Von JON OSTROWER und CARONLINE VAN HASSELT
Mehr als 15 Jahre lang haben Boeing und Airbus den Markt für Linienflugzeuge mit einer Kapazität von mehr als 125 Passagieren praktisch verschlossen gehalten. Damit könnte es jetzt vorbei sein.
Am Donnerstag stellte Bombardier, bisher auf den Bau von Regional- und Unternehmens-Jets spezialisiert, die Pläne für sein erstes, komplett neues Flugzeug CSeries vor. Dieses tritt in Konkurrenz zu den kleinsten Maschinen der großen Rivalen – allerdings mit einer Ausstattung, die man gewöhnlich nur in großen Maschinen findet.
„Das hier ist kein Papierflieger", sagt Mike Arcamone, Vorsitzender von Bombardier Commercial Aerospace über das 35 Meter lange Testmodell der CSeries. Dieses wird derzeit in einer Fabrik des Unternehmens vor den Toren Montreals gebaut. „Das hier ist das Flugzeug, das im Juni in die Luft gehen wird."
Mit der Enthüllung des Schmalrumpfflugzeugs CSeries bringt Bombardier als erstes Unternehmen seit 1987 ein komplett neues Flugzeug in der untersten Klasse der Passagierflugzeuge für die Hauptrouten auf den Markt. Damals präsentierte Airbus, heute Teil des EADS -Konzerns, seine A320.
Erste Auslieferungen im ersten Halbjahr 2014
Bombardier könnte damit zudem einen Markt aufbrechen, der seit 1997, als Boeing mit McDonnell Douglas fusionierte, allein von Airbus und Boeing dominiert wird. Für das kanadische Unternehmen ist das wichtig, da es sich im Geschäft mit Business-Jets verstärkt der Konkurrenz von Herstellern aus Japan, Russland und China gegenübersieht. Bombardier hofft, durch den Vorstoß in die größere Klasse ihren Vorsprung vor der Konkurrenz zu behalten.
Die erste Auslieferung der CSeries hat Bombardier um sechs Monate auf die erste Hälfte 2014 verschoben. Dieser Zeitplan soll nun aber eingehalten werden. Die Verzögerung reiht sich ein in eine Serie von Aufschüben neuer Jets von Boeing und Airbus. „Es sieht fast so aus, als wenn jeder erwartet, dass Du zu spät kommst", sagt Arcamone, der gegen die verbreitete Auffassung, dass die Branche langsam arbeite, ankämpfen will.
Die Jets der CSeries werden bis zu 149 Passagieren Platz bieten und Distanzen von gut 3.000 bis knapp 5.500 Kilometern fliegen können. Das reicht aus, um die meisten trans-europäischen und nordamerikanischen Routen zu bedienen und China mit Südostasien zu verbinden.
Bombardier ist die Nummer drei unter den weltweiten Flugzeugbauern und einer der führenden Hersteller von Personenzügen. Das Unternehmen, das einen Jahresumsatz von 16,8 Milliarden Dollar macht, hat seine Luftfahrtsparte vor allem über Zukäufe aufgebaut. Seine Flieger hat es auf Grundlage der Markenikonen Learjet und Havilland entwickelt und angepasst.
Auch Analysten sind skeptisch
Die Flieger der CSeries sind das ehrgeizigste Projekt in der 27-jährigen Geschichte Bombardiers als Luftfahrtunternehmen. Die gesamten Entwicklungskosten für den Linienjet werden auf 3,4 Milliarden Dollar geschätzt. 2 Miliarden davon trägt Bombardier, die restlichen 1,4 Milliarden haben Zulieferer sowie die Regierungen Kanadas und der USA beigesteuert. Die Flügel des Flugzeugs, die aus Karbonfaser gefertigt sind, werden im nordirischen Belfast hergestellt.
Boeing und Airbus arbeiten hart daran, die CSeries zu einem Flop werden zu lassen, indem sie überarbeitete Versionen ihrer bestehenden Modelle – die 737 Max bei Boeing und der A320neo von Airbus – auf den Markt bringen. Die Maschinen haben neue Motoren, kommen zu Kampfpreisen und können in höheren Stückzahlen geordert werden.
„Wenn ich auf die CSeries schaue, stellen sich mir zwei Fragen: Kann das Flugzeug wirklich all das, was sie versprochen haben? Und gibt es wirklich einen Markt dafür. Es sieht so aus, als wenn der Markt von ihnen abrückt", sagt Randy Tinseth, der bei Boeing für das Marketing zuständig ist.
Auch einige Analysten sind skeptisch, ob Bombardier auf dem Markt für kleine Passagierflugzeuge Erfolg haben wird. Die großen Bewegungen gäbe es auf dem Markt für größere Flieger, und auch die Gewinne lägen eher dort.
Bombardier hat Effizienz bei Airbus und Boeing angetrieben
Bombardier jedoch hofft darauf, dass es die CSeries so optimieren kann, dass die Jets 20 Prozent weniger Treibstoff benötigen und die Betriebskosten 15 Prozent niedriger ausfallen. Dies soll gelingen, indem zwei kleinere Versionen mit 110 bzw. 130 Sitzen einen leichteren Körper bekommen, in denen es nur fünf Sitze in einer Reihe gibt, statt sechs bei den Fliegern von Boeing und Airbus.
Die Jets der CSerie kosten – je nach Modell – zwischen 62 und 71 Millionen Dollar. Allerdings ist dieser Listenpreis nur bedingt aussagefähig, da die Fluggesellschaften stets Rabatte aushandeln.
Boeing und Airbus haben bisher zusammen rund 3.000 Aufträge für die 737 Max und den A320neo eingesammelt, die sie beide mit neuen Motoren und anderen kleinen Verbesserungen bewerben. Indem sie bestehenden Modellen neue Motoren spendieren oder die Körper leicht verändern, würden sie aber nicht die gleiche Treibstoffersparnis schaffen wie komplett neue Maschinen, behauptet Bombardier.
Bombardier habe eindeutig einen Strategiewechsel bei der Konkurrenz provoziert, sagt Nico Buchholz, der bei der Deutschen Lufthansa für das Flottenmanagement und die Beurteilung neuer Maschinen zuständig ist. Die Lufthansa war der erste Kunde, der die Flieger der CSeries 2008 bestellt hat. Bombardier habe es geschafft, das „Duopol auf ein neues Effizienzniveau zu treiben, da die 737 Max nicht ohne den [A320] Neo auf den Markt gekommen wäre und der Neo niemals ohne die CSeries".
Bombardier hat 180 sichere Bestellungen von elf Kunden für die CSeries. Hinzu kommen laut Chet Fuller, Leitender Verkaufsmanager bei Bombardier, 37 Zusagen von drei anderen Kunden. Fünf weitere Verhandlungen befänden sich auf der Zielgeraden.
Kontakt zum Autor: redaktion@wallstreetjournal.de









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