Von SAM DAGHER
DAMASKUS—Die humanitäre Krise in Syrien spitzt sich zu. Die Notlage der vom Krieg geplagten Menschen zwingt viele syrische Frauen dazu, in eine ungewohnte Rolle zu schlüpfen. Nicht selten sind sie es jetzt, die sich als Ernährerinnen um Großfamilien kümmern, die wegen der anhaltenden Kämpfe ihre Heimat verlassen mussten. Einige Syrerinnen setzen sich sogar der Gefahr aus, eingesperrt zu werden, wenn sie für diese Flüchtlingsfamilien nach Nahrung, ärztlicher Versorgung und Obdach suchen.
Kürzlich machte sich eine Ärztin aus Damaskus an einem kalten Wintermorgen auf den Weg in das Arbeiterviertel Rokeneddin im Norden der Stadt. Von dort aus schießen Regierungstruppen regelmäßig Raketen auf mutmaßliche Kämpfer der Opposition in den Vororten ab. Die Ärztin hat Bananen und Mandarinen im Gepäck. Bestimmt sind sie für eine Mutter mit vier kleinen Kindern, die in Rokeneddin in einer fast leeren Wohnung Unterschlupf gefunden haben. Die Ärztin versorgt die Familie kostenlos, untersucht die Kinder, 10.03.bringt ihnen Medikamente und Essen. "Wenn es sie nicht gäbe, könnte ich meine Kindern nicht ernähren", sagt die Mutter. Es habe sie mit ihren Kindern hierher verschlagen, nachdem ihr Mann und ihr Bruder im vergangenen Jahr in Homs von Heckenschützen der Armee erschossen wurden.
Seit zwei Jahren leiden die Syrer nun schon unter den Unruhen und dem Bürgerkrieg. Immer mehr Familien werden auseinander gerissen. Frauen und Kinder versuchen, schwer umkämpfte Wohngebiete zu verlassen. Die Männer bleiben oft zurück, um weiterzuarbeiten oder - meist auf Seite der Opposition - zu kämpfen. Oder sie sind tot, werden vermisst oder wurden inhaftiert. Über eine Million syrische Flüchtlinge habe man nun erfasst, teilten die Vereinten Nationen am Mittwoch mit. In Syrien selbst sind nach Erhebungen der UN rund zwei Millionen Menschen aus ihren Heimatorten vertrieben worden und weitere zwei Millionen sind dringend auf Unterstützung angewiesen.
Da die syrischen Männer ihrer traditionellen Rolle als Ernährer nicht mehr nachkommen können, wenden sich viele der hilfsbedürftigen Familien an nunmehr allein stehende Mütter, damit sie diese Rolle erfüllen. Einige Frauen, die die nötigen Mittel dazu haben, betreiben in Syrien Hilfsnetzwerke an der Basis. Andere helfen in der eigenen Gemeinde. Und einige haben sogar den Mut, über konfessionelle Schranken hinweg zu wirken. Sie hoffen, dass sie ein Fundament zur Überwindung der tiefen Gräben im Land legen können.
"Das ist ein Projekt für den inneren Frieden und zur Stärkung der Stellung der Frauen", sagt Najat Murshed. Die 57-jährige Witwe leitet ein informelles Unterstützungsnetzwerk. Es ist ihr ein Anliegen, auch Arbeit für allein stehende Mütter zu finden, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden.
Wer hilft, lebt gefährlich
Die syrischen Kriegsparteien gingen bei der Gewährung humanitärer Hilfe oft nach politischen Aspekten vor, berichten Regime-Kritiker und Helfer. Stamme eine Familie, der eine allein erziehende Mutter vorsteht, aus einer Gegend, die der Rebellenseite zugeneigt ist, würde sie von den staatlichen Stellen und Wohltätigkeitsorganisationen generell gemieden, erzählen sie. Und die Hilfe internationaler humanitärer Organisationen erreiche viele Flüchtlinge nicht. Denn diese ausländischen Gruppen dürfen in Syrien nur tätig werden, wenn sie sich bereit erklären, dass ihre Hilfsgüter über staatliche Kanäle und autorisierte Nichtregierungsorganisationen verteilt werden. Die syrische Regierung schreibt vor, dass sich jeder Hilfsempfänger registrieren und Einzelheiten zu seiner Person preisgeben muss.
Wer hilft, lebt gefährlich. Viele Syrer sind bereits verhaftet und ins Gefängnis geworfen worden. Das Regime wirft ihnen vor, Mittel aus dem Ausland erhalten zu haben, berichten Aktivisten, Menschenrechtsgruppen und syrische Augenzeugen. Wer Geldüberweisungen über mehr als 215 Dollar aus dem Ausland erhält, muss dies den Sicherheitsbehörden melden, berichten mehrere Oppositionelle.
Auf einer internationalen Geberkonferenz im Januar in Kuwait waren den Bedürftigen in Syrien mehr als 1,5 Milliarden Dollar an Hilfsgeldern zugesagt worden. Bis Mittwoch waren allerdings nur 20 Prozent dieser Mittel tatsächlich bereitgestellt worden, meldet die UNO. Die Ärztin, die die Flüchtlingsfamilie in Rokeneddin versorgt, ist skeptisch. Falls die Hilfsgelder überhaupt ihren Weg zu den Syrern fänden, würden bestimmt nicht die davon profitieren, die am meisten darauf angewiesen seien, meint sie. "Am besten wäre es, sie würden gar nichts spenden, wenn das über die Regierung laufen soll", sagt sie. "Die Leute werden davon gar nichts zu Gesicht kriegen."
Es wurde vergeblich versucht, bei den syrischen Ministerien Stellungnahmen zu den Behauptungen einzuholen, die Regierung verweigere einigen Flüchtlingsfamilien die Unterstützung und zwar im besonderen allein erziehenden Müttern mit Verbindungen zu den Rebellen.
Staatlicher humanitärer Helfer bestreitet Vorwürfe
Vehement dementiert wurden diese Vorwürfe allerdings von Nazih Sharafeddin. Er leitet eine von Dutzenden Einrichtungen in Schulen und Behörden in Damaskus und im ganzen Land, die die Regierung in behelfsmäßige Unterkünfte und Hilfszentren umfunktioniert hat. "Unsere Arbeit ist rein humanitär und unpolitisch", beteuert er. Er schiebt den Mangel an Ressourcen auf die internationalen Zusagen, die nicht eingelöst würden.
Auf staatliche Hilfe wartet auch Umm Layan, zu deutsch: Layans Mutter, immer noch vergebens. Sie ist ganz und gar auf die Ärztin aus Damaskus angewiesen, die sich auch um sie und ihre Familie kümmert. Sie sei im vergangenen Herbst aus einem der Vororte von Damaskus vertrieben worden, berichtet die 21-Jährige. Ihr Mann sei zurückgeblieben, um auf der Seite der Rebellen zu kämpfen. Für kurze Zeit hätte sie mit ihren drei kleinen Töchtern in einem Park gelebt. Dann seien sie bei Verwandten untergekommen, die in einem engen Gässchen in Rokeneddin lebten und beide alt und krank seien. Der Raum, in dem sie sich aufhalten, ist nur mit Strohmatten und Schaummatratzen ausgestattet. Strom, Heizung oder Gas zum Kochen gibt es nicht.
Die Ärztin überreicht der jungen Mutter Bettlaken und einige Kleidungsstücke. Umm Layan habe im Januar bei ihr angeklopft, erzählt die Medizinerin. Außer einem Päckchen Instant-Nudeln, das sie mit kaltem Wasser anrührte, habe sie nichts mehr zu Essen gehabt. Sie habe dann erst einmal Essen und Kleidung für die Mutter und ihre Mädchen besorgt und Umm Layans krankes Baby behandelt. Die Kleine, die erst zehn Monate alt ist, habe an einer Mageninfektion und Bronchitis gelitten. Die beiden anderen Mädchen habe Umm Layan vor ein paar Wochen an der hiesigen Schule angemeldet.
Wohlhabende Syrer innerhalb und außerhalb des Landes spendeten Geld für Miete, Essen, Kleidung und Haushaltsgeräte, berichtet die Ärztin. Bargeld verteile sie selten. Sie selbst und die meisten, denen sie unter die Arme greife, seien zwar Sunniten. Aber die Spender gehörten allen möglichen ethnischen und religiösen Gruppen an.
Die Witwe Murshed wiederum leitet ein Hilfsnetzwerk, das in Jaramana angesiedelt ist. In dem Bezirk im Südosten von Damaskus leben vorwiegend Christen und Drusen. Sie gehören in Syrien der Minderheit an und unterstützen entweder größtenteils immer noch das syrische Regime oder verhalten sich neutral. Murshed selbst entstammt einer prominenten drusischen Familie.
Mit Hilfe anderer Frauen beherbergt und versorgt sie allein erziehende Mütter und deren Familien, die durch Kämpfe in angrenzenden Gegenden vertrieben wurden, die vorwiegend von sunnitischen Muslimen bewohnt werden. Die sunnitische Mehrheit in Syrien hat die Aufstände gegen Staatspräsident Baschar al-Asad angeführt, dessen Regime von der Minderheit der Alawiten dominiert wird, der auch er selbst angehört.
Murshed erzählt, sie sei im Dezember kurzzeitig von den Sicherheitskräften festgesetzt worden, weil sie Decken und Lebensmittel an die Flüchtlingsfamilien verteilt hatte. Nachdem ältere Gemeindemitglieder zu ihren Gunsten interveniert hätten, sei sie wieder auf freien Fuß gesetzt worden.
Sie hat Dutzende von Familien in halbfertigen Wohnblocks untergebracht. In einem der Apartments, in denen es noch keine Heizung gibt, händigt die Frau Nudeln, Milchpulver, Marmelade, Käse, Brot und Windeln an drei Schwestern und ihre insgesamt 15 Kinder aus.
Es ist ihr auch gelungen, die Ortsbehörden dazu zu überreden, ein Freizeitzentrum in eine Unterkunft für Flüchtlinge umzufunktionieren. In den Büros des Zentrums haben bereits 250 Menschen ihr Lager aufgeschlagen. Um noch mehr Vertriebenen Unterkunft zu bieten, haben Bauarbeiter jüngst die Billardhalle der Anlage unterteilt und mit Teppichboden ausgestattet.
Draußen vor dem Gebäude spielen Flüchtlingskinder auf dem Fußballfeld. Andere liegen im Gras und malen Bilderbücher aus. Am Himmel donnern Kampfflugzeuge des Regimes vorbei. In einiger Entfernung sind Detonationen zu hören.
"Manchmal ist man einfach nur erschöpft und verliert die Hoffnung", sagt die Nichte von Murshed, die als Freiwillige mithilft." Aber es ist Verrat, wenn Du sagst, Du hast die Nase voll, wenn Menschen sterben."
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de









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