• The Wall Street Journal

Um Betriebsrat Einenkel wird es bei Opel einsam

Rainer Einenkel ist ein Kämpfer. Seit Jahren setzt er sich wie ein Löwe für den Erhalt des Bochumer Opel-Werks ein. Hier hat schon sein Vater das einstige Erfolgsmodell Kadett montiert. Der Kampf scheint so etwas wie sein Lebenswerk zu sein, die Schließung des Standorts zu verhindern. Einenkel ist darüber eine öffentliche Person geworden. Er kämpft allerdings Don Quijotes sprichwörtlichen Kampf gegen Windmühlen, denn das Aus ist kaum zu verhindern. Zu allem Überfluss gehen dem Betriebsrat langsam aber sicher auch noch die Verbündeten aus - auch in der Arbeitnehmerschaft.

Dass es mittlerweile zwischen den Belegschaftsvertretern einen Graben gibt, belegt ein kürzlich versandtes Flugblatt des Rüsselsheimer Betriebsratschefs Wolfgang Schäfer-Klug, seines Zeichens auch Gesamtbetriebsvorsitzender von Opel in Deutschland und Europa. Darin kritisiert er nicht nur die Opel-Mutter GM für die jüngsten Drohung, das Werk in Bochum schon zwei Jahre früher zu schließen als zuletzt versprochen. Auch Einenkel bekommt dort sein Fett weg.

dapd

Rainer Einenkel, der Betriebsratschef von Opel in Bochum, will das Werk in jedem Fall gegen die Schließungspläne des Managements verteidigen.Vergangene Woche sprach er zu den Mitarbeitern, nachdem Opel gedroht hatte, schon Ende 2014 die Lichter ausgehen zu lassen.

Zwar wird der Löwe von Bochum nicht direkt angesprochen, doch ist es nicht zu bestreiten, dass "Realo" Schäfer-Klug das Vorgehen des bekennenden "Linken" Einenkel nicht mehr gutiert. "Falschinformationen" und "Skandalisierungen" prangert Schäfer-Klug an.

Sie gefährdeten eine Lösung, mit der Zukunft von Opel gesichert werde: "All dies hilft weder den von den Schließungsplänen des Managements betroffenen Bochumer Kolleginnen und Kollegen und ihren Familien, noch hilft dies den Beschäftigten an den anderen Standorten und der Marke Opel, deren Erfolg im Markt Grundlage jeder Standort- und Beschäftigungssicherung ist", moniert Schäfer-Klug.

Die ohnehin schwierige Gemengelage verschärfte sich in der vergangenen Woche. Stein des Anstoßes war ein Brief von Stephen Girsky, dem Aufsichsratschef von Opel und Leiter des gesamte Europageschäfts von General Motors, gerichtet an die Mitarbeiter. Darin setzte er der Opel-Belegschaft die Pistole auf die Brust.

Die Kurzfassung: Der Amerikaner fordert von den Mitarbeitern, sie müssten noch im Februar Zugeständnisse zur Sanierung machen. Ansonsten könnte das Werk in Bochum nicht erst nach Ende 2016 sondern sogar schon Anfang 2015 geschlossen werden. Einenkel beschwerte sich - seinem Selbstverständnis entsprechend - besonders lautstark über diese, wie er es nennt, Erpressung.

In Rüsselheim ruft der Betriebsrat zur Vernunft auf

Schäfer-Klug sieht es nüchterner: Bei aller Empörung über das Verhalten von Girsky müsse die Ausgangslage der Verhandlungen über die Zukunft der deutschen Standorte wahrheitsgemäß dargestellt werden, fordert der Betriebsrat die Opelaner zur Besonnenheit auf.

Fakt sei, dass es mit der Stundung der Tariferhöhung im vergangenen Jahr gelungen sei, die Schließung des Standortes Bochum nach dem Auslaufen der gültigen Verträge Ende 2014 vorerst abzuwenden, auf jeden Fall bis Ende 2016. Allerdings gelte diese Zusage nur, wenn man sich mit den Arbeitnehmern auf einen Sanierungsbeitrag der Belegschaft verständigen würde. Das sei von Anfang an klar gewesen.

Eine solche Einigung gebe es eben noch nicht. "Das bedeutet, dass wir bei einem Scheitern der Verhandlungen auf den jetzt gültigen Zukunftsvertrag zurückfallen - und der gilt nur bis Ende 2014", schreibt Schäfer-Klug. Schon dann könnte das Bochumer Werk zur Disposition stehen. Das könne nicht im Interesse der Arbeitnehmer sein, warnte Schäfer-Klug.

Dass General Motors bei der Sanierung der defizitären Tochter Opel langsam die Geduld ausgeht, dürfte niemanden verwundern. Schließlich wird schon seit vergangenem Sommer verhandelt, und eigentlich sollte im Herbst eine Einigung gefunden worden sein. Opel produziert tiefrote Zahlen; allein für 2012 wird ein Verlust von bis zu 1,8 Milliarden US-Dollar erwartet. Seit der Jahrtausendwende ist ein Minus in deutlich zweistelliger Milliardenhöhe aufgelaufen. Und Besserung ist nicht in Sicht: Der europäische Automobilmarkt wird auch in diesem Jahr schrumpfen, und auf ihn ist die Marke mit dem Blitz angewiesen.

Die Rettung des Bochumer Werks sei angesichts der Überkapazitäten in der Automobilbranche und vor dem Hintergrund der Wirtschafts- und Finanzkrise in Europa "keine einfache Aufgabe", gesteht Gesamtbetriebsrat Schäfer-Klug dem Opel-Management zu.

Experten halten Bochum für nicht zu retten

Experten gehen noch weiter: Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen sagt, es gebe zur Schließung von Bochum keinerlei Alternative. Für GM müsse es nun darum gehen, möglichst keine "verbrannte Erde zu hinterlassen". Branchenkenner glauben, dass in Europa rund ein Viertel mehr Autos hergestellt werden können als der Markt aufnehmen kann.

Für Rainer Einenkel, Jahrgang 1954 und seit Beginn seiner Elektrikerlehre Anfang der 1970er Jahre bei Opel, stellt sich die Frage, wie er der vertrackten Situation entkommen will, in die er sich mit der bedingungslosen Festlegung manövriert hat, das Werk in jedem Fall zu erhalten.

Die Opel-Führung hat ihm die eine oder andere Ausfahrt angeboten – zum Beispiel die Schließung um zwei Jahre nach hinten zu schieben. Ex-DKP-Mitglied Einenkel, der als Betriebsratschef seit 2004 die Interessen der Bochumer Opelaner vertritt, wird mit seinem Mantra, dass das Bochumer Werk weniger altbacken sei, als von allen dargestellt, und dass seine Schließung "die teuerste aller Zeiten" für GM werde, wohl nicht auf Dauer durchhalten können. Dafür steht für alle Beteiligten zu viel auf dem Spiel.

Kontakt zum Autor: nico.schmidt@dowjones.com

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