• The Wall Street Journal

US-Wirtschaft schrumpft erstmals seit 2009

WASHINGTON – Die Angst vor der Fiskalklippe hat die US-Wirtschaft im vierten Quartal 2012 auf Schrumpfkurs geschickt. Wie das Handelsministerium im Rahmen einer ersten Veröffentlichung mitteilte, sank das Bruttoinlandsprodukt zwischen Oktober und Dezember auf das Jahr hochgerechnet um 0,1 Prozent. Das ist der erste Rückgang seit dem zweiten Quartal 2009. Von Dow Jones Newswires befragte Volkswirte hatten mit einem Anstieg von 1,0 Prozent gerechnet. Nach Ansicht der meisten Experten haben die USA aber nur eine Wachstumsdelle erlitten, die Erholung der Wirtschaft sehen sie nicht gefährdet.

Im dritten Quartal war das US-BIP um 3,1 Prozent gewachsen, nachdem für das zweiten Quartal ein Anstieg von 1,3 Prozent verzeichnet worden war. Im ersten Quartal war die größte Volkswirtschaft der Welt um 2,0 Prozent gewachsen. Für das Gesamtjahr 2012 wurde ein BIP-Wachstum von 2,2 Prozent registriert, nach einem Zuwachs um 1,8 Prozent im Jahr 2011.

Während die Unternehmen im Schlussquartal des vorigen Jahres wegen der heiß diskutierten Fiskalklippe zur Vorsicht neigten und ihre Lagerbestände abbauten, strichen viele staatlichen Stellen ihre Ausgaben zusammen. Die Staatsausgaben fielen im vierten Quartal um annualisiert 6,6 Prozent, der stärkste Rückgang seit 1973.

Hinter den geringeren Staatsausgaben steckten vor allem rückläufige Rüstungsausgaben, die um rund 22 Prozent einbrachen. Nord/LB-Volkswirt Tobias Basse wies darauf hin, dass dies der größte Rückgang in diesem Segment der US-Volkswirtschaft war, der seit dem Ende des Vietnamkrieges zu beobachten war. Postbank-Ökonom Heinrich Bayer vermutet, dass die drohende Fiskalklippe die US-Regierung dazu veranlasst hat, mit den verfügbaren Finanzmitteln sparsam umzugehen.

„Nein, es ist keine Rezession", ist sich Unicredit -Ökonom Harm Bandholz trotz der enttäuschenden BIP-Daten sicher. Es sei wichtig zu betonen, dass die Schwäche ausschließlich von drei Bereichen komme: Lagerbestände, Außenhandel und Staatsausgaben. Der wichtige Privatkonsum sei dagegen gestiegen, und bei den Bruttoanlageinvestitionen sei die Aufwärtsbewegung sogar noch stärker gewesen. Daher sollte die US-Wirtschaft im Jahresverlauf wieder deutlich an Stärke gewinnen, so dass die Erholung weiter geht.

Diese Einschätzung wird an den Märkten offenbar geteilt: Nach einer kleinen Schrecksekunde, in der der Dax stärker abtauchte, erholte sich das Börsenbarometer wieder und notierte leicht im Minus.

Nach Ansicht von LBBW-Volkswirt Dirk Chlench ist entscheidend, dass sich die private Inlandsnachfrage trotz der damaligen Unsicherheit über die Fiskalklippe als robust erwiesen hat: „Daher bekräftigen wir unsere Prognose, dass die US-Wirtschaft im laufenden Jahr mit einer Rate von 2,0 Prozent wachsen und damit den Euroraum, Großbritannien und Japan hinter sich lassen wird."

Unterdessen ist auch der Inflationsdruck gering geblieben. Der von der US-Notenbank als Inflationsmaß favorisierte Deflator für die persönlichen Konsumausgaben stieg um 1,2 Prozent nach einem Plus von 1,6 Prozent im Vorquartal.

Der BIP-Deflator betrug plus 0,6 Prozent nach plus 2,7 Prozent im Vorquartal. Volkswirte hatten einen Anstieg um 1,4 Prozent erwartet. Der BIP-Deflator misst die Preisentwicklung anhand aller produzierten Waren und Dienstleistungen. Die Verbraucherpreise werden dagegen mittels eines repräsentativen Warenkorbs erhoben.

Kontakt zu den Autoren: andreas.plecko@dowjones.com

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