Von HENDRIK VARNHOLT
Gerhard Cromme macht Platz für den Neuanfang bei Thyssen-Krupp : Der 70-Jährige verlässt nach zwölf Jahren als Aufsichtsratschef am 31. März das Kontrollgremium des Stahl- und Technologiekonzerns. Er tritt zugleich von seinem Amt als stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender beim Großaktionär Krupp-Stiftung zurück. Cromme galt dort lange als wahrscheinlicher Nachfolger des einflussreichen Konzernpatriarchen Berthold Beitz. Angesichts dramatischer Fehlinvestitionen und fragwürdigen Geschäftsgebarens bei Thyssen-Krupp geriet aber auch Cromme in die Kritik. In der Folge verliert er alle Macht bei dem Konzern.
Vor allem während der Hauptversammlung Mitte Januar war der Unmut der Aktionäre deutlich geworden: Cromme war damals Pfiffen und Buhrufen ausgesetzt. Anlegerschützer und Investorenberater forderten den Rücktritt des Aufsichtsratsbosses. Der Aktionär Oliver Krauß bezeichnete ihn als „größte Teflonpfanne der Republik". Tatsächlich schien es, als perle die Kritik an Cromme ab. Er sagte: Der Aufsichtsrat gewährleiste „die Stabilität, die es in diesen Zeiten braucht".
Die Kritik der Öffentlichkeit und der Aktionäre hatte Thyssen-Krupp etwa wegen einer Beteiligung an einem Kartell auf dem Schienenmarkt ausgelöst. Im vergangenen Jahr geriet der Konzern zudem wegen Luxusreisen mit Journalisten und Arbeitnehmervertretern in die Schlagzeilen. Auch die Zahlen des Konzerns verstimmten die Anteilseigner: Thyssen-Krupp wies für das vergangene Geschäftsjahr einen Verlust von 5 Milliarden Euro aus. Für das Minus waren vor allem enorme Schwierigkeiten beim Aufbau von Stahlwerken in Amerika verantwortlich: Allein im vergangenen Jahr schrieb Thyssen-Krupp 3,6 Milliarden Euro auf sein amerikanische Stahlgeschäft ab, weil mehrfach technische Schwierigkeiten und andere Planabweichungen aufgetreten waren. Derzeit sucht der Konzern einen Käufer für seine US-Stahlsparte.
Cromme spricht von „personellem Neuanfang"
ThyssenKrupp setzte im Dezember mit Olaf Berlien, Edwin Eichler und Jürgen Claassen drei der zuvor sechs Vorstandsmitglieder ab. Aktionäre hinterfragten aber auch die Rolle der Aufseher. Cromme sagte während der Hauptversammlung über die Schwierigkeiten in Amerika: Der Aufsichtsrat habe „zu lange vertraut". Und: „Wir hätten früher handeln können. Aber: Wir haben gehandelt."
Nun also zieht sich Cromme von seinen Ämtern zurück – und spricht von einer Krise des Konzerns. In einer Mitteilung zitiert Thyssen-Krupp seinen Chefaufseher so: „In Verantwortung für das Unternehmen, seine und Mitarbeiter und Aktionäre möchte ich nach zwölf Jahren als Vorsitzender mit diesem Schritt auch im Aufsichtsrat einen personellen Neuanfang ermöglichen." Cromme wünsche Thyssen-Krupp, dass das Unternehmen „aus der derzeitigen Krise gestärkt hervorgeht".
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Diese Krise hatte sich in der vergangenen Woche noch einmal verschärft. Das Bundeskartellamt durchsuchte Geschäftsräume von Thyssen-Krupp. Es droht dem Unternehmen damit schon wieder ein Kartellfall: nach dem Aufzugs- und dem Gleiskartell vermuten die Ermittler Preisabsprachen im Geschäft mit Automobilstahl.
Ob der Verdacht zum plötzlichen Rückzug von Cromme beigetragen hat, blieb offen. Thyssen-Krupp-Vorstandschef Heinrich Hiesinger sagte laut einer Mitteilung: „Der Vorstand und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nehmen die Entscheidung von Dr. Cromme mit Respekt entgegen und danken ihm für sein langjähriges Wirken für das Unternehmen Thyssen-Krupp und seine Vorgängerunternehmen." Von der Krupp-Stiftung hieß es, Kuratoriumschef Beitz habe die Entscheidung „mit großen Respekt" angenommen. Die „langjährige enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit" mit Cromme habe „auch in solchen Zeiten festen Bestand gehabt, in denen für die weitere Entwicklung des Unternehmens Krupp schwierige Entscheidungen getroffen werden mussten". Beitz spreche Cromme seinen „aufrichtigen Dank" aus. Die Krupp-Stiftung ist größter Einzelaktionär von Thyssen-Krupp. Sie hält eine Sperrminorität von 25,33 Prozent der Anteile.
Seit 27 Jahren im Konzern
Die Aktionäre dagegen reagierten erleichtert auf den Rücktritt: Der Kurs der Thyssen-Krupp-Aktie stieg nach der Rückzugsankündigung um mehr als 4 Prozent. „Der Rücktritt Gerhard Crommes ist die Chance für Thyssen-Krupp auf einen großen Neuanfang mit einem starken Vorstandsvorsitzenden Hiesinger und hoffentlich einem geeigneten Nachfolger für Herrn Cromme", sagte Marc Tüngler, der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Der Rücktritt berge allerdings eine gewisse Tragik. Cromme sei ein Stahl-Experte, dessen Sachverstand in der derzeit schwierigen Lage der europäischen Stahlwirtschaft nach Ansicht von Tüngler wertvoll gewesen wäre.
Tatsächlich ist der Rücktritt einschneidend – auch für Cromme selbst: Der Manager hatte schon vor 27 Jahren beim damaligen Krupp-Konzern seine Arbeit aufgenommen. Von 1989 an war er Vorstandschef der Krupp-Holding. Später organisierte er zwei Zusammenschlüsse: zunächst die Fusion von Krupp und Hoesch, dann die Fusion mit Thyssen. Cromme führte Thyssen-Krupp bis 2001 als Vorstandschef. Seitdem war er Aufsichtsratsvorsitzender bei dem Konzern. Außerdem führt er das Kontrollgremium von Siemens . Dort wollte seinen Rücktritt bei Thyssen nicht kommentieren.
—Mitarbeit: Jan Hromadko und Ursula QuassKontakt zum Autor: hendrik.varnholt@dowjones.com







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