• The Wall Street Journal

Die Stärke des Euro wird sein Verhängnis

Der Euro ist auf dem Höhenflug: Am Mittwoch erreichte die einst fast totgesagte Gemeinschaftwährung ihren höchsten Stand seit November 2011.

Aber selbst die Investoren, die dazu beigetragen haben, dass der Euro auf 1,3588 Dollar kletterte, sehen nicht mehr viel Luft nach oben. Um die europäische Wirtschaft stehe es immer noch nicht gut und ein stärkerer Euro könne die Lage noch verschlimmern. Und weil Zentralbanken darum wetteifern, die eigene Währung abzuwerten und der Wert des Euro deshalb steigt, könnte auch die Europäische Zentralbank irgendwann gezwungen sein, ihnen zu folgen.

Agence France-Presse/Getty Images

Eine Frau läuft in Athen an einem mit Euroscheinen bedruckten Poster vorbei.

„Ich kann mir vorstellen, dass es für den Euro noch zwei bis drei Prozent nach oben geht, aber ich rechne nicht mit einer dauerhaften Rally", sagte Joe Corbach von Swiss Global Asset Management, das im September 2012 rund 70 Milliarden Euro verwaltete. „Wir glauben nicht, dass der Euro über 1,40 Dollar steigt." Corbach ist seit November im Euro übergewichtet, erlegt aber, auf eine neutral zurückzukehren.

Der Euro hat es in kurzer Zeit weit nach oben geschafft. Auf dem Höhepunkt der Eurozonen-Krise im vergangenen Jahr machten Unternehmen sogar schon Notfallpläne für den Fall eines Untergangs der Währung.

Der Wendepunkt kam im Sommer, als die EZB versprach, krisengeplagte Staatsanleihemärkte zu stützen und die Eurozone nicht auseinanderbrechen zu lassen. Seitdem EZB-Präsident Mario Draghi im Juli seine Unterstützung zusicherte, hat der Euro zum Dollar rund zwölf Prozent zugelegt. Verschiedene Faktoren haben den Aufstieg begünstigt.

Nachdem sich die Angst vor einer Katastrophe gelegt hatte, nahm die Kapitalflucht ein Ende, die den Euro auf dem Höhepunkt der Krise stark belastet hatte. Investoren haben aufgehört, aus Angst den Euro zu verkaufen und beim Dollar zuzugreifen. Die überraschende Nachricht vom Mittwoch, dass die amerikanische Wirtschaft schrumpft, trieb den Euro zum Dollar nach oben. Vor einigen Monaten hätte dies noch eine gegenteilige Reaktion auslösen können.

Die Frage ist nun, was die Zentralbanken unternehmen. Die amerikanische Federal Reserve hat zugesichert, die kurzfristigen Zinsen niedrig zu halten. Sie betreibt ebenso wie die Bank of England massive Anleihekaufprogramme. Auch die Bank of Japan kämpft gegen den starken Yen.

Die EZB geht in die andere Richtung. Vor einem Jahr gab sie massenweise günstige Kredite an Banken aus. Nun lässt sie sich vorzeitig einen Teil des Geldes zurückzahlen – und nimmt damit Liquidität aus dem Markt. Das trägt dazu bei, dass der Aufwärtsdruck beim Euro zunimmt. Bisher haben die Banken, die günstige Kredite für eine Billion Euro erhalten haben, Rückzahlungen über 137 Milliarden Euro angekündigt. In den kommenden Wochen dürfte es noch mehr werden.

Das bringt die EZB in Bedrängnis. Sie würde gern ihre lockere Geldpolitik zurückfahren, aber es lauert die Gefahr, dass die steigende Währung das Wirtschaftswachstum gefährdet – und das bereit besonders den Südeuropäern Sorge.

„In wirtschaftlicher Hinsicht geht es Europa nicht besser als vor einem halben Jahr", sagte Reto Feller von der Westpac Bank. Die Gemeinschaftswährung erreiche inzwischen ein Niveau, an dem sich die EZB-Vertreter bald klar zum starken Euro äußern könnten. Er rechnet damit, dass der Euro noch auf 1,37 Dollar steigt, bevor er wieder schwächer wird.

Eine starke Währung wirkt sich vor allem auf Exportunternehmen negativ aus, weil sie Waren im Zielland verteuert. Auch für ausländische Direktinvestitionen verlöre der Euroraum an Attraktivität. Die EZB prognostiziert schon jetzt für 2013, dass die Wirtschaftsleistung in der Eurozone um 0,3 Prozent schrumpft.

EZB-Vertreter haben den Euro bisher nicht als überbewertet bezeichnet und eine weitere Aufwertung zugelassen. EZB-Chef Draghi beruhigte kürzlich, „bisher bewegen sich der reale und der effektive Wechselkurs des Euro im langjährigen Mittel".

Aber die Sorgen in Europa sind groß. Viele rechnen damit, dass der Druck auf die EZB steigt, ihre Geldpolitik wieder zu lockern, was den Euro wieder drücken würde. In Spanien zum Beispiel steigt die Arbeitslosigkeit weiter und die Wirtschaft schrumpft. „Sie werden als nächsten Schritt etwas für die Wirtschaft tun", sagte John Hardy von der Saxo Bank in London. „Ich denke, wir werden eine abrupte Kehrtwende erleben."

Philippe Bonnefoy, Gründer von Eleuthera Capital aus der Schweiz, rechnet damit, dass Gewinnmitnahmen und wieder zunehmend schlechte Daten aus der Eurozone dem Aufstieg des Euro Einhalt gebieten werden. In dieser Woche ist er beim Euro von seiner Übergewichtung auf eine neutrale Position zurückgekehrt. Zwischen 1,35 und 1,37 Dollar will er beim Euro short gehen, das heißt auf fallende Kurse setzen.

Auch andere Anleger wollen von einer Schwäche profitieren, obwohl viele, die bereits auf einen sinkenden Euro setzten, sich die Finger verbrannt hatten, nachdem Draghi die Stimmung komplett gedreht hatte.

Philippe Gougenheim, der den 60 Millionen Dollar schweren Gougenheim Hedgefonds leitet, will noch, einen weiteren Anstieg des Euro abwarten. Erst dann will er auf eine Optionsstrategie setzen, die ihm erlaubt, Euro zu verkaufen. Das brächte ihm einen schönen Gewinn, wenn die Gemeinschaftswährung in den nächsten drei bis sechs Monaten, so glaubt er, wieder auf 1,30 Dollar fällt.

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