Von MICHAEL R. CRITTENDEN und DAN FITZPATRICK
WASHINGTON—In den USA sind nach Ansicht der Notenbank Federal Reserve die meisten Großbanken krisenfest. Wie die Fed in ihrem jüngsten „Stresstest" herausfand, besitzen 17 der 18 größten US-Banken genug Kapitalpuffer, um sich vor einem scharfen Konjunkturabschwung zu schützen. Das am Donnerstagabend veröffentlichte Ergebnis der viel beachteten Studie könnte den Weg für höhere Dividenden und größere Aktienrückkäufe frei machen.
Die Fed hatte untersucht, wie sich ein Anstieg der US-Arbeitslosenquote auf rund 12 Prozent auf die Bankenfinanzen auswirken würde. Sie betonte aber, dass sie keiner der geprüften Banken ein klares „Bestanden" oder „Durchgefallen" bescheinigen könne, solange die Aktienrückkauf- und Dividendenpläne der Banken nicht berücksichtigt seien. Nach Jahren schwankender Aktienkurse infolge der Finanzkrise wollen Banken Anleger nun wieder stärker belohnen. Aber erst in der nächsten Woche will sich die Fed zur Ausschüttungs- und Rückkaufpolitik äußern. Sie hatte Banken wegen der Finanzkrise lange untersagt, die Dividenden zu erhöhen oder Aktien zurückzukaufen, um sicherzustellen, dass die Institute genug Kapital für Krisenzeiten vorhalten. Nun aber dürfte sie das aber im dritten Jahr in Folge wieder zulassen.
Die Ergebnisse vom Donnerstag unterstreichen, dass die amerikanischen Großbanken sich von der schwersten Finanzkrise seit der Großen Depression wieder erholt haben – auch aufgrund milliardenschwerer Staatszuschüsse und von den Regulierungsbehörden erzwungener Bilanzreformen.Trotzdem würden die größten Institute, darunter die Bank of America, J.P. Morgan Chase und Citigroup, nach Ansicht der Fed im Fall eines erneut steilen Abschwungs erhebliche Verluste machen.
Am schlechtesten schnitt die kleinere US-Bank Ally Financial mit einem so genannten Tier-1-Ratio unterhalb der geforderten 5 Prozent ab. Das lag vor allem an ihrer engen Verflechtung zum angeschlagenen Hypothekengeber Residential Capital. Ally Financial selbst hält die Analyse der Fed für verzerrt und behauptet, sie habe eine starke Kapitalbasis.
Am besten schnitten die Finanzinstitute Bank of New York Mellon, State Street und American Express ab. Sie wiesen nach den Daten der Fed die stärkste Tier-1-Kapitalquote auf.
Wie Fed-Direktoriumsmitglied Daniel Turillo bei der Präsentation der Studie mitteilte, hätte sich die „Qualität und Quantität" des Bankenkapitals in den vergangenen vier Jahren „erheblich verbessert". Das ermögliche es den Instituten, die Verbraucher und Unternehmen auch in konjunkturell schwierigen Zeiten mit Krediten zu versorgen.
Seit 2009 gibt es den jährlichen „Stresstest" für Banken. Er hat sich als eine gute Möglichkeit erwiesen, um Investoren und Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die US-Finanzinstitute auch in konjunkturell schwierigen Zeiten bestehen können.
Stressige Beziehung
Wie sich amerikanische Großbanken und die US-Notenbank erneut in die Haare bekamen
•März 2012: Fünf Banken fallen beim Stresstest durch; mehrere Institute beschweren sich bei der Fed, die Testergebnisse seien unberechenbar
•September: Ein leitender Fed-Vertreter verkündet, die Banker würden keine weiteren Informationen zu den Berechnungen der Stresstests erhalten
•November: Die Fed veröffentlicht neue Anweisungen, denen zufolge die Banken ihre Kapitalvorschläge ändern können
•Januar 2013: Die Frist zur Einreichung von Anträgen der Banken bei der Fed über Dividenden und Aktienrückkäufe läuft ab
•Februar-März: Die Banken bedrängen die Fed, alle Informationen an einem Tag bekannt zu geben
•7. März: Die Fed veröffentlicht ihre Berechnungen, wie die Banken einen Abschwung überstehen. Den Banken steht es im Anschluss frei, ihre eigenen Einschätzungen zu verbreiten
•14. März: Die Fed teilt mit, ob sie die beantragten Kapitalmaßnahmen der Banken genehmigt hat
Abgeordnete und ehemalige Aufseher fürchten trotzdem, dass viele der geprüften Banken zu groß sind, als dass die US-Regierung einen Kollaps zulassen würde (in den USA hat sich dafür die Redewendung „too big to fail" eingebürgert). Vor diesem Hintergrund belegen die jüngsten Prüfergebnisse zwar, dass die meisten amerikanischen Großbanken heute finanziell solider dastehen als noch auf dem Höhepunkt der Krise. Die Kritik an ihrer Größe und Komplexität wird deshalb aber wohl nicht verstummen.
Im Vorfeld des diesjährigen Stresstests gab es zudem Verstimmungen zwischen den Banken und der Fed, weil diese erstmals eine zweistufige Prüfung unternommen hat. Führende Vertreter der Banken befürchteten, dass Bankaktien wegen der zeitlichen Verzögerung der Ergebnisse starken Schwankungen ausgesetzt würden. Die Händler würden die Ergebnisse der ersten Veröffentlichung heranziehen und dann spekulieren, wie sich das Abschneiden der Banken dort auf ihre Kapitalvorhaben auswirken könnte, warnten sie. Andere Banker fürchteten, Aktionäre könnten vor Gericht ziehen, wenn die Banken nicht umgehend alle Informationen zu den Kapitalplänen veröffentlichten, die sie von den Regulierern erhielten.
Die Fed aber hatte die zweigeteilte Prüfung in diesem Jahr unternommen, um den Banken entgegenzukommen. Der neue Ablauf ermöglicht es Banken, ihre Anträge auf Aktienrückkäufe und Dividendenzahlungen noch kurzfristig zu reduzieren, bevor die Fed ihre Kapitalbeschlüsse öffentlich bekannt gibt.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de





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