• The Wall Street Journal

Big Data erobert das Büro

Vor einigen Jahren wollte die Bank of America wissen, ob ihre Angestellten im Call-Center produktiver wären, wenn sie mehr Zeit mit ihren Kollegen verbringen würden. Also bat die Bank 90 ihrer Mitarbeiter, einige Wochen lang Sensoren zu tragen, die ihre Bewegungen und den Ton ihrer Unterhaltungen aufzeichneten.

Alison Seiffer

Wer in der Pause mit Kollegen spricht, ist am Schreibtisch produktiver. Das haben Studien mit Sensoren herausgefunden.

Die Daten zeigten, dass die produktivsten Angestellten Teil eines engen Teams waren und oft mit ihren Kollegen sprachen. Also plante die Bank of America die Pausen ihrer Call-Center-Mitarbeiter so, dass sie ihre Freizeit nicht einzeln, sondern in einer Gruppe verbringen würden. Die Produktivität stieg daraufhin um mindestens zehn Prozent, sagt Michael Arena, der zu der Zeit in der Personalabteilung arbeitete und an der Studie beteiligt war.

Big Data, das Sammeln und Auswerten großer Datenmengen, wird immer häufiger zu einem festen Bestandteil von Büros. Unternehmen nutzen Sensoren, die in Echtzeit Informationen darüber sammeln, wie Angestellte arbeiten und miteinander umgehen. Die Geräte, die an Schlüsselbändern getragen oder an den Möbeln installiert werden, zeichnen auf, wie oft Mitarbeiter von ihrem Schreibtisch aufstehen, mit anderen Teams sprechen oder Meetings veranstalten.

Die Daten sollen Einblicke in Prozesse geben, die sonst niemand so genau beobachten kann. Um die Zusammenarbeit und die Produktivität zu fördern, planen Unternehmen basierend auf den Daten die Kaffeepausen anders oder stellen sogar Teams anders zusammen. „Umfragen messen den Gefühlszustand eines Angestellten nur zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sensoren messen das Verhalten hingegen objektiver", sagt Arena.

Aus den Daten muss Sinn gemacht werden

Es ist jedoch eine Gratwanderung zwischen Big Data und Big Brother, zwischen Datensammeln und der systematischen Überwachung von Angestellten – zumindest in den Augen vieler Angestellten. Befürworter der Sensoren argumentieren hingegen, dass Smartphones und Firmenausweise schon jetzt oft den Aufenthaltsort der Angestellten übertragen können. In vielen Fällen können sich Angestellte außerdem entscheiden, nicht an den Sensorenstudien teilzunehmen.

Doch Sorgen um die Privatsphäre der Angestellten sind nicht die einzige Hürde, sagen Manager. Unternehmen müssen auch in der Lage sein, aus den Daten einen Sinn zu erschließen.

Im vergangenen Jahr sammelte Cubist Pharmaceuticals mit Sensoren Daten über 30 Angestellte in den Vertriebs- und Marketingabteilungen, um mehr über die Interaktionen zwischen Team-Mitgliedern und zwischen verschiedenen Abteilungen herauszufinden, sagt Eric Kimble von Cubist.

Vier Wochen lang trugen die Angestellten Geräte so groß wie ein Smartphone, die vom Bostoner Start-up Sociometric Solutions bereitgestellt wurden. Diese sammelten Daten über ihre Bewegungen, ihren Aufenthaltsort, ihre Stimme und ihre Gesprächsmuster.

Die Informationen wurden mit Daten über den E-Mail-Verkehr und den Ergebnissen aus wöchentlichen Umfragen verarbeitet, bei denen Angestellte angeben konnten, wie produktiv sie sich fühlten.

Wie bei der Bank of America entdeckte Cubist einen Zusammenhang zwischen einer höheren Produktivität und persönlichen Interaktionen zwischen Kollegen. Die Daten zeigten außerdem, dass sich Angestellte gerade zur Zeit der Mittagspause seltener mit Kollegen unterhielten, da sich viele an ihren Schreibtisch zurückzogen.

90 Prozent machen mit

Als Reaktion darauf entschied sich das Unternehmen, die Cafeteria einladender zu gestalten, die Beleuchtung zu verbessern und hochwertigere Mahlzeiten anzubieten, damit Angestellte sich eher entscheiden würden, zusammen anstatt an ihrem Schreibtisch zu essen.

Außerdem schaffte Cubist einige Kaffeestationen und Wasserspender ab, damit sich die Mitarbeiter der Vertriebs- und Marketingabteilungen dort treffen würden. Das Unternehmen plante eine tägliche Kaffeepause um 15 Uhr ein, um den Angestellten eine Gelegenheit zur Erholung zu geben und sie gleichzeitig dazu zu bringen, Zeit miteinander zu verbringen.

Video auf WSJ.com

As Big Data becomes a fixture of office life, companies are turning to tracking devices to gather real-time information on how teams of employees work and interact. Rachel Emma Silverman reports on Markets Hub.

Bei diesen Studien bekommen die Angestellten meist einen Bericht über das Verhalten der Gruppe insgesamt, in dem keine Namen genannt werden, und manchmal können sie zusätzlich ihre eigenen Daten einsehen.

Ben Waber, Chef von Sociometric Solutions, sagt, einige Manager wollten hin und wieder Daten über einen bestimmten Angestellten einsehen. Doch seine Kunden müssten im Voraus einen Vertrag unterschreiben, der ihnen genau das verbietet.

Individuelle Daten können jedoch spannende Informationen liefern: Zum Beispiel sagt Waber, er könne aus den Bewegungsmustern eines Angestellten ablesen, ob er bald das Unternehmen verlassen oder befördert werden könnte.

Etwa 90 Prozent aller Arbeiter bei den 50 großen und mittleren Unternehmen, bei denen Waber schon Sensorenstudien durchgeführt hat, erklären sich dazu bereit, die Sensoren zu tragen. Diejenigen, die sich dagegen entscheiden, können einen unechten Sensor tragen, der aussehe wie alle anderen, jedoch keine Daten übertrage, sagt er.

Laut Lewis Maltby, Präsident des National Workrights Institute, das sich mit dem Arbeitsrecht befasst, verstoße die Sensorentechnologie nicht gegen bestehende Gesetze. „Es ist nicht illegal, die eigenen Angestellten im eigenen Gebäude zu überwachen", sagt er.

Sensoren unter Stühlen

Doch er warnt davor, dass Arbeitgeber Daten über einzelne Angestellte verlangen könnten. „Kaum ein Dienstleister wird dem Arbeitgeber, der die Rechnung zahlt, solche Daten verweigern", sagt Maltby. „Es würde mich sonst sehr überraschen. Es ist nicht illegal. Aber will man das wirklich, dass ein Arbeitgeber einen bei der Arbeit überwacht?"

Sensoren können auch zeigen, wie Arbeitnehmer ihre Büroflächen nutzen. Bei Kimberly-Clark beschwerten sich Angestellte oft, dass es nicht genug Konferenzräume gebe. Also installierte das Unternehmen Sensoren unter Stühlen und in Konferenzräumen. Es fand heraus, dass oft Gruppen von drei oder vier Mitarbeitern große Räume belegten, sagt Mike Dietzen, der für die Raumplanung zuständig ist.

Also richtete das Unternehmen mehr kleine Konferenzräume ein, die für kleine Gruppen bestimmt sind. Seitdem beschwerten sich Angestellte deutlich seltener über die Verfügbarkeit von Räumen, sagt Dietzen.

Die Sensoren, die Angestellte tragen, seien erst der Anfang eines breiteren Trends, sagen Forscher. Viele Arbeitgeber wollen zum Beispiel „intelligente Bürogebäude" einrichten, in denen Sensorentechnologien den Aufenthaltsort aller Angestellten in Echtzeit abbilden und Meetings mit nahegelegenen Kollegen vorschlagen.

Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

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