld in das Finanzsystem pumpen. Solange diese Konjunkturmaßnahmen anhalten, rechnen sie mit robusten Aktienkursen. Generell gibt es Anzeichen, dass sich die Wirtschaft erholt. Viele US-Unternehmen haben bessere Bilanzen vorgelegt als erwartet. Im Verhältnis zu den Umsätzen seien die Aktienkurse noch niedrig, sagen die Optimisten.

Associated Press

Die Stimmung der Investoren verbessert sich insgesamt, wie Marktbeobachter feststellen. Skeptische oder gar pessimistische Einschätzungen sind ziemlich unpopulär. Das Foto zeigt Händler an der Wall Street beim Geschäft.

Marktstrategen, die meistens zuversichtlich in ein neues Jahr einsteigen, sind aktuell hingegen die Gegenstimme zu den Optimisten. Mindestens vier bekannte Wall-Street-Strategen rechnen derzeit damit, dass der S&P 500 am Jahresende entweder Punkte eingebüßt haben wird oder unverändert notiert.

In einem von Optimismus geprägten Umfeld eine so deutlich pessimistische Vorhersage auszusprechen, ist für einen Strategen eine riskante Position. Zumindest können sie im Jahresverlauf ihre Schätzungen korrigieren, und in den vergangenen Jahren haben sie das auch oft getan, da sich die Märkte und Kurse oft besonders schwankend zeigten.

Nicholas Bohnsack, Stratege und Partner bei Strategas Research Partners, hat in den vergangenen Wochen einen deutlich stärkeren Optimismus unter seinen Kunden festgestellt. Viele erkundigen sich, ob die Firma ihre Jahresendschätzung für den S&P 500 von 1.404 Punkten ändern werde. Das würde bedeuten, dass der Index bis Jahresende um 6,6 Prozent fallen würde. „Die Kunden sagen, dass sie an diesem Markt teilhaben wollen, dass sie womöglich zu spät einsteigen. Sie wollen wissen, ob die Rally noch anhalten wird", sagt Bohnsack.

Seit die USA ihre Haushaltskrise abgewendet haben und sich die Krise in Europa langsam beruhigt, steigen Aktien zwar. Doch Bohnsack sieht ansonsten keinen Grund, warum die Märkte weiter steigen sollten.

Einige Anleger schauen optimistisch auf die anziehende US-Wirtschaft, andere jedoch sehen vor allem die Federal Reserve Bank, die derzeit jeden Monat 85 Milliarden Dollar an Anleihen kauft, um die Wirtschaft anzukurbeln. Da in nächster Zeit die Steuern steigen und eine Reihe von staatlichen Regulierungen in Kraft treten werden, könnte bald Gegenwind für den Aktienmarkt kommen.

Die Vorhersagen von Unternehmen sind jüngst zudem extrem pessimistisch ausgefallen. Von allen Unternehmen, die bereits ihre Ergebnisse vorgelegt und Schätzungen über das neue Jahr abgegeben haben, haben neun von zehn mit ihren Prognosen die Erwartungen der Wall Street enttäuscht. Seit Anfang 2008 war diese Zahl in keinem Quartal so hoch wie in diesem, berichtet FactSet.

Ron Sloan, der als Portfolio-Manager und Chief Investment Officer des Core-Equity-Teams bei Invesco zwölf Milliarden Dollar verwaltet, fürchtet den Zeitpunkt, wenn die Fed den Geldhahn endgültig zudreht. Die Notenbank hat ihre Bilanz seit 2008 mit Stützungskäufen auf mehr als zwei Billionen Dollar aufgepumpt. „Das Problem ist meiner Ansicht nach, dass dieser Aufschwung fast zu 100 Prozent von den Zentralbanken angetrieben wurde", sagt Sloan.

Sloan rechnet damit, dass die Unternehmenserträge 2013 stagnieren und die Gewinnmargen kaum wachsen dürften. Der S&P 500 sei zu schnell gestiegen und könnte deshalb bis Ende März wieder bis auf 1.350 Punkte fallen, sagt Sloan.

Wells-Fargo-Analystin Adams bleibt bei ihrer Prognose: „Die Kurse bewegen sich zwar entgegen meinen Vorhersagen, aber ich glaube, wir müssen uns auch darüber klar sein, dass es noch sehr früh ist", sagt sie. „Es ist erst Januar – dabei reden manche Leute, als sei der Rest des Jahres schon besiegelt."

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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