• The Wall Street Journal

Karl-Thomas Neumann: Ein kommunikativer Ingenieur soll Opel retten

Karl-Thomas Neumann tritt den momentan wohl schwierigsten Job in der Automobilindustrie an: den Chefposten bei Opel. Zudem wird der 51-Jährige auch die Leitung des gesamten Europageschäfts von General Motors übernehmen. Er gilt als versierter Branchenexperte und guter Kommunikator – Eigenschaften, die der krisengebeutelte Autobauer in der wohl schwierigsten Phase seiner 150-jährigen Unternehmensgeschichte gebrauchen kann. Für Neumann könnte Opel nach eher glücklosen Stationen bei Volkswagen und Continental die letzte Chance sein, bei einem großen Automobilunternehmen seine Führungsqualitäten zu beweisen.

dapd

Karl-Thomas Neumann übernimmt bei Opel keine einfache Aufgabe.

Die Stelle war seit dem Rücktritt Karl-Friedrich Strackes im Juli vakant. Interimistisch hatte Strategievorstand Thomas Sedran die Geschicke von Opel gelenkt. Neumann erklärte, er freue sich auf den neuen Job. „Ich weiß, dass es eine anspruchsvolle Aufgabe sein wird. Aber ich bin davon überzeugt, dass wir den Turnaround schaffen werden".

Bereits als vor einigen Monaten erste Gerüchte über die Berufung Neumanns öffentlich wurden, zeigten sich Branchenkenner überzeugt: Neumann könnte der Richtige sein. Von „herausragender Ingenieur mit Visionen" bis zu „extrem gute Wahl" – die Reaktionen fielen einhellig positiv aus. Gelobt wurden nicht zuletzt seine Motivations- und Vermittlungstalente.

Die sind zweifelsohne gefragt in einer Phase, in der sich verschiedene Lager mit unterschiedlichen Interessen – Management, Arbeitnehmer und politische Lokalfürsten – einem großen Ziel widmen müssen: Opel nach leidvollen Jahren wieder eine Zukunft zu geben und bis Mitte der Dekade wieder in die schwarzen Zahlen zu führen.

Mit Schaeffler überworfen

Es wird einiges für Neumann zu vermitteln geben. Denn man kann nicht sagen, dass die Protagonisten in jüngster Vergangenheit an einem Strang zogen. Vielmehr scheinen die Fronten verhärtet, die Verhandlungen über Kostensenkungen, Werksschließungen und Arbeitsplatzabbau stocken seit Monaten. Steve Girsky, der für Opels US-Mutter General Motors das deutsche Sorgenkind wieder auf Schiene bringen soll, sah sich vergangene Woche sogar gezwungen, den Arbeitnehmern die Pistole auf die Brust zu setzen: Machen die Arbeiter nicht bald Zugeständnisse, könnte das Werk in Bochum bereits Anfang 2015 geschlossen werden. Das wäre zwei Jahre früher als bislang geplant. Die Belegschaft fühlt sich erpresst.

Neumann wurde am 1. April 1961 im niedersächsischen Twistringen geboren, rund 30 Kilometer südwestlich von Bremen. Er studierte Elektrotechnik an der Universität Dortmund und arbeitete nach seinem Zivildienst für das Fraunhofer Institut für integrierte Schaltungen und Systeme in Duisburg, wo er 1993 auch promovierte.

150 Jahre Opel - Von Adam bis Zafira

Seine Karriere verlief steil: Mit Anfang 30 wurde er Leiter des weltweiten strategischen Marketings für den Automobilmarkt beim Handyhersteller Motorola. Der zweifache Familienvater und passionierte Marathonläufer machte seinen Job so überzeugend, dass er kurz vor der Jahrtausendwende zu Volkswagen wechselte und zunächst die Elektronikforschung leitete. Schnell stieg er weiter zum Leiter der Konzernforschung auf und verantwortete schließlich die konzernweite Elektronikstrategie und die Elektrik- und Elektronik-Entwicklung.

2004 wechselte Neumann dann zu Continental, wo er die Milliardenübernahme der Automotive-Sparte von Siemens mit vorantrieb, die die Hannoveraner zum zweitgrößten deutschen Zulieferer hinter Bosch werden ließ. Im Herbst 2008 übernahm Neumann den Vorstandsvorsitz bei Conti – nur wenige Monate nach dem Einstieg von Schaeffler und der offiziellen Abgabe des Übernahmeangebots für den Zulieferer.

Es folgte der erste Bruch in seiner beruflichen Laufbahn: Wegen Streitigkeiten mit dem Mehrheitseigner führte Neumann Conti nur ein gutes Jahr und nahm dann im Unfrieden seinen Hut. Er hatte den Franken öffentlich vorgeworfen, Schaeffler lähme Conti mit einer Hinhaltetaktik. Obwohl er seinen Stuhl räumen musste, bescheinigen ihm Experten bis heute, sich dieser schwierigen Situation gut behauptet zu haben.

Große Karriere vorausgesagt

Von Hannover aus ging es für Neumann Ende 2009 zurück nach Wolfsburg zu Volkswagen. Als Konzernbeauftragter für Elektrotraktion und Generalbevollmächtigter war der E-Mobility-Experte für die Entwicklung von Stromantrieben verantwortlich und unterstand direkt Vorstandschef Martin Winterkorn. Ende 2010 ging Neumann für VW nach China.

Damals war ihm eine große Karriere bei Europas größtem Autobauer vorausgesagt worden. Er galt sogar als einer der Favoriten auf die Nachfolge des mittlerweile 65-jährigen Konzernlenkers Winterkorn. Schließlich florierte unter ihm das China-Geschäft, die Volksrepublik wurde zum wichtigsten Markt von VW. Mittlerweile geht mehr als jedes vierte weltweit verkaufte Auto aus dem Volkswagen-Konzern an einen Chinesen. Neumann verkaufte für VW in China fast drei Mal so viele Autos, wie Opel weltweit absetzt.

Er war damit in der Idealposition, um das im Sommer das neu geschaffene Vorstandsressort für China zu übernehmen. Doch bei einem großangelegten Umbau der Führungsmannschaft war er der wohl größte Verlierer: Neumann bekam Jochem Heizmann vor die Nase gesetzt, der bis dato ohne sichtbare Erfolge die VW-Nutzfahrzeugsparte weiterentwickeln sollte. Der zweite große Bruch in seiner Karriere.

Von Winterkorn hieß es, man suche nach neuen Aufgaben im Konzern für Neumann. Über die Gründe für seinen Abschuss wurde offiziell nie etwas bekannt. In Medien war allerdings die Rede davon, dass er bei Winterkorn und Konzernpatriarch Ferdinand Piëch in Ungnade gefallen war, weil er sich zu sehr auf die Selbstvermarktung als möglicher neuer VW-Chef konzentriert und Qualitätsprobleme im Reich der Mitte zu verantworten hatte.

Der Druck ist immens

Neumann selbst meldete sich nie in der Sache zu Wort, es galt aber als absehbar, dass er bei nächstmöglicher Gelegenheit wohl gehen würde. Nun hat er eine neue Chance bekommen. Er könnte irgendwann das Gesicht sein, das für einen erfolgreichen Neuanfang bei Opel steht, den viele Experten schon für unmöglich erklärt haben. Mit harten Sparmaßnahmen sowie einer runderneuerten Produktpalette soll die Trendwende gelingen. GM gibt Neumann dabei Rückendeckung und betont bei jeder sich bietenden Möglichkeit, dass Opel nicht zum Verkauf steht. Anderslautende Gerüchte halten sich trotzdem hartnäckig.

Die Geschichte von Opel

Schwierige Aufgaben liegen vor Neumann. Diese dürfte er allerdings hochmotiviert angehen. Denn auf dem Weg mit Opel zurück in die Erfolgsspur kann er seinen Ex-Kollegen in Wolfsburg das eine oder andere Schnippchen schlagen. Besser gesagt muss er das. Denn so viel ist klar: Der Weg zum Erfolg auf Opels wichtigstem Markt führt nur über den Branchenprimus Volkswagen.

Andererseits ist der Druck immens. Das Image von Opel ist ramponiert und muss dringend aufpoliert werden, um den Marktanteilsschwund auf dem schrumpfenden Markt aufzuhalten. Außerdem ist es wohl Neumanns letzte Chance. Denn wer weiß schon, wie viele Karrierebrüche einem Topmanager verziehen werden – egal wie sie auch zu Stande gekommen sein mögen.

Kontakt zum Autor: nico.schmidt@dowjones.com

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