• The Wall Street Journal

Russische Zentralbank lässt Staatschef Putin auflaufen

[image] Associated Press

Will auf die indirekten Forderungen von Wladimir Putin nach einer Zinssenkung nicht eingehen: Zentralbankchef Sergej Ignatjew. Der ehemalige Wirtschaftsberater des früheren russischen Präsidenten Boris Jelzin scheidet noch in diesem Jahr aus dem Amt. Das Foto zeigt ihn im September 2008 mit Putin.

MOSKAU - Russlands oberster Zentralbanker hat die indirekte Forderung von Präsident Wladimir Putin nach einer lockereren Geldpolitik diplomatisch zurückgewiesen. Während Putin angesichts einer schwächelnden Wirtschaft Druck auf die Bank Rossii macht, erklärte deren Vorsitzender Sergej Ignatjew, die Kreditzinsen würden fallen, wenn sich die Inflation verlangsame.

Putin erklärte bei einer Sitzung der Regierung, die im Staatsfernsehen übertragen wurde, er beobachte einen „beunruhigenden Anstieg der Zinsen auf ein Niveau, das deutlich über der Inflationsrate liegt und unvermeidlich die Kreditvergabe beeinflusst".

Ignatjew, der seinen Posten an der Spitze der Zentralbank in diesem Jahr abgeben wird, erklärte daraufhin am Donnerstag, die Bemühungen der Aufsichtsbehörden zur Eindämmung der Inflation trügen bereits erste Früchte, und die Zinsen sänken ebenfalls – „vielleicht nicht sofort, aber sie werden es", sagte der oberste Notenbanker.

Die russische Zentralbank sieht ihre Hauptaufgabe im Kampf gegen die Inflation. Sie lag mit 6,7 Prozent im vergangenen Jahr wieder über dem relativen Tiefstand von 2011 mit 6,1 Prozent. Im Jahrzehnt davor waren die Preise stets prozentual zweistellig gestiegen. Ignatjew erwartet, dass der Preisauftrieb auf „sechs, fünf oder sogar vier Prozent" sinkt, wenn die gesetzliche Bestimmung überprüft würde, wonach ein Teil der staatlichen Öleinnahmen in einen Rücklagenfonds eingezahlt wird.

Die Bank Rossii steht wegen ihrer strikten Geldpolitik unter Dauerbeschuss von Seiten der Unternehmen des Landes – insbesondere von Exporteuren - und dem Wirtschaftsministerium in Moskau, weil die russische Wirtschaft nach einem Jahrzehnt hoher Wachstumsraten seit 2009 zunehmend lahmt.

Agence France-Presse/Getty Images

Im vergangenen Jahr wuchs die russische Wirtschaft nur noch um 3,4 Prozent, nach 4,3 Prozent im Jahr zuvor, zeigen offizielle Daten, die am Donnerstag veröffentlicht wurden. Das Wachstum liegt damit leicht unter der Prognose, die die Regierung zuvor abgegeben hatte – und deutlich unter dem eigentlichen Kreml-Ziel von 5 Prozent.

Nach Meinung von Vertretern der Zentralbank und des Finanzministeriums ist das vergleichsweise träge Wachstum allerdings das Maximum, was Russland ohne tiefgreifende Reformen überhaupt schaffen kann. Die Regierung geht davon aus, dass das Wachstum 2013 nur minimal über dem des Vorjahres liegen wird.

Im Wirtschaftsministerium gibt man die Schuld an der lahmenden Wirtschaft dagegen der straffen Geldpolitik der Zentralbank. Der stellvertretender Minister Andrej Klepatsch hat der Bank Rossii wiederholt vorgeworfen, dass sie einen Abschwung bei den Unternehmensinvestitionen verursache und dass ein höheres Wachstum möglich sei, wenn sie die Zügel lockerer lasse. Einige Minister haben sich ähnlich - wenn auch zurückhaltender - geäußert.

Russische Industriellen wie der Aluminium-Mogul Oleg Deripaska haben die Zentralbank wegen der hohen Kapitalkosten ziemlich scharf attackiert. Aus Sicht der Notenbank gibt es jedoch nicht ausreichend verlässliche Kreditnehmer, um eine Zinssenkung zu rechtfertigen.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

Copyright 2012 Dow Jones & Company, Inc. Alle Rechte vorbehalten

Dieses Textmaterial ist ausschließlich für Ihre private, nicht kommerzielle Nutzung. Die Verbreitung und die Nutzung dieses Materials unterliegt unserem Abonnentenvertrag und ist urheberrechtlich geschützt.

Panorama

  • [image]

    Die Welt in Bildern: 18. Juni

    Beim berühmten Pferderennen im britischen Ascot trinkt man trotz äußerer Eleganz den Sekt gern aus der Flasche, in Indien huldigen Hindus dem heiligen Fluss Ganges und in Madrid rücken die Abrissbagger in ein Elendsviertel ein. Das und mehr sehen Sie in unseren Fotos des Tages.

  • [image]

    Obama in Europa: Tanzen mit Angie, Boxen mit Wowi

    US-Präsident Barack Obama kommt viel herum - nicht nur, aber öfter in Deutschland, auch in Frankreich, Tschechien oder Großbritannien jubelt ihm die Menge zu. Wir zeigen schöne, nachdenkliche und sportliche Momente mit Obama in Europa.

  • [image]

    Spektakuläre Formen - Autos wie Skulpturen

    "Sinnlicher Stahl: Autos des Art Deco", unter diesem Titel zeigt das Frist Center for Visual Arts in Nashville, Tennessee, 19 Autos und zwei Motorräder. Die Ausstellung ist gewissermaßen eine Hommage an das im Art Déco gehaltene Gebäude: Sie zeigt Fahrzeuge in sinnlicher Strenge.

  • [image]

    Vom Holzmotorrad zum Schuhauto - die kuriosesten Fahrzeuge

    Mit Kristallen besetzte Autos oder ein Motorrad aus recycelten Fahrradteilen: Wer mit diesen Fahrzeugen unterwegs ist, zieht mit Sicherheit die Blicke auf sich. Wir zeigen, wie Menschen auf der ganzen Welt ihre fahrbaren Untersätze verschönern.

  • [image]

    Hochhauspreise schießen in den Himmel

    Investoren haben zuletzt zunehmend sehr große Summen für Hochhäuser in New Yorks Stadtteil Manhatten bezahlt. Einige der Gebäude in unserer Bildergalerie.

  • [image]

    Was 3D-Drucker können

    Immer mehr Unternehmen setzen 3D-Drucker im alltäglichen Geschäft ein. Ford nutzt sie bisher nur zur Herstellung von Prototypen. Der Autohersteller träumt aber von einer Zukunft, in der Kunden ihre eigenen Ersatzteile drucken können.

  • [image]

    Steiniges Heim in Kalifornien

    Sonne, Strand, spanisch-mexikanische Straßenzüge und entspannte Menschen: Santa Barbara an der Westküste der USA lockt Hollywood-Stars und Musiker an, die keine Lust auf Trubel haben. Unser Haus der Woche in den Hügeln über der Stadt bietet Ruhe - und atemberaubende Ausblicke.