• The Wall Street Journal

Wenn Unsicherheit keine Entschuldigung mehr ist

Im vergangenen Jahr waren die US-Bürger Laborratten in einem Wirtschaftsexperiment. Dabei sollte folgende Frage beantwortet werden: Verhindert jede Menge Unsicherheit, was die Steuergesetzgebung und die künftigen Ausgaben der öffentlichen Hand angeht, gepaart mit der Aussicht, dass der Finanzminister bald seine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann, dass eine Volkswirtschaft in Schwung kommt, die dafür eigentlich bereit ist?

Uncertainty over government policy used to be the ten thousand pound weight holding down the U.S. economy. So now that Washington has reduced some of that uncertainty, is the U.S. economy about to take off? WSJ's David Wessel joins The News Hub. Photo: AP.

Wir stehen kurz davor, das jetzt herauszufinden. Der Kongress und US-Präsident Barack Obama haben es geschafft, viel von der kurzfristigen Unsicherheit zu beseitigen, aber sie haben längst nicht alles geklärt. Wir wissen jetzt, wie die US-Steuersätze aussehen, wenigstens für dieses Jahr. Wir können sicher sein, dass dem US-Finanzminister das Geld nicht ausgeht – wenigstens nicht vor August. Und schließlich verzichten die Republikaner darauf, die Schuldenobergrenze als Druckmittel gegen Obama einzusetzen.

Trotzdem ist die Gefahr nicht gebannt, dass es noch zu finanziellen Einschnitten in allen Bereichen des Staates kommen wird, eventuell sogar zu einem Stillstand der Regierungsmaschinerie im März.

Das abzuschätzen ist schwierig. Der tägliche Gradmesser der Unsicherheit, den Akademiker an Zeitungsberichten festmachen, zeigte im Januar sicherlich abwärts – verglichen mit dem Dezember.

Stellt sich also die Frage, ob Washington ausreichend Unsicherheit beseitigt hat und die US-Wirtschaft jetzt kurz vor einem echten Spurt steht.

Es sieht nicht danach aus. Die Konjunktur schleppt sich dahin, könnte für ein Wachstum von um die zwei Prozent sorgen. Das ist besser als kein Wachstum (wer das genauer wissen will, muss nur in Europa nachfragen), aber nicht annähernd genug, um die Arbeitslosigkeit schnell zu senken.

Der Aktienmarkt immerhin ist glücklich. Der Immobilienmarkt läuft ebenfalls besser. Der Autoabsatz ist stark. All das ist gut. Aber es gibt keine, wenigstens derzeit, ausreichende Aufwärtsbewegung bei den privaten Ausgaben, um die Schwäche im Ausland, die höheren Steuern im Inland und die Ausgabenkürzungen der Regierung ausgleichen zu können.

Fiskalklippe war nur ein Problem unter vielen

Was bedeutet das nun für die These von der Unsicherheit? Eine Möglichkeit ist, dass die alles belastende Unsicherheit und ihre Folgen für die Konjunktur zwar eine nette und plausible Geschichte war, aber nicht das eigentliche und große Problem der Vereinigten Staaten zum Ende des vergangenen Jahres.

Nach dem jüngsten Stimmungsbarometer der National Association for Business Economics gaben drei Viertel der befragten Manager an, die Angst vor der Fiskalklippe habe keinerlei Einfluss auf ihr Investitions- oder Einstellungsverhalten gehabt.

Sicher, es war ernüchternd, dass die US-Behörden nach vorläufigen Zahlen für das vierte Quartal einen Rückgang der Wirtschaftsleistung von 0,1 Prozent auswiesen, auch wenn es gute Gründe gibt anzunehmen, dass diese Zahlen revidiert werden. Entscheidend dafür waren erhebliche Veränderungen bei den Verteidigungsausgaben, den Ausfuhren und den Lagerbeständen.

Stärke zeigten einzig die Wirtschaftsbereiche, die eigentlich von der lähmenden Unsicherheit am meisten hätten getroffen werden müssen: Verbraucherausgaben und Investitionen der Unternehmen in Ausrüstung und Software. Doch hier erwies sich das Wachstum im vierten Quartal stärker als im dritten.

Associated Press

Noch immer sind Republikaner und Demokraten in der Haushaltspolitik weit auseinander. Ende vergangenen Jahres gelang vom Senat aus nur eine teilweise Einigung: Hier die Senatoren Bob Corker und Lamar Alexander.

Manager berichteten von der Zurückhaltung ihrer Kunden zum Jahresende, und sie äußern nachgerade verblüfft, was ihnen zur Begründung aufgetischt wurde. Die Unsicherheit, die von Washington ausging, so sagen sie, sei eine gängige Erklärung gewesen, vielleicht habe sie auch als eine Entschuldigung hergehalten.

Dave Nord, ist Chef von Hubbell, einem Hersteller von elektrischen und elektronischen Bauteilen. Er sagte vergangene Woche zu Analysten: „Es gab einige Unsicherheiten rund um die Wahlen und die Fiskalklippe, und ich glaube, das hatte Auswirkungen. Aber es ist schwer, das zu quantifizieren."

Und Pentair stellte in seiner Sparte, die Maschinen für die Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie herstellt, fest, „dass viele Projekte sich einfach verzögerten, wegen der Fiskalklippe oder warum auch immer." Pentair-CEO Randy Hogan ist sich allerdings sicher, dass die Kunden zurückkommen, sobald sie sich wieder etwas sicherer fühlten.

US-Wirtschaft will nicht in Schwung kommen

Bisher verzeichneten im Januar aber nur wenige Unternehmen ein Anziehen ihrer Geschäfte. Hubbell etwa spricht von „ersten Anzeichen, dass das erste Halbjahr etwas besser läuft" und Software-Gigant SAP vermerkte, bei den großen Unternehmen werde seit kurzer Zeit wieder „lockerer" investiert.

Dass es nicht recht bergauf gehen will, mag damit zu tun haben, dass in Washington noch nicht ausreichend Knoten durchschlagen wurden, um den Optimismus von Verbrauchern und Unternehmern wirklich anzufachen. Insgesamt nämlich gibt es wenig Fortschritt bei den Sozialausgaben des Bundes oder den Reformen im Steuersystem – und wer weiß schließlich schon, wo im Bereich des Staatshaushaltes die nächsten Fallstricke und politischen Auseinandersetzungen lauern.

„Der Fiskalkompromiss vom Jahresende hat wenig an unserer Sicht auf die makroökonomischen Bedingungen geändert", erklärte wohl auch deshalb Honeywell-Finanzvorstand Dave Anderson. „Die Unsicherheit ist da draußen immer noch vorhanden."

„Es ist, als wenn sich die eigenen Eltern streiten", sagte Nicholas Bloom, Volkswirt an der Universität Stanford, der sich intensiv mit der Rolle von Unsicherheit im Wirtschaftsprozess beschäftigt hat. „Nachdem sie sich zunächst nur angeschrien haben, sind sie jetzt einig, dass sie sich scheiden lassen wollen. Wie sie das aber machen wollen, ist weiterhin unklar."

Die Fiskalkollision in der Politik mag aus den Schlagzeilen verschwinden, sagte Bloom: „Aber das grundsätzliche Problem ist nicht beseitigt. Es drückt."

Das Risiko einer wirtschaftlichen Katastrophe – dass etwa das Finanzministerium kein Geld mehr hat, oder dass der Euro kollabiert – ist abgeklungen. Das ist willkommen. Trotzdem ist die USA mit chronischen Problemen beschäftigt, die das Wachstum im In- und Ausland gravierend beeinträchtigen. Wie und wann diese Hindernisse beiseite geräumt werden, das ist nach wie vor sehr unsicher.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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