Von MARCUS PFEIL
Es war eine gute Woche für Oliver Lünstedt auf der Cebit. Das ZDF hat ihn gefilmt, Philipp Rösler besuchte seinen Messestand, auch der neue niedersächsische Wirtschaftminister Olaf Lies informierte sich über Carzapp. Lünstedt konnte sich kaum retten vor Menschen, die seinen kleinen Stand in Halle 16 belagerten. Dabei ist Carzapp noch gar nicht online, nicht einmal die Betaphase hat begonnen. Aber es macht sich auch so ganz gut, wenn die Computermesse sich in diesem Jahr das Motto „Shareconomy" verpasst und einer wie Lünstedt gerade dabei ist, Carsharing neu zu erfinden.
Genau das hat der junge Gründer mit Carzapp vor. Menschen teilen ihr Auto mit anderen Menschen aus ihrer Nachbarschaft. Die Vermieter verdienen Geld mit ihrem Auto, das ungenutzt nur Rost ansetzen würde. Die Mieter werden günstig mobil. Neu dabei ist, dass sich beide nicht mehr zur Schlüsselübergabe treffen müssen, so wie sie es etwa von Anbietern wie Tamyca, Nachbarschaftsauto oder Autonetzer kennen. Lünstedt baut ihnen stattdessen sein „ZappKit" ins Auto. Mit der Box lassen sich freie Fahrzeuge in der Nähe via Smartphone-App orten und entriegeln. Im Auto findet der Mieter einen Zweitschlüssel vor und kann losfahren.
Vermieter können den Preis für ihr Auto selbst festlegen. Im Schnitt dürfte ein Wagen laut Lünstedt zwischen vier und fünf Euro pro Stunde kosten – ohne Sprit. In den kommenden sechs Monaten testet Carzapp sein Geschäftsmodell in einem Beta-Test in Berlin mit 100 Fahrzeugen. Bis Ende 2014 sollen 1000 Autos in der Hauptstadt mietbar werden. Ein konservatives Ziel, sagt Lünstedt, schließlich hätten sich schon für den Betatest deutlich mehr Interessenten gemeldet als erwartet. Auch von Unternehmen habe er schon Anfragen gegeben, das Flottenmanagement zu übernehmen.
Auf den ersten Blick ist sein Geschäftsmodell so simpel wie sein Produkt. Carzapp nimmt von den Mietern eine Provision, die laut Businessplan etwa 70 Prozent der Carzapp-Einnahmen ausmachen sollen. Vermieter zahlen für das ZappKit eine Art Abo-Gebühr in Höhe von etwa 15 Euro im Monat. Die sei nötig, weil Carzapp sonst bei der Hardwareproduktion in Vorleistung gehen und seine Kunden verpflichten müsse, ihr Auto nicht nur zu registrieren, sondern auch wirklich zu vermieten.
Lünstedt schließt mit seinem Angebot eine Lücke: Im Gegensatz zu den defizitären Angeboten von Mercedes (car2go) und BMW /Sixt (drive now) lohnt es sich für Mieter auch, ein Auto für ein verlängertes Wochenende zu mieten. Und Anbietern wie Tamyca fühlt er sich überlegen, weil „Autobesitzer ihr Auto auch dann vermieten können, wenn sie unterwegs oder bei der Arbeit sind", sagt Lünstedt. Gerne kokettiert er damit, das ZappKit patentiert zu haben. Ein Patent sei allerdings noch nicht eingetragen, heißt es beim Patentamt. Und Tamyca hat ebenfalls eine Hardware-Box entwickelt, die ähnlich funktioniert wie das Zappkit. „Tamyca hat ebenfalls eine Hardware-Box entwickelt, die ähnlich funktioniert wie das Zappkit. Wir haben die Box aber noch nicht an unsere Vermieter ausgeliefert", sagt Tamyca-Chef Michael Minis. Nach aktueller Rechtslage laufen regelmäßige Vermieter Gefahr, ein Gewerbe zu betreiben, wenn sie eine solche Box verbauen und betreiben.
Der Bundesverband der Autovermieter, die Lobby jener Branche, der die Carsharing-Betreiber Geschäft abnehmen, wird jedenfalls nicht müde, damit zu drohen, dass Autovermieter eigentlich Gewerbesteuer zahlen müssten.
Ehe vor Gericht ein Präzedenzfall geschaffen wird, rollt Lünstedt lieber dem Markt auf. Bisher haben die beiden Gründer Oliver Lünstedt und Sahil Sachdeva ihr Start-up privat, über ein Exist-Stipendium und einen Business Angel finanziert. Seit zwei Tagen werben die zwei Gründer über das Crowdinvesting-Portal Seedmatch 250.000 Euro ein, obgleich Lünstedt zugibt, dass es ihm dabei weniger um frisches Kapital geht, sondern vor allem darum, Carzapp bekannter zu machen.
Schon während seines Wirtschaftsingenieurstudiums hat sich der 28-Jährige mit dem Thema Mobilität beschäftigt. Zusammen mit Sachdeva, den er beim Venture Campus der Technischen Universität Berlin kennengelernt hat, entwickelte er Carzapp, angetrieben von der Frage, wie mehr Menschen die vorhandene Fahrzeugflotte nutzen könnten. Schließlich seien auf Deutschlands Straßen 40 Millionen Autos unterwegs, aber im Schnitt nur 24 Minuten pro Tag. Autobesitzer könnten ihre Gefährte theoretisch zumindest 23 Stunden und 26 Minuten am Tag vermieten. Nach dieser Logik hat jedes Auto ein Umsatzpotenzial von etwa 40.000 Euro im Jahr. Kein Wunder, dass Lünstedt aufs Tempo drückt, um möglichst schnell am Markt zu sein.
Dabei soll ihm die US-Versicherung W.R. Berkley helfen, die sich darauf eingelassen hat, die Vermietung auch stundenweise zuzulassen und vor allem zwischen Fahrzeugklassen unterscheidet. Weil der Versicherungsanteil für einen alten Nissan Micra dadurch niedriger ist als für einen Porsche 911, begnügt sich Berkley mit einem Provisionsanteil von 15 Prozent. Weitere 15 Prozent kassiert Carzapp, 70 Prozent bleiben beim Vermieter, deutlich mehr als bei Tamyca und Co, die mit einer Art Globalversicherung arbeiten. Die günstige Versicherung sei der Schlüssel, sagt Lünstedt. Michael Minis von Tamyca hat erst vor ein paar Tagen aus den Carzapp-Geschäftsbedingungen von Berkley erfahren und ist gespannt auf ein Angebot der in Deutschland kaum bekannten Assekuranz. Er hat Zweifel, ob sich das Carzapp-Modell überhaupt versichern lasse. Seine Versicherungspartner würden bei Diebstahl jedenfalls nicht zahlen, wenn im Auto ein Zweitschlüssel für jeden bereitliege.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de

GOENZ/Carzapp






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